# taz.de -- Affenbaby eingeschläfert: Schimpansen züchten, Schimpansen töten
       
       > In Bremerhaven werden existenzielle Fragen verhandelt. Im Zoo wurde ein
       > Schimpansenbaby eingeschläfert, die Tierrechtsorganisation Peta hat
       > Anzeige gestellt.
       
 (IMG) Bild: So, wie in diesem Symbolbild, soll es eigentlich sein: Die Mutter kümmert sich um ihr Neugeborenes
       
       Ob man das darf? Ein gesundes Jungtier töten, obwohl die Art vom Aussterben
       bedroht ist? Noch dazu: ein Schimpansenbaby – also einen Menschenaffen, wie
       wir auch selbst einer sind?
       
       Die Staatsanwaltschaft in Bremerhaven wird sich dieser Frage bald
       juristisch nähern: Die Tierrechtsorganisation Peta hat Anzeige gestellt
       gegen den Zoo am Meer. Dort hatte die Schimpansin Lizzy am 4. September ein
       Baby zur Welt gebracht. Bei der Geburt erlitt sie einen lebensbedrohlichen
       Kreislaufzusammenbruch. Doch auch, als es ihr wieder besser ging, beachtete
       sie das Jungtier nicht, während Vater Dumas es laut Zoo „fürsorglich
       umhertrug“. Nach zwei Tagen entschied der Zoo, das Jungtier einzuschläfern.
       
       Zoos rechtfertigen ihre Existenz mit ihrer Funktion für den Artenschutz.
       Goldene Löwenäffchen und Przewalski-Wildpferde wurden auch dank der
       ausgewilderten Nachzüchtungen aus Zoos vorerst vorm Aussterben gerettet. Um
       das Überleben eines einzelnen Tieres muss es dafür nicht gehen, sondern um
       „langfristig genetisch gesunde Populationen“, so schreibt es auch
       Bremerhavens Zoodirektorin Heike Kück.
       
       Das Schimpansenbaby per Hand aufzuziehen, hätte zu einer Fehlprägung auf
       den Menschen geführt. Und die kann die späteren Fähigkeiten, in einer
       Schimpansengruppe selbst Nachwuchs großzuziehen, beeinträchtigen. Das
       kleine Affenmädchen ist in dieser Sicht einfach eine Vertreterin ihrer Art
       – und zwar eine, die sich dann möglicherweise selbst nicht arterhaltend
       fortpflanzt.
       
       Zoos kommunizieren die Tötung von Tieren vermehrt in der Öffentlichkeit.
       Geburten und Tod gehören zum Leben, so das Argument; eine gesunde
       Zoopopulation muss jung sein – es braucht Fortpflanzung, nicht nur Pflege
       der Alttiere. Einige deutsche Zoodirektor*innen hatten im Dezember in
       einer Fachzeitschrift [1][dafür plädiert,] auch „überschüssige“ Jungtiere
       zu züchten – und bei Überpopulation zu verfüttern.
       
       Praktisch demonstriert wurde das vom Zoo Nürnberg, der im Juli zwölf
       [2][überzählige Paviane töten ließ.] Und die Tötung von zwei verstoßenen
       Löwen- und drei Tigerbabys im Kölner und Leipziger Zoo in diesem Sommer
       zeigt, dass auch Publikumslieblinge nicht mehr zwangsläufig von Hand
       aufgezogen werden wie einst noch der Eisbär Knut im Berliner Zoo.
       
       ## Unsere nächsten Verwandten
       
       Doch im Bremerhavener Fall können sich noch einmal andere Fragen stellen:
       Schließlich geht es um Schimpansen als unsere nächsten Verwandten. Das
       Affenbaby wurde durch menschlichen Willen gezüchtet – Vater Dumas musste in
       einer urologischen OP eigens refertilisiert werden – und durch menschliche
       Hand getötet.
       
       Das Great Ape Project (GAP) plädiert seit 1993 dafür, den moralischen Blick
       zu weiten und alle Menschenaffen in eine „Gemeinschaft der Gleichen“
       einzubeziehen. Schimpansen haben ein Ich-Bewusstsein, sie sind, so
       definieren es die Verfechter des GAP, Personen und [3][verdienen
       Grundrechte.] Das lenkt den Blick aufs Individuum: Ähnlich wie beim
       Menschen dürfte dann frei nach Kant keiner nur als Mittel, sondern jeder
       als Selbstzweck gesehen werden.
       
       Doch auch der Zoo argumentiert mit individuellem Tierwohl: Wie lebenswert
       wäre das Leben der kleinen Schimpansin, die dank Fehlprägung nicht sozial
       kompatibel ist?
       
       Dass Schimpansen aus Menschenaufzucht keinen Anschluss an eine
       Schimpansengruppe finden, ist allerdings in vielen Fällen widerlegt. Peta
       akzeptiert das Argument auch nicht, so lange es von einem Zoo kommt: Dort
       schließlich sei überhaupt kein artgerechtes, sondern nur ein trauriges
       Ersatzleben in Gefangenschaft möglich. Das zumindest bleibt dem Affenkind
       erspart.
       
       22 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.pnas.org/doi/abs/10.1073/pnas.2414565121
 (DIR) [2] /Artenschutz-im-Zoo/!5988882
 (DIR) [3] /Orang-Utan-in-Argentinien/!5025515
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lotta Drügemöller
       
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