# taz.de -- Schöpferin der Bella-Block-Reihe tot: Feministische Krimiautorin Doris Gercke ist gestorben
       
       > Autorin Doris Gercke stand für bündige, feministische Literatur, die
       > alles ausdrückt, was erzählt gehört. Ihre Verlegerin Else Laudan nimmt
       > Abschied.
       
 (IMG) Bild: Doris Gercke: Als Schöpferin der international berühmten Bella Block schrieb sie Literaturgeschichte, beließ es aber nicht dabei
       
       Die Schriftstellerin Doris Gercke lebt nicht mehr. Sie verfasste zahlreiche
       Geschichten und Romane, sägte mit ihrem düsteren kritischen Realismus an
       der Erzählhoheit im Genre. Ich durfte ihre letzten Bücher verlegen – den
       Kurzgeschichtenband „Frisches Blut“ und den Roman „Die Nacht ist
       vorgedrungen“. In meinem Verlegerinnendasein sind mir nie Texte unter den
       Rotstift gekommen, die weniger Lektorat brauchten. Eine Autorin, bei der
       jedes Wort an seinem Platz stand, kein Satz zu viel, keine Szene zu lang,
       die Details klug gesiebt, die Sprache schlicht und gelassen:
       Schnörkellosigkeit als Kunstform.
       
       Fiktion und Wahrheit eng verschlungen: Ihr finsterer Realismus war immer
       nüchtern und unbotmäßig. Viele Pointen und Zitate verraten enorme
       Belesenheit, Liebe zu russischen Dichtern, Freude an Schönheit,
       Urteilsvermögen, Stilsicherheit und aufrührerischen Humor. Ihre ganze Art
       des Erzählens ist auf ruhige Art herausfordernd.
       
       Dieser Tage lese ich ihre alten [1][Bella-Block-Krimis] nochmals und merke,
       dass sie von Anfang an so geschrieben hat. Avantgarde – eine, die
       vorausgeht. Klare, bündige, feministische Literatur, die alles ausdrückt,
       was erzählt gehört. Pathosfrei, spröde, auf den Punkt, mit Sätzen, die
       einfach klingen, doch deren Nachhall die Jahrzehnte noch verstärkt haben.
       
       Ihr erster Roman schlug in die verpennte deutschsprachige Kriminalliteratur
       der 1980er ein wie ein Blitz. Noir in Ton und Setting, eine hypersouveräne
       Solo-Ermittlerin über 50, dazu die schockierend ungeschönte Darstellung
       ekliger, misogyner Gewalt. „Weinschröter, du musst hängen“ verbat sich jede
       Konzession an das gemütliche Krimischema und erteilte dem Glauben an die
       durch eine Mordaufklärung wiederherstellbare heile Welt eine staubtrockene
       Absage.
       
       [2][Doris Gercke], 1937 in Greifswald geboren, lebte seit ihrer Kindheit in
       Hamburg. Obwohl wir uns zeitgleich in die Buchbranche aufmachten, blieben
       Begegnungen zunächst sporadisch. Erst als sie 2011 fürs
       [3][Harbourfront-Festival] Dominique Manotti moderierte, begann sich die
       Bekanntschaft zu vertiefen. Drei Jahre danach bat ich sie um Mitwirkung
       beim Aufbau eines Netzwerks hochkarätiger politischer Krimiautorinnen. „Ja,
       wenn ihr jungen Frauen so etwas auf die Beine stellen wollt, finde ich das
       gut“, sagte sie. (Ich war 51 und erstaunt, jung genannt zu werden.) Prompt
       richtete Doris Gercke im Sommer 2015 großzügig das erste
       [4][HERland-Treffen] aus. Sie hat diese Kraft spendende Bande
       feministischer Krimifrauen mitgegründet und geprägt, war uns Inspiration
       und Vorbild. Diese Haltung. Diese Weltkenntnis. Diese Großzügigkeit bei
       allem gerechten Zorn.
       
       Zehn Jahre lang erwies mir Doris die Ehre ihrer Freundschaft und ihres
       Vertrauens. Beides hat mich innerlich wachsen lassen. Ihre aufrechte
       Haltung hat auch mein Rückgrat gestärkt. Ihre Lust am Arbeiten, ihr Sinn
       für Humor und ihre nie versiegende Neugier auf Lesbares und Politisches
       waren wie Geschenke.
       
       Kurz vor ihrem Tod gab sie mir eine Mappe mit Texten für ein letztes Buch.
       Wir werden daraus ein Sammelbändchen machen. Denn ich will, dass keiner
       ihrer Texte ungelesen bleibt. Die Welt braucht Schriftstellerinnen wie
       Doris Gercke. Dringend.
       
       Else Laudan, die Autorin dieses Nachrufs, war Verlegerin und Freundin von
       Doris Gercke. Laudan ist 1963 in Westberlin geboren, brach mit 16 die
       Schule ab, jobbte in Gastro, Buchhandel, Redaktionen, halbe
       Maschinenschlosserlehre, reiste viel, zog dann nach Hamburg, studierte im
       2. Bildungsweg Soziologie, entdeckte das Sprachwesen in sich. Ab 1987 freie
       Lektorin, ab 1988 Übersetzerin aus dem Englischen, ab 1989
       Programmverantwortung fürs Projekt Ariadne im Argument Verlag, ab 1997
       Verlegerin. Spezialisiert auf Spracharbeit, Feminismus, Noir- und
       Kriminalliteratur, politische Kultur und Networking.
       
       30 Jul 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nachruf-auf-Hannelore-Hoger/!6059220
 (DIR) [2] /Puzzle-vor-dem-geistigen-Auge/!312118/
 (DIR) [3] /Eklat-um-Harbour-Front-Literaturfestival/!5875250
 (DIR) [4] https://herlandnews.com/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Else Laudan
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Krimi
 (DIR) Hamburg
 (DIR) Feminismus
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Autorin
 (DIR) Schauspielerin
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Katharina Hagena über das Schreiben: „Man erreicht Menschen über Schicksale“
       
       Bestsellerautorin ist Katharina Hagena schon, jetzt wird sie außerdem
       Naturführerin. Ein Gespräch über Krötentunnel und ihren Blick auf
       Literatur.
       
 (DIR) Nachruf auf Hannelore Hoger: Eine, die sich nicht klein machte
       
       Die Schauspielerin Hannelore Hoger war autonom und willensstark. Ab 1994
       wurde sie als Ermittlerin „Bella Block“ zur Blaupause für
       TV-Krimibeamtinnen