# taz.de -- Unbekannte Boxweltmeister: Nicht mal RTL2 fragt an
       
       > Deutsche Boxer werden nicht mit Prämien reich, sondern mit Inszenierung.
       > Doch den aktuellen Weltmeistern fehlt es an Selbstmarketing-Fähigkeiten.
       
 (IMG) Bild: Interimsweltmeister, aber nicht allzu vielen Menschen ein Begriff: Agit Kabayel
       
       Vielleicht gibt es in Deutschland sogar weniger Berufsboxer als
       Journalisten, die über sie schreiben. Ich weiß es nicht. Aber dass die
       lizenzierten 400 Profis alle von ihrem Sport leben könnten, womöglich sogar
       so gut, dass sie nach Karriereende ausgesorgt haben, ist nichts anderes als
       falsch. In Wirklichkeit hat kaum jemand das Geld, von dem doch alle träumen
       und von dem die Reporter schreiben, die doch nur die Spitzenbörsen der
       Spitzenstars im Auge haben.
       
       Das ist freilich kein neues Phänomen und betrifft auch sehr erfolgreiche
       Athleten. Früher mussten Profiboxer noch Schlager singen. „Das Herz eines
       Boxers“ hieß ein, na ja: Hit von [1][Max Schmeling], der immerhin wirklich
       reich wurde. „Ring frei zur nächsten Runde“ schmetterte Peter Müller, und
       [2][René Weller] tirilierte ein kerniges „Knock ihn aus“. Wer partout gar
       nicht singen wollte, musste wenigstens schweigen können, wie Norbert Grupe
       alias Prinz Wilhelm von Homburg, der im ZDF nur die erste Frage
       beantwortete und ab dann schwieg, weil ihm die Interviewfragen zu dumm und
       zu respektlos erschienen.
       
       Bei den aktuell gut boxenden Sportlern klopft derzeit nicht einmal RTL2
       oder Sat1 an. [3][Agit Kabayel], geboren in Leverkusen, aufgewachsen in
       Bochum, ist amtierender Weltmeister im Schwergewicht. Abass Baraou, geboren
       im württembergischen Aalen, aufgewachsen in Oberhausen, ist amtierender
       Weltmeister im Superweltergewicht. Eine kleine, aber leider nötige
       Einschränkung zu diesen Informationen: Kabayel ist Interimsweltmeister des
       Verbandes WBC.
       
       Diesen Übergangstitel bekommt man, wenn der, der als eigentlicher
       Weltmeister gilt, aus Verletzungs-, Vertrags- oder anderen Problemen nicht
       kann oder will. Im Falle von Kabayel heißt der Boxer, den die meisten
       Menschen als Schwergewichtsweltmeister wahrnehmen, [4][Oleksandr Ussyk],
       kommt aus der Ukraine und hat im Juli die Schwergewichtstitel von vier
       Verbänden verteidigt. Da aber beinahe jeder Verband ihm einen anderen
       Pflichtherausforderer offeriert, die er unmöglich alle boxen kann oder
       will, präsentieren die Verbände halt zwischendurch eine … genau:
       Interimslösung.
       
       ## Kerle zum Vergessen
       
       Abass Baraou war ebenfalls Interimsweltmeister und vor ihm war auch ein
       Boxer, der als der derzeit beste gilt: Terence Crawford aus den USA
       dominierte gleich mehrere Gewichtsklassen. Doch als Crawford entschied, im
       Halbmittelgewicht zu bleiben, wurde prompt Baraou von der WBA zum
       Superweltergewichts-Weltmeister ausgerufen.
       
       Zugegeben, Interimsweltmeister ist ein Wort, das klingt, als wären die
       Boxer Kerle zum Vergessen, und dass Baraou und Kabayel diesen Verdacht
       widerlegen können, glaube ich leider nicht. Aber auch Interimsweltmeister
       muss man ja erst einmal werden. Im Boxen wird nicht mit dem Boxen Geld
       verdient, sondern mit der Fähigkeit, sich als erfolgreicher Boxer zu
       inszenieren. Das sorgt beispielsweise dafür, dass ein Axel Schulz, der nie
       einen EM- oder WM-Titel erkämpfte, aber nicht zu unterschätzende
       Selbstmarketing-Fähigkeiten hat, unter dem Label „Boxlegende“ in Shows
       auftritt.
       
       ## Selbstmarkting-Fähigkeiten
       
       Im aktuellen „Promi Big Brother“ finden sich Figuren wie Harald Glööckler,
       Désirée Nick oder Jimi Blue Ochsenknecht. Das sind allesamt, sagen wir:
       Zeitgenossen, die keinen WM-Titel besitzen (auch wenn ich von diesen Leuten
       gehört habe, denn ich kenne mich im B- bis Q-Promibereich recht gut aus).
       
       Selbstverständlich können die auch nichts Modisches (Glööckler),
       Humoristisches (Nick) oder Familiäres (Ochsenknecht) aufweisen, das einem
       WM-Titel vergleichbar wäre. Was diese Leute allerdings draufhaben, ist das,
       was in der Berufsgruppe der deutschen Boxer aktuell nicht so verbreitet
       ist.
       
       13 Oct 2025
       
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