# taz.de -- Optimismus und grauenhafte Zahlen: „Hört sich das fatalistisch an?“
       
       > Wie können wir die Welt wieder „in Ordnung“ bringen, Armin Nassehi? Der
       > Soziologe über das Diabolische bei Merz, fehlende Kompetenz und kleine
       > Fortschritte.
       
 (IMG) Bild: Der Wunsch, dass das Richtige entsteht, wenn wir es wollen, ist gründlich dekonstruiert worden, sagt der Soziologe Armin Nassehi
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Herr Professor Nassehi, unlängst schien uns die Welt
       noch in Ordnung.
       
       Armin Nassehi: Mir auch, muss ich jetzt wohl antworten.
       
       taz FUTURZWEI: Das war jetzt schon die ganze Antwort? 
       
       Armin Nassehi: Ich habe alles gesagt, wir brauchen gar kein Gespräch.
       
       taz FUTURZWEI: Dann lassen Sie uns präzisieren: Bis zur Wahl von Obama zum
       US-Präsidenten waren viele Liberaldemokraten in diesem Modus, dass doch
       alles langsam immer besser wird. Seit der ersten Wahl von Trump herrscht
       der Eindruck, es werde alles immer schlechter. Wie lange schien denn für
       Sie die Welt in Ordnung zu sein oder ist sie jetzt noch in Ordnung?
       
       Nassehi: Sie ist natürlich nicht in Ordnung, das wissen wir ja alle. Aber
       sie wirkt dann in Ordnung, wenn wir denken, dass wir mit ein paar
       instrumentellen Maßnahmen die Dinge in Ordnung bringen könnten, das ist
       nämlich die Ordnung, die gilt. Wir haben große Probleme mit allem
       Möglichen, mit Klimafragen, mit Energiefragen, mit Fragen von Ungleichheit,
       mit Fragen von Zugehörigkeit. In Ordnung ist die Welt ja dann, wenn Leute
       wie wir, die wir unser Geld damit verdienen, Spiegel vorzuhalten, so tun
       können, als gäbe es problemlos implementierbare Konzepte. Und darunter
       leiden, dass die anderen diese Konzepte nicht in Anspruch nehmen.
       
       taz FUTURZWEI: Es geht darum, die Vorstellung aufrechtzuerhalten, dass die
       Welt in Ordnung sein könnte?
       
       Nassehi: Das ist ja eine interessante Art von Ordnung, dass auch wir daran
       glauben, dass es sieben Punkte oder, weil es jetzt komplexer ist, 27 Punkte
       gäbe, und wenn wir die gegen den Willen derer, die nicht wollen, abarbeiten
       würden, dann wäre die Klimaerwärmung weg und dann hätten wir nicht mehr so
       ein stressiges Leben und dann müsste man nicht Symbolpolitik an Grenzen
       machen. Die große Unordnung besteht inzwischen darin, festzustellen, dass
       diese Idee – wenn wir nur das Richtige tun, es richtig wollen und diesen
       Willen auch noch mit guter Laune allen anderen als einsichtsfähige
       Notwendigkeit unterstellen, sogar wie die alten Linken behaupten, dass das
       der eigentliche Willen der Kujonierten sei, wenn wir also nur das Richtige
       tun, dann wird das Richtige dabei rauskommen – inzwischen ziemlich
       dekonstruiert worden ist. Also auf Deutsch, in die Tonne gekloppt worden
       ist.
       
       taz FUTURZWEI: Moment, Moment. Kann ja sein, dass das für die kritischen
       Sozialwissenschaftler und Kulturwissenschaftler zutrifft. Aber
       Klimaforscher sind immer noch in diesem Modus. Die gehen nur langsam ins
       Magische über mit ihren wunderbaren Berechnungen, wie man im Jahr 2070 noch
       zurück auf 1,5 Grad kommt.
       
       Nassehi: Naja, die kritischen Sozial- und Kulturwissenschaftler basteln
       tatsächlich schön mit an der hübschen Ordnung und wissen genau, was zu tun
       ist. Sie repräsentieren diese Ordnung geradezu. Klimawissenschaftler sind
       ganz ähnlich, aber auch ein bisschen anders. Sie haben heute immer
       komplexere Modelle, sie haben mehr Wissen, aber das macht auch die
       Einwirkungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten noch komplexer und
       voraussetzungsreicher. Aber Naturwissenschaftler sind Leute, die sagen: Wir
       wissen doch jetzt alles und wir wissen, was getan werden muss. Und dann ist
       da so eine komische Gesellschaft, und die macht das nicht.
       
       taz FUTURZWEI: Was sagen Sie denen als Sozialwissenschaftler?
       
       Nassehi: Ich kontere dann immer und sage, dass auch eine Gesellschaft ein
       interessantes Rückkopplungssystem ist, bei dem bestimmte Parameter zu
       unbeabsichtigten Folgen führen, zu Kipppunkten, zu Zuständen, in denen man
       womöglich keinen kausalen Zugriff mehr auf bestimmte Dinge hat. Die
       Naturwissenschaftler sind wahnsinnig schlaue Leute, aber in ihrer
       Kommunikation sind sie oft sehr kausalistisch. Wenn wir x tun, passiert y.
       So etwas Ähnliches gilt ja interessanterweise auch für unsereins. Wir
       laufen in ähnliche Kurzschlüsse rein, und zwar mit ähnlichen Illusionen.
       Jetzt ist die Frage, was ist die Konsequenz daraus? Heißt das, dann lassen
       wir es eben? Das kann es nicht sein.
       
       taz FUTURZWEI: Vielleicht wäre ja schon mal nicht schlecht, anzuerkennen,
       dass im Moment Ratlosigkeit vielleicht produktiver ist, als Rat zu haben
       und Rat zu geben. Und das Frustrierende ist: Sie geben ja alle weiter Rat
       und modifizieren den so ein bisschen.
       
       Nassehi: Also, kausale Sätze kriegen wir ja alle hin. Etwa so: Wenn es mehr
       [2][Elektroautos] gibt, dann gibt es weniger [3][CO2]-Ausstoß, und dann
       wird die Erderwärmung nicht aufgehalten, aber die Kurve ist etwas flacher.
       Solche Sätze stimmen, aber sie -erreichen gar nicht die Betriebstemperatur
       aller Faktoren, die da mit reinspielen. Und dann kann man sagen, jetzt
       machen wir es komplexer und sagen: Dafür muss allerdings der Energiemix
       komplett aus erneuerbaren Energien bestehen. Und dann werden noch mehr und
       noch mehr und noch mehr Parameter dazukommen. Das überfordert natürlich die
       öffentliche Diskussion. Ich rede oft mit vernünftigen Leuten, die
       feststellen, dass ihre Lösungen Probleme für die anderen produzieren. Die
       sagen alle inzwischen: Wir können gute Entscheidungen eigentlich nur dann
       treffen, wenn wir dafür sorgen, dass das nicht in die öffentliche
       Diskussion kommt.
       
       taz FUTURZWEI: Weil?
       
       Nassehi: Weil es dann sofort zerpflückt wird. Das zerschießt ja alles, was
       wir demokratietheoretisch so hochhalten. Aber wahrscheinlich werden manche
       Lösungen nur realisiert, wenn man sie aus den Debatten raushält. Man kann
       ja von CO2-Bepreisung halten, was man will, aber die Experten sagen, das
       funktioniert nur, wenn das nicht jeden Tag in der [4][Bild-Zeitung] steht.
       Ob das stimmt oder nicht, weiß ich nicht, aber es klingt plausibel.
       
       taz FUTURZWEI: Der Gestaltwandel der Öffentlichkeit verhindert, dass man
       noch irgendeine ernsthafte Debatte führen kann. Es ohne Öffentlichkeit zu
       versuchen, ist dann aber leider nicht mehr besonders demokratisch.
       
       Nassehi: Das ist jetzt ein sehr riskanter Satz, den ich sage, aber die
       Frage wäre, ob nicht die meisten Entscheidungen mit großer Wirkung eher
       nicht so demokratische Entscheidungen gewesen sind. Aber ohne die
       öffentliche Legitimation funktioniert das auch nicht. Nur braucht die
       öffentliche Legitimation- Symbolgeschichten. Also [5][Innenminister
       Dobrindt] weist 32 Leute in Kufstein ab, und damit ist die Umvolkung
       abgewendet und so weiter. Das hat ja alles eine symbolische Bedeutung in
       der Öffentlichkeit.
       
       taz FUTURZWEI: Aber das Interessante ist ja, dass das ja genau dazu führt,
       dass Leute sich nicht mehr für Politik und politische Aushandlungen
       interessieren. Es gibt ja Untersuchungen darüber, dass sich die Abwendung
       von Information und von Debatte immer weiter verbreitet.
       
       Nassehi: Wir reduzieren uns auf Lösungen, die keine sind und von denen wir
       wissen, dass sie keine sind. Dann sagen wir, man muss das nur richtig
       kommunizieren.
       
       taz FUTURZWEI: Genau.
       
       Nassehi: Wenn die Reifen immer wieder geplatzt sind, dann muss man darüber
       besser kommunizieren. Dann platzen sie nicht mehr so laut.
       
       taz FUTURZWEI: Kommen wir mal zu den Zahlen des Grauens. Wir haben in
       [6][dieser Ausgabe] eine Reihe von Zahlen, die wirklich grausame Fakten
       benennen. Es gibt aber auch die Gegenthese, dass die Zahlen und Fakten viel
       besser sind, als unser dramatisierendes Reden uns glauben lässt.
       
       Nassehi: Die Zahlen des Heils?
       
       taz FUTURZWEI: Die Zahlen des Heils, ja, genau. Aber erstmal eine Zahl des
       Grauens. Die Ausgaben für Rüstung steigen weltweit in diesem Jahr um zehn
       Prozent auf 2.718 Milliarden US-Dollar. Die globale Armutsbekämpfung geht
       runter auf etwa 200 Milliarden, also auf weniger als ein Dreizehntel davon.
       Belegen diese Zahlen, dass die Staaten der Welt auf dem Weg zu mehr
       Konfrontation sind?
       
       Nassehi: Die spannende Frage ist, ob die Konflikte vorher da sind oder
       danach kommen. Man kann sagen, wir rüsten jetzt alle auf und werden dadurch
       sicherer. Der Umkehrschluss wäre, wir rüsten nicht auf und werden dadurch
       sicherer. Auch hier gibt’s keine monokausalen Lösungen. Aber das sind in
       der Tat Zahlen des Grauens. Das würde ich auch so sehen.
       
       taz FUTURZWEI: Also eine andere verblüffende Zahl: Im Moment herrscht der
       Eindruck, die Bundeswehr sei desaströs unterfinanziert. Die Zahlen sagen
       aber, dass Deutschland weltweit am viertmeisten für Militär ausgibt, hinter
       den USA, China und Russland. Und wenn wir die fünf Prozent vom
       Bruttoinlandsprodukt für Nato-Verteidigung ausgeben, dann überholen wir
       sogar Russland.
       
       Nassehi: Die Ökonomen sagen immer, dass das Zeug hier teurer ist als in
       Russland und man weniger fürs Geld kriegt. Vielleicht ist die Bundeswehr
       die Deutsche Bahn unter den Armeen: Wir geben wahnsinnig viel Geld aus, und
       die Dinge funktionieren offensichtlich trotzdem nicht.
       
       taz FUTURZWEI: Heißt?
       
       Nassehi: Ich bin gar nicht dagegen zu sagen, dass es so etwas wie
       Abschreckungspotenziale geben muss. Wahrscheinlich muss es das im Moment.
       Aber einfach die Ausgaben zu erhöhen, wird keines der Probleme lösen. Wie
       man übrigens bei der [7][Deutschen Bahn] auch durch die Erhöhung der
       Ausgaben die Züge wohl nicht pünktlicher macht. Es ist wohl eher ein
       Umsetzungsmanagement-, Komplexitätsbearbeitungs- und wahrscheinlich auch
       ein Mutproblem, die Sachen entsprechend zu machen.
       
       taz FUTURZWEI: Es liegt nicht an zu wenig Geld, wie wir in Deutschland
       regelmäßig glauben?
       
       Nassehi: [8][Geld] ist immer zu wenig, das liegt schon in seiner Funktion
       begründet. Ich würde aber eher sagen: Es gibt offensichtlich ein
       Kompetenzproblem.
       
       taz FUTURZWEI: Und die Regierung hat jetzt richtig Geld zum Ausgeben.
       
       Nassehi: Ja, [9][Kanzler Merz] hat einen ganzen Wahlkampf damit gemacht,
       dass er kein Geld mehr ausgibt. Das hat ja etwas Diabolisches, wenn jemand
       wie Merz nun diese Hunderte von Milliarden Schulden aufnehmen muss und
       wahnsinnig viel Geld für Infrastruktur ausgibt, wenn die
       [10][Ampel-Regierung] an sechzig Milliarden Euro gescheitert ist. Dass das
       für viele unglaubwürdig wirkt, ist kein Zufall. Umfragen zeigen, dass man
       keinem der politischen Akteure irgendetwas zutraut. Auch der [11][AfD]
       nicht. Die Ergebnisse sind demütigend. Es gibt ein generalisiertes
       Misstrauen in allgemeine Strukturen, in Kollektives. Und es gibt das, was
       man das Zufriedenheitsparadox nennt.
       
       taz FUTURZWEI: Bei mir geht es ja, aber das Allgemeine ist schlecht.
       
       Nassehi: Richtig. Selbst wenn einiges funktioniert, verschwindet dieser
       Eindruck nicht, gerade im [12][Osten]. Wer mobil ist, haut dann natürlich
       da ab, in diesem Fall meist junge Frauen. Das wissen wir aus der
       Migrationsforschung, dass die Leute selten abhauen, weil sie sich von dem
       Ziel etwas Besseres erhoffen, sondern fast immer, weil es dort, wo sie
       gerade sind, schlecht ist.
       
       taz FUTURZWEI: Egal, über welches gesellschaftliche Teilsystem wir
       sprechen, es wird immer gesagt, da ist kein Geld. Aber in Wirklichkeit ist
       unheimlich viel Geld, egal ob in Bildung, Medizin oder sozialen Sachen. Das
       systemische Problem besteht darin, wie dieses Geld verarbeitet und
       verorganisiert wird. Das Verrückte ist, dass trotzdem immer in derselben
       Richtung weitergemacht wird.
       
       Nassehi: Was Sie gerade über das [13][Militär] gesagt haben, kann man in
       Deutschland auch über die Medizin sagen. Es gibt kaum ein Land, in dem so
       viel Geld ausgegeben wird für [14][Medizin]. Und in den objektiven und
       vergleichbaren Parametern wie Lebenserwartung oder Gesundheitsstatus sind
       wir keineswegs die besten. Am meisten Geld geben wir tatsächlich aus für
       diagnostische Maßnahmen, die ziemlich teuer sind. Es funktioniert also die
       immer gleiche Lösungslogik. Wenn etwas nicht gut ist, brauchen wir mehr
       davon. Wenn etwas nicht funktioniert, brauchen wir mehr: mehr Komplexität,
       noch mehr Arbeitsgruppen, noch mehr Lösungsvorschläge.
       
       taz FUTURZWEI: Was tun?
       
       Nassehi: Es ist immer nur more of the same. Und wenn man sparen will, less
       of the same. Statt zu fragen: Gibt es eigentlich alternative, dritte
       Modelle? Kann man die gleichen Ziele mit anderen Mitteln erreichen?
       Schlechtere Gesundheitssysteme produzieren das gleiche Ergebnis. Und vom
       [15][Bildungssystem] wollen wir gar nicht erst reden. Wir stecken da
       wahnsinnig viel Geld rein und gönnen uns, dass sieben Prozent eines
       Jahrgangs, in manchen Regionen erheblich mehr, keinen Abschluss haben. Und
       dass wir an bestimmten Stellen gar nicht mehr unterscheiden können, ob
       eigentlich migrantische oder andere Lebenslagen die schlimmsten sind. Und
       was machen wir? Wir sagen, wenn weniger Migranten da sind, werden diese
       Probleme strukturell gelöst. Da mangelt es manchmal an Ernsthaftigkeit.
       
       taz FUTURZWEI: Es ist der populistische Versuch, Ordnung zu simulieren.
       
       Nassehi: Es ist hochinteressant, dass wir uns Ersatzparameter schaffen, um
       Ordnung in die Welt zu bringen. Und das führt uns zum Anfang des Gesprächs
       zurück zur Frage: Was sind eigentlich die Parameter, bei denen man selbst
       das Gefühl hat, die Dinge im Griff zu haben, wenn man sie nicht im Griff
       hat? Das ist die Illusion, über diese Parameter die Dinge zu lösen.
       
       taz FUTURZWEI: Eine Kernthese von Hans Rosling in seinem internationalen
       Bestseller Factfulness lautet, dass Politiker und auch normale Menschen
       keine richtigen Entscheidungen treffen können, weil sie die Fakten zum
       Zustand der Welt ignorieren. Statt Fakten und Statistiken zu lesen, denken
       sie sich irgendwas. In seinen Wissenstests hat Rosling herausgefunden, dass
       Schimpansen, die zufällig eine Antwort tippen, mehr richtige Antworten zu
       Weltfakten geben als Nobelpreisträger.
       
       Nassehi: Ich habe in meinem Freundeskreis wenige Schimpansen. Es wundert
       mich dennoch nicht, weil Rosling ja genau damit spielt, die gültigen
       Vorurteilsstrukturen aka unser Wissen aufzudecken, die uns Mythen über die
       Welt erzählen.
       
       taz FUTURZWEI: Zum Beispiel?
       
       Nassehi: Die Welt wird besser, weil die Zahl der [16][Hungertoten] sinkt
       oder die Teilhabe von Frauen größer wird. Über diese kleinen Parameter kann
       er Vergleichbarkeiten produzieren, die anderen Parametern widersprechen.
       Aber das spannende ist ja, welche Parameter man sich anschaut und welche
       Folgen es hat, wenn man, zum Beispiel, erfolgreich Bürokratie abgebaut hat.
       Wenn DOGE in den [17][USA] beispielsweise Ämter ausdünnt, die ein
       Monitoring der Wasserqualität in Großstädten machen, hat man erfolgreich
       den Staatsapparat verkleinert und Bürokratie abgebaut. Aber wenn solche
       Daten nicht mehr gesammelt werden, wird man echte Gesundheitsprobleme
       bekommen. Es ist eine Frage der Messparameter.
       
       taz FUTURZWEI: Rosling sagt: Dass wir falsche Aussagen über die Welt
       machen, liegt an einer dramatisierenden Weltsicht. Wir glauben jetzt, dass
       alles immer schlechter und alles immer schlimmer wird. Und bis Trump
       dachten viele, es wird alles immer besser. Was denn nun?
       
       Nassehi: Es wird zugleich schlechter und besser. Aber das Schöne an Rosling
       ist, dass er die Perspektive wechselt und dann anderes sieht. Die globale
       Ernährungssituation ist zum Teil besser geworden, obwohl es oft ganz anders
       aussieht. Selbst die Partizipation von Gruppen, die vorher überhaupt keine
       Rolle gespielt haben, ist größer geworden, sogar in [18][Diktaturen]. Man
       kann dann genauer sehen, was wirklich hilft.
       
       taz FUTURZWEI: Das Verrückte ist ja, dass die permanente Milderung von
       Problemen, die vorliegen, über Jahrzehnte tatsächlich funktioniert hat.
       Aber nun sind wir an den systemischen Grenzen dieses Verfahrens und es gibt
       eine totale Unfähigkeit, das überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.
       
       Nassehi: Das sehe ich auch so. Die Unfähigkeit, das zur Kenntnis zu nehmen,
       liegt natürlich an den Kategorien. Man kann etwa an der Rate der weiblichen
       Partizipation am Wirtschaftsleben manchmal mehr über auch nicht-ökonomische
       Bereiche eines Landes erfahren als über die bewährten sozioökonomischen
       Kategorien. Diese Kategorien haben sich einfach bewährt, allerdings nicht
       in dem Sinne, dass wir die Probleme gelöst haben, sondern als
       Ordnungsprinzip. Die Indikatoren, mit denen wir Erfolg messen, liegen nicht
       einfach vor, sondern sind selbst das Ergebnis bestimmter gesellschaftlicher
       Praktiken und Erfahrungen. Vielleicht muss man anderes messen und käme so
       aus dem Teufelskreis, immer nur innerhalb der gewohnten Parameter more of
       the same zu produzieren.
       
       taz FUTURZWEI: To wrap things up: Ist jetzt das Problem, dass wir auf einer
       falschen Grundlage Lösungen suchen, also die Fakten einfach ignorieren?
       Oder ist das Problem, dass wir in die falschen Strukturen immer mehr
       reintun, im Wissen oder Unwissen darüber, dass das so nicht funktionieren
       kann?
       
       Nassehi: Die Leute wollen ja erfolgreich sein. Alle, wir ja auch. Aber wie
       wird man erfolgreich? Wenn man etwa zum Bundeskanzler gewählt werden will,
       sind die Möglichkeiten schon total eingeschränkt. Um eine Wahl zu gewinnen,
       ist es in einer Demokratie Voraussetzung, den Leuten Dinge zu versprechen,
       die so nicht funktionieren. [19][Robert Habeck] hat Reden gehalten, die in
       den letzten Wochen immer wieder gezeigt wurden, in denen er sagt, dass das
       Finanzierungsmodell des [20][CDU]-Programms 100 Milliarden Euro
       Deckungslücke hatte. Das war ziemlich genau berechnet. Das war richtig,
       aber für den Wahlkampf offensichtlich untauglich. Ob das stimmt oder nicht,
       das interessiert doch überhaupt niemanden. Das können wir jetzt
       oberkritisch kritisieren, aber wenn wir in der Situation wären, würden wir
       vielleicht nicht das Gleiche, aber so etwas Ähnliches sagen, weil wir ja
       gewählt werden wollen. Wir würden auf keinen Fall hingehen und sagen: Passt
       mal auf, Leute, wir müssen jetzt erst mal zugeben, dass das, was wir machen
       wollen, mit einer höheren Kreditaufnahme verbunden ist, oder ihr müsst erst
       mal verzichten, worauf auch immer. Effektiver ist der Satz, die Kritik der
       Opposition eben als das abzutun, was sie ist: die Kritik der anderen. Das
       ist das Spiel, aus dem schwer zu entkommen ist. Nicht einmal durch Appelle.
       Deshalb muss man den Leuten Dinge versprechen, die sie nie kriegen werden,
       um dann etwas anderes tun zu können, was nötig wäre. Hört sich das
       fatalistisch an? Ein bisschen schon, aber das ist es, was ich damit meinte,
       dass wir immer schon eingelassen sind in die Erwartungsstrukturen, die
       wirken.
       
       taz FUTURZWEI: Wir sind in einer Phase, in der der temporäre, vielleicht
       scheinbare Siegeszug der rationalen Argumente gerade abgeschafft wird.
       Offenbar, weil die Lösungskompetenz bis zu einem bestimmten Niveau super
       funktioniert hat und nun nicht mehr. Und dann kommen die anderen und sagen,
       das interessiert uns ja alles nicht.
       
       Nassehi: [21][Trump] geht ja hin und sagt, wenn wir die Hälfte der
       Bürokratie abschaffen, ist alles gut. Das sind ja tatsächlich Lösungen, die
       man erreichen kann. Es ist gar nicht so schwer, die Hälfte der Bürokratie
       abzuschaffen. Zumindest in den USA geht das. Zu sagen, wir machen jetzt die
       Grenzen zu, ist auch eine simple Form von Lösung. Die Leute, die mit
       demokratischer Legitimation solche Dinge machen, sind dann erfolgreich,
       wenn sie die Erfolgsbedingungen sehr einfach formulieren. Wir würden auf
       die Folgeprobleme hinweisen, aber die sagen: Quatsch, ich habe die Lösung.
       Und diese Lösungen sind so simpel: Wir machen die Grenze zwischen Frankfurt
       und Słubice zu, dann ist das Migrationsproblem gelöst.
       
       taz FUTURZWEI: Das glauben Merz und Dobrindt ja selbst nicht.
       
       Nassehi: Die präsentieren das und sagen, das Problem ist gelöst. Als
       Zahlenbeleg gilt dann die gesunkene Antragsquote. Jeder, der ein bisschen
       was davon versteht, weiß genau, dass damit das Problem nicht gelöst ist,
       denn der Syrer, der den Rechten stört, ist ja immer noch da.
       
       taz FUTURZWEI: Wenn ich politisch etwas erreichen will, darf ich nicht
       darüber sprechen. Wenn ich eine Wahl gewinnen will, muss ich unglaubliches
       Zeug versprechen, was niemals kommen wird. Und ja nicht auch nur annährend
       auf die Realität eingehen wie Robert Habeck. Wenn wir zusammenfassen, was
       Sie gesagt haben, Herr Nassehi, dann kann man kaum noch den Eindruck
       aufrechterhalten, dass wir im aufgeklärten Zeitalter leben.
       
       Nassehi: Wenn man den alten Königsberger zitiert, müsste man ihn genau
       zitieren. [22][Kant] hat gesagt, wir leben nicht in einem aufgeklärten
       Zeitalter, sondern in einem Zeitalter der Aufklärung. Es ist alles noch
       nicht gut, aber mit vernünftigen Bemühungen wird es dazu kommen, dass es
       gut wird. Aber wir diskutieren jetzt auch schon seit einer ganzen
       Generation, dass diese Fortschrittserzählung nicht mehr so richtig
       funktioniert, oder?
       
       taz FUTURZWEI: Wir haben mit Adorno angefangen und könnten jetzt mit Kant
       aufhören?
       
       Nassehi: Eine Bemerkung noch: Was oft übersehen wird, ist, dass in den
       kleinen Praktiken diese Fortschrittserzählung weitererzählt wird. Wir haben
       nicht die große Lösung, keinen großen Fortschritt, aber die kleinen
       Fortschritte, die haben wir. Und die Frage für mich ist, ob es nicht die
       kleinen Schritte und Fortschritte sind, die eine List evolutionärer
       Veränderungen im Großen entfalten können. Für diesen Gedanken bin ich oft
       als kleinmütig gescholten worden, aber nur von denen, die die ganz großen
       Sätze machen. Und damit wären wir wieder am Anfang.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die neue Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI N°34
       mit dem Titelthema „Zahlen des Grauens“ [23][gibt es jetzt im taz Shop].
       
       23 Sep 2025
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Unfried
 (DIR) Harald Welzer
       
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