# taz.de -- 1 Jahr Seitenwende: Im Witz verbunden
       
       > Ecco Meineke archiviert seit 1979 taz-Texte und macht daraus politisches
       > Kabarett. Mit dem E-Paper fremdelt er noch immer. Aber er bleibt der taz
       > treu.
       
 (IMG) Bild: Ein bisschen Show muss sein: Ecco Meineke in Arbeitskleidung
       
       Schön ist es hier, mitten im Stadtteil Sendling. Und ruhig ist es auf dem
       Balkon im Hinterhof. Vor dem Haus läuft eine dieser typischen Münchner
       Verkehrsadern entlang, die nur in der Nacht für ein paar Stunden zur Ruhe
       kommen. Hinten im Schatten eines Ahornbaums auf dem Balkon lässt es sich an
       diesem sonnigen Tag Anfang Oktober bestens unterhalten. Davor wird Kaffee
       gemacht.
       
       „Der soll ganz gut sein“, sagt Ecco Meineke und zeigt auf die Tüte mit den
       Bohnen, die er in seine Maschine gibt. Bio natürlich. „For Cuba“, steht auf
       der Packung, wie es sich gehört für einen engagierten Künstler, möchte man
       meinen. Die Bohnen sind von Lavazza. „Gibt’s bei Edeka“, sagt Meineke. So
       sei das eben heute, der Kapitalismus verkaufe Linken im Supermarkt ein
       gutes Gewissen.
       
       War das jetzt eine Pointe? Kann schon sein. Ein Gespräch mit Ecco Meineke
       kann schnell mal zum Kabarett werden.
       
       Um die taz soll es gehen bei dem Gespräch. Und wie er aus der taz Kabarett
       gemacht hat, immer noch macht. Seit 1978 steht Meineke auf der Bühne, baut
       Pointen aus dem, was passiert ist in der Welt. Aus dem, was Regierungen mit
       der Welt anstellen. Seit April 1979 bezieht er sein Wissen darüber vor
       allem aus der taz, „als einer der ersten Abonnenten“, wie er stolz sagt.
       
       Vorher gab es diese Stimme der Gegenöffentlichkeit, wie man damals sagte,
       ja noch nicht. Da besorgte er sich die autonomen Flugblätter und
       Flugschriften, die zur Vorgeschichte der taz gehören. Ein junger Kerl war
       er damals: 18 Jahre alt, als er seine Beziehung zur taz aufbaute.
       
       Wer ihn in seiner Wohnung besucht, sieht sofort, wie eng diese Liaison ist.
       In allen Zimmern sind so viele Zeitungen aufgestapelt, dass für Möbel nur
       wenig Raum bleibt. In den Regalen steht eine Art Handarchiv für seine
       Kabarettshow. Dort sind die Artikel abgelegt, die Geschichten enthalten,
       die er für kabarettgeeignet hält. Im Flur stapeln sich Kisten mit gelesenen
       taz-Ausgaben bis unter die Decke.
       
       „Das müsste noch archiviert werden“, sagt er. Aber alleine sei das nicht zu
       schaffen. Eine studentische Hilfskraft, die ihm dabei hilft, all das
       abzuheften und einzusortieren, was er schon gelesen hat, das wär’s. „Die
       zahl ich dann auch gern.“
       
       Leisten kann er sich das zurzeit nicht. Genauso wenig wie ein Abo der
       Süddeutschen Zeitung, deren Lokalteile er auswertet, bevor er ein
       Kabarettprogramm in seiner Heimatstadt München zur Aufführung bringt. Ein
       Nachbar versorgt ihn dann. Und so finden neben Artikeln aus der taz stets
       auch noch ein paar aus der SZ in sein Archiv.
       
       Ihnen allen ist anzusehen, dass sie gelesen wurden. Sie sind markiert:
       Wichtige Textstellen sind unterstrichen oder eingekreist. Bemerkungen
       stehen am Rand. Manchmal auch ein Gedicht, zu dem ihn die Lektüre
       inspiriert hat. Was ihm eben so einfällt beim Lesen.
       
       Gerade ist unter dem Titel [1][„Das wahre Türkis“ ein Gedichtband von
       Meineke im Salon Literatur Verlag] erschienen. Da geht es feiner zu als in
       seinen Kabarettprogrammen, poetischer. Politisch ist seine Lyrik obendrein.
       Und der Kabarettist kommt auch da bisweilen durch. Beispiel gefällig?
       „Lyrik boomt/ Gedichte sind super!/ Zack Zack!/ Fertig. Aus.“ Der Titel des
       Gedichts: „Ohne Worte.“
       
       Er habe immer schon auch Gedichte geschrieben. Auf Servietten, Bierdeckeln,
       Flugblättern und eben an den Rand von Zeitungsartikeln. Auch die Servietten
       sind archiviert.
       
       ## PoLaBu und ABC
       
       Beim Blick auf die zahllosen Ordner mit abgehefteten Zeitungsartikeln
       drängt sich die Frage auf, ob er denn finde, wenn er etwas Spezielles
       sucht. Ja, meint er. Dafür habe er ja sein Notationssystem entwickelt. Was
       archiviert werden soll, erhält ein Kürzel, „PoLaBu“ zum Beispiel. Das steht
       für „Politik auf Landes- und Bundesebene“. Besonders wichtig für ihn sind
       die Artikel, die er mit „ABC“ markiert. Da sammelt er kommunale Geschichten
       über Städte und Orte, in denen er war oder von denen er weiß, dass er sie
       besuchen wird.
       
       Als er noch Ensemblemitglied der Münchner [2][Lach- und Schießgesellschaft]
       war und mit der Kulttruppe auf Tour war, hat er Bühnen in ganz Deutschland
       abgeklappert. „Es gibt da eine riesengroße Kiste“, erzählt er.
       Informationen über mehr als 250 Städte hat er darin gesammelt. „Als ich mit
       der Lach und Schieß unterwegs war, hatte ich immer ein Konvolut dabei. Ich
       wusste genau, was ich ansprechen musste.“
       
       Wenn der Gemeinderat sich bei der Anschaffung einer neuen Kläranlage für
       den Ort hat bescheißen lassen, Meineke wusste es und konnte es anspielen.
       Irgendwelche rechten Umtriebe irgendwo in Hessen? In der taz war ganz
       bestimmt etwas dazu zu finden.
       
       Fünf Programme hat Meineke zwischen 2003 und 2009 mit der Lach- und
       Schießgesellschaft gespielt. Die verdankt ihren Ruhm den glorreichen Zeiten
       mit [3][Kabarettikone Dieter Hildebrandt], der 2013 gestorben ist. Meineke
       hat den Meister besucht, als er an den Programmen für das Ensemble
       gearbeitet hat. Und was fand er da vor? „Sein Arbeitszimmer war voll mit
       Ordnern. Und er konnte nachschlagen und mir genau belegen, welcher
       Politiker wann was gesagt hat. Alles mit Schreibmaschinen abgetippt.“
       Hildebrandt war also auch so ein Archivkabarettist. Nur eben nicht so
       tazzig wie Meineke.
       
       Auch ein anderes Archiv hat es dem Multiartisten, der auch noch Musiker,
       Dramatiker und bildender Künstler ist, seinerzeit angetan. In einem Keller
       unter der alten Spielstätte der Lach- und Schießgesellschaft in Schwabing
       lagerten neben Kostümen und Requisiten auch die Texte aller Programme des
       Ensembles seit seiner Gründung. Mit leuchtenden Augen erzählt Meineke von
       seinen Erkundungen, die er für das Jubiläumsprogramm zum 50. Geburtstag der
       Lach- und Schießgesellschaft, angestellt hat. Die alten Texte, die ja nie
       gedruckt veröffentlicht wurden, in die Hand zu nehmen, muss ein tolles
       Gefühl gewesen sein.
       
       ## Die taz in der Hand
       
       Vom Gefühl, eine taz in der Hand zu halten, auch davon spricht Meineke.
       Seit einem Jahr hat er nur noch einmal in der Woche die Möglichkeit dazu.
       Die wochentaz wird wie gehabt ausgewertet und archiviert. Die Ordner mit
       der Aufschrift „Nahost“, „Osteuropa“, „Westeuropa“, „Wirtschaft“, „Umwelt“
       oder eben „PoLaBu“ wachsen nun eben langsamer seit der Seitenwende vor
       einem Jahr, seit die [4][taz den werktäglichen Druck eingestellt hat.]
       
       Und sonst? Er sitze jetzt noch mehr vor dem Bildschirm als vorher. Das
       Tablet, das er mit der Seitenwende über die taz bezogen hat, benutzt er
       kaum. Ihm fehlt eine Funktion zum Markieren und Notieren. Und sein Archiv?
       „Das wandert jetzt natürlich auf Festplatte. Und eigentlich weiß ich ganz
       genau, was man abspeichert, ist zugleich weg.“ Ihm fehlt die haptische
       Verbindung zur taz schon sehr. Aber er bleibt ihr treu.
       
       Er hat schließlich noch viel zu sagen. Und was er sagt, muss stimmen. „Die
       Leute können sich bei meinen Programmen darauf verlassen, dass sie nichts
       Falsches hören“, sagt er. Und so verlässt er sich weiter auf die taz, auch
       wenn er mit dem Digitalen weiter fremdelt. Am Ende kommt es ihm auf die
       Geschichte an, die er hinter den Texten erspürt.
       
       „Wenn man eine Zeit lang intensiv liest, dann erkennst du diese Geschichten
       hinter irgendwelchen Zahlen. Du siehst Personen, die irgendetwas
       durchleiden. Und wenn du dir das zu eigen machst, dann kannst du daraus
       Kunst schaffen, ganz oft mit deinen eigenen Worten oder mit deiner eigenen
       Musik weitertragen auf eine andere, auf einer anderen Ebene.“ Wie nebenbei
       erklärt er die Kunst seines Schaffens.
       
       Und wie genau geht das? So zum Beispiel: Im Januar hatte er in der taz
       [5][einen Kommentar zu den Gefühlen von Hilfsbedürftigen] gelesen, die sich
       an einer Tafel mit Lebensmitteln versorgen müssen. Dazu hat er sich
       notiert: „Meine Damen und Herren, ein Aufruf an die Bevölkerung! 13
       Millionen unserer Mitbürger leben an der Armutsgrenze. 1,5 Millionen lassen
       sich von einer der fast 1.000 Tafeln versorgen. Sie wissen ja: Bei uns wird
       die Hälfte des Essens weggeworfen. Das ist zu wenig. Denken Sie auch an
       unsere Bedürftigen: Schmeißen Sie mehr weg!“ Vielleicht ist das schon bald
       auf der Bühne zu hören. Eine Pointe mit taz-Geschichte.
       
       Vielleicht wird auch ein Songtext draus. Denn Musiker ist Meineke auch. Als
       Ecco di Lorenzo ist er das Gesicht und die Stimme der Band Innersoul. In
       der gleichen Rolle musiziert er im Ecco di Lorenzo Jazz Quartett. 2019
       veröffentlichte er zusammen mit dem Pianisten Andy Lutter eine CD mit
       Chansons. Er macht Klezmermusik, hat schon mal eine Big Band
       zusammengestellt und schreibt immer wieder Folksongs, was er schon tut,
       seit er zum ersten Mal aufgetreten ist.
       
       Dass er sich nun auch Dramatiker nennen kann, liegt an dem musikalischen
       Kammerspiel, das er als Hommage an Janusz Korzcak geschrieben hat. „Das
       Spil“ heißt das Stück über den polnischen Kinderarzt, Pädagogen und
       Kinderbuchautor, der die Schützlinge seines jüdischen Waisenhauses bei
       deren Deportation in das Vernichtungslager Treblinka bis in den Tod
       begleitet hat. Nach intensiven Recherchen auch in Warschau ist es vor zwei
       Jahren in Straubing zur Uraufführung gekommen. Jetzt will Meineke das Stück
       nach Polen bringen und ist auf der Suche nach Förderern.
       
       Und da ist noch etwas ganz anderes. Alle, die den Film „Der Schuh des
       Manitu“ gesehen haben, sind Meinekes Stimme schon mal begegnet. Und wer
       hat, bitteschön, den Indianerunsinn nicht gesehen, den Meineke in seiner
       Kabarettautobiografie „Ich sehe bereits einen Tunnel am Ende des Lichts“
       (Alibri Verlag 2024) selbst als „Machwerk“ bezeichnet. Auch der Text des
       Werbesongs für eine Waffe, die im Film vorkommt, ist von Meineke: „Ask your
       local weapon trader/ For the Superperforator.“
       
       ## Das Publikum zum Engagement bewegen
       
       Das kann er also auch: Quatsch. In seinem aktuellen Soloprogramm macht er
       ihn zum Thema. „Future – muss ja!“, heißt es. Er nennt „Get-up–Stand-up“,
       was er da macht, ein Experiment am lebenden Comedian. Schafft der es
       endlich, einmal etwas zu bewegen, statt sich darüber zu freuen, dass sein
       Publikum über irgendeine anzügliche Pointe wiehert? Gelingt es ihm, sein
       Publikum aus dem alltägliche „Informationsrinderwahnsinn“ zu befreien und
       zum politischen Engagement zu bewegen? Das wär’s doch.
       
       Ecco Meineke schließt damit an seine vergangenen Soloprogramme an. „Und wir
       kamen aus dem Wasser“, heißt eines davon. Darin stellt er die fiesesten
       Wasserprivatisierer vor, Wasserverschmutzer oder einen Bergführer, dem
       während seiner Tour die Gletscher abhandenkommen, die er doch eigentlich
       vorführen wollte. So etwas kommt also raus, wenn ein Kabarettist die taz
       förmlich aufsaugt. Infokabarett ist das, wie es Fernsehzuschauer aus der
       von Meineke so sehr geschätzten „Anstalt“ im ZDF kennen. Ach ja, da ist er
       auch schon aufgetreten.
       
       Für Meineke ist Kabarett auch eine Form des Aktivismus. Zu seinen
       Auftritten bringt er oft Flyer von Naturschutzorganisationen oder
       Werbematerialien für politische Infoveranstaltungen und Demos mit. „Auch
       etwas Haptisches“, sagt er und schwärmt vom guten, alten Flugblatt. Das
       könne man schön klein falten, in die Hose stecken und zu Hause dann
       irgendwann wiederentdecken. „Aber soll ich wirklich QR-Codes zum Abscannen
       zur Verfügung stellen?“ Da ist sie wieder, die Digitalskepsis des
       Kleinkünstlers mit dem ganz persönlichen taz-Gedächtnis. „Das ist doch sehr
       flüchtig auf dem Smartphone“, sagt er.
       
       Doch Meineke ist alles andere als ein Kulturpessimist. Auch in Zeiten des
       aufziehenden Faschismus will er den Glauben an das Gute in der Zukunft
       nicht aufgeben. Das neue Nachtleben in München gibt ihm da Hoffnung. „Junge
       Leute treffen sich einfach draußen auf der Straße.“ Sie machten die Stadt
       zum Klub. Er sieht darin eine Art Gegenprogramm zur Vereinsamung vor den
       Bildschirmen der Smartphones. Wie heißt noch mal sein aktuelles Programm?
       „Future – muss ja“. Eben.
       
       Und das Kabarett? Hat das Zukunft? Die Antwort steht in Meinekes Buch: „Na
       klar! Jede Kunstform ist tot, sobald es sie gibt!“ Man müsse sie nur
       weiterentwickeln. Das will er weiterhin versuchen. Auch mithilfe der taz.
       Und vielleicht schaut er ja doch mal in die Ordner auf seiner Festplatte,
       wo nun sein Archiv abgelegt ist. Dann hätte er seine ganz persönliche
       Seitenwende vollbracht. Muss ja!
       
       17 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
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