# taz.de -- Springsteen-Biopic im Kino: Bikerstiefel, Jeans und Lederjacke
> Der Film „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ erzählt von den inneren
> Kämpfen des „Boss“. Anfang der Achtzigerjahre steht er vor dem
> Durchbruch.
(IMG) Bild: Der „Boss“ (Jeremy Allen Walker) unterwegs zu sich selbst in „Deliver Me From Nowhere“
Freehold, New Jersey, 1957: Ein stiller, etwas eingeschüchterter Junge wird
von seiner Mutter vorgeschickt, seinen betrunkenen Vater in der Kneipe
abzuholen. Der kleine Junge soll später einer der größten Rockstars und
Singer-Songwriter der USA werden, der mit seinen Songtexten, wie kein
anderer wohl, die Geschichten der amerikanischen Working Class erzählt. Es
ist [1][Bruce Springsteen].
Die in Schwarz-Weiß gedrehte Anfangsszene von „Springsteen: Deliver Me From
Nowhere“ lässt zunächst einen weiteren klassischen Biopic über das Leben
eines Superstars vermuten, wie er schon oft für die große Kinoleinwand
verfilmt worden ist. Doch der Film des US-amerikanischen Regisseurs Scott
Cooper, dessen erfolgreicher Debütfilm „Crazy Heart“ sich schon um einen
Musiker drehte, ist anders, besonders. Ein Biopic, der keiner ist,
sozusagen.
Es ist nicht die Story über das Sich-Durchringen bis zum großen Durchbruch
wie beim [2][Bob-Dylan-Biopic „A Complete Unknown“ (2024)] oder über den
Kampf des aufstrebenden Musikers mit Managern, Plattenfirmen und dem Umgang
mit Fans, Alkohol und Drogen wie bei [3][„Elvis“ (2022)] zum Beispiel.
Es ist stattdessen ein persönlicher, fast intimer Auszug aus Springsteens
Zeit vor seinem großen Durchbruch mit „Born in the USA“ im Jahr 1984. Eine
sinnierende, unaufgeregte Nacherzählung der Schaffensphase seines sechsten
Albums: „Nebraska“. Während der übrigens gleichzeitig auch einige Songs
entstanden, die später Teil von „Born in the USA“ werden sollten.
Der Film hat dabei die Fans des „Boss“ als Zielgruppe. Nicht nur, was den
Soundtrack angeht. Denn je mehr man über dessen Leben und Werk schon weiß,
desto mehr erkennt man im Film wieder: Da tauchen zum Beispiel sein
langjähriger Manager, Produzent und guter Freund Jon Landau (gespielt von
Jeremy Strong) auf, und natürlich auch die E-Street Band oder Orte wie das
legendäre „The Stone Pony“ in Asbury Park, New Jersey. Alles ohne große
Einordnung.
## Unsicher, wo er eigentlich hingehört
Darüber hinaus ist es die Geschichte eines Musikers Anfang Dreißig, der auf
dem Weg zum Ruhm mit Depressionen, Angstzuständen und der Frage kämpft, wo
er eigentlich hingehört. Im Leben, doch ebenso musikalisch.
„Ich weiß, wer du bist“, sagt der Autoverkäufer, bei dem er sich zu Beginn
des Films seinen ersten eigenen Sportwagen kauft – einen Chevrolet Camaro.
„Wenigstens einer von uns“, antwortet Springsteen.
„Deliver Me From Nowhere“ beruht auf dem gleichnamigen Buch des
Musikjournalisten Warren Zanes und spielt 1981: Bruce Springsteen hat schon
fünf Alben veröffentlicht, Plattenfirma, Manager und das Team um ihn herum
wittern bald den ganz großen Durchbruch zum Rockstar. Doch Springsteen
kehrt nach seiner erfolgreichen „The River“-Tour erst mal wieder in die
Nähe seiner Heimatstadt in New Jersey zurück. Und nimmt dort in seinem
Schlafzimmer mit Akustikgitarre und Bluesharp ein Demo-Tape auf einem
Vierspur-Tonbandgerät auf.
Die düstere, reduzierte Aufnahme mit DIY-Charakter überzeugt ihn
schließlich so sehr, dass daraus direkt sein Album „Nebraska“ werden soll.
Die Songs, die Springsteen im Film etwas zu sauber mit Filzstift auf weißem
Papier und kaum mit Korrekturen runterschreibt, sind eine Suche nach
Identität. Und wie so oft bei ihm ein einziger Roadtrip durch den
verlorengegangenen American Dream.
## Auf dem Teppichboden im Wohnzimmer
In der restlichen Zeit fährt Springsteen in seinem Heimatort umher, geht
selten ans Telefon, fasziniert sich für den Serienkiller Charles
Starkweather, dessen Geschichte er dann im Song „Nebraska“ erzählt, oder
liegt gedankenverloren auf dem Teppichboden im Wohnzimmer, während eine
Platte den Synthpop von „Suicide“ abspielt. „Why?“ schreibt Springsteen
einmal doch etwas platt in seine Notizen.
Es ist halt eben nicht einfach, einen Film zu drehen, der vor allem von
inneren Kämpfen und Zweifeln handelt. Ganz schön bedrückend ist die
Szenerie, wären da nicht ein paar Freunde um ihn herum, die an ihn glauben
und ihm seinen Raum lassen, aber in ihrer Verzweiflung auch für den ein
oder anderen humorigen Moment sorgen. Und doch ist „Deliver Me From
Nowhere“ kein explosives Drama mit starkem Spannungsbogen, sondern ein
Film, auf den man sich einlassen muss.
Gespielt wird Springsteen von [4][Jeremy Allen White („The Bear: King of
the Kitchen“)]. Und auch, wenn der „Boss“ eben doch für die meisten Fans
wohl unersetzlich ist, macht White einen echt guten Job. Bemerkenswert ist
vor allem, dass er die Springsteen-Songs im Film selbst einsingt und
interpretiert. Und das erstaunlich gut: Als er sich bei einer Konzertszene
auf der Bühne die Seele aus dem Leib schwitzt und mit der Telecaster um den
Hals ins Mikro singt, kann man meinen, es sei eine Originalaufnahme.
## Die Wahrheit ist nicht immer schön
Selbst der „Boss“ höchstpersönlich scheint zufrieden mit der filmischen
Darstellung zu sein. Denn Springsteen, der sich wohl immer gegen einen Film
über sich gewehrt hat, war diesmal nicht nur einverstanden mit dem Dreh,
sondern – und das macht den Film zusätzlich besonders – er soll sogar oft
am Set vorbeigekommen sein und Anmerkungen gemacht haben, wie es damals
aussah in dem Schlafzimmer, in dem er lebte, schrieb und aufnahm.
Während der Dreharbeiten soll er zu Scott Cooper gesagt haben: „Die
Wahrheit über dich selbst ist nicht immer schön, zeig sie.“ Das versucht
der Film und greift unter anderem die schwierige Beziehung zu seinem Vater
auf. Eine Liebesgeschichte gibt es selbstverständlich auch, aber die ist
nicht kitschig, sondern zeigt Springsteen zerrissen, bindungsängstlich,
abweisend und nicht unbedingt von seiner besten Seite.
Zugleich gehört zu diesem Kapitel seines Lebens auch eine der produktivsten
Phasen seiner Karriere. Im Film sagt der junge Springsteen, dass er auch
nicht weiß, wo all die „Nebraska“-Songs herkommen. So nah lässt er den
Zuschauer dann doch nicht an sich herankommen. Auch die immer
wiederkehrenden Rückblenden in Schwarz-Weiß in die Kindheit Springsteens
wirken etwas gewollt, gar kitschig und dadurch distanziert.
Ebenfalls kitschig ist die stereotype USA-Ästhetik des Films: Es gibt
Filterkaffee im Diner, Kleinstadtrummel, einen Motorradschrauber, Chevys
auf Parkplätzen sowie gecoverte Songs von Little Richard. Und nicht zu
vergessen: Cowboystiefel, Jeans und Lederjacke. Das ist so klischeehaft,
dass es vermutlich extrem nah an der Realität ist.
Es verhält sich mit dem Film in dieser Hinsicht wohl ähnlich, wie mit
Springsteens Songs; auch „Born in the USA“ mit seiner
Stars-and-Stripes-Ästhetik ist alles andere als USA-verherrlichend.
17 Oct 2025
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## AUTOREN
(DIR) Ruth Lang Fuentes
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