# taz.de -- „Bündnis gegen rechts“ ruft zum Protest: Rechte Bewunderer bei Ernst-Jünger-Gedenkveranstaltung
       
       > Eine schlagende Verbindung lädt zu einer Ernst-Jünger-Gedenkveranstaltung
       > ein. Neben Rechtsextremen kommt auch „Zeit“-Kolumnist Harald Martenstein.
       
 (IMG) Bild: Vielbewundert von weiten Teilen der Bundesrepublik: Ernst Jünger (Mitte) an seinem 100. Geburtstag im Jahr 1995 vor seinem Haus
       
       Hamburg taz | Im Schützengraben, auf der Klippe oder im Wald: Ernst Jünger
       war ein fleißiger Schreiber. Er beschwor den heroischen Soldatentod, die
       innere Emigration und die zeitgeistliche Widerständigkeit. Ein Solitär mit
       reflektierter Distanz und transzendentalem Habitus wollte der
       Schriftsteller sein, der 1998 im Alter von 103 Jahren verstarb – hoch
       geehrt und viel bewundert in weiten Teilen der Bundesrepublik.
       
       Eine [1][anerkannte literarische Größe] also. Trotzdem ruft am Samstag das
       Hamburger „Bündnis gegen rechts“ mit gutem Grund zur Protestdemo gegen eine
       Ernst-Jünger-Gedenkveranstaltung auf. Besonders bedenklich stimme an der,
       dass neben gesichert rechtsextremen Bewunderern des militaristischen Autors
       „auch Angehörige des konservativen Establishments“ teilnehmen, so das
       Bündnis, „darunter CDU-Mitglieder und Personen aus der Wirtschaft“.
       
       Veranstalter ist die [2][schlagende Verbindung „Landsmannschaft
       Mecklenburgia Rostock“], über die der Verfassungsschutz schon 1993 in einem
       vertraulichen Bericht schrieb, sie habe „als zumindest rechtsextremistisch
       beeinflusst“ zu gelten. Stargast ihrer diesjährigen Jünger-Huldigung, die
       unter dem Titel „Erdbeeren mit Burgunder“ firmiert: [3][Harald
       Martenstein].
       
       Ab 19 Uhr können zahlende Gäste dem Kolumnisten von Die Zeit, NDR und Die
       Welt im Haus der Landsmannschaft laut interner Ankündigung zuhören. Im
       Zeit-Magazin vom 15. Mai hatte Martenstein noch – fehlinformiert –
       behauptet, Adolf Hitler sei der „wichtigste Pionier“ des Genderns gewesen.
       Grund war, dass er seit 1925 in seinen Ansprachen die getrennte Anrede von
       weiblichen und männlichen Genossinnen und Genossen kopiert hat. Die war bei
       Kommunisten und SPD-Parteitagen seit Beginn des 20. Jahrhunderts üblich
       gewesen.
       
       ## Landsmannschaft lässt sich nicht „vom Zeitgeist gängeln“
       
       In ihrer Selbstdarstellung betont die Landsmannschaft, sich „keine
       weltanschaulichen oder konfessionellen Zwänge“ aufzuerlegen. „Ebenso wenig
       lassen wir uns vom Zeitgeist gängeln.“ Ernst Jünger dürfte sich da nicht
       missverstanden fühlen: Den Zeitgeist der Moderne – die parlamentarische
       Demokratie, feministische Tendenzen und gesellschaftliche Liberalität –
       lehnte er seit den 1920er-Jahren ab. Doch der Literat aus dem Spektrum der
       „Konservativen Revolution“, die gegen die republikanische Realität und für
       eine autoritäre Reaktion anschrieb, krakeelte mitunter auch laut.
       
       Im Jahr 1930 nahm der Erste-Weltkrieg-Erfahrene teil an einem von der SA
       angeführten Mob, dessen Ziel es war, einen Vortrag von Thomas Mann in
       Berlin zu stören: Der Literaturnobelpreisträger hatte seine
       reaktionär-nationalistischen Positionen aus den „Betrachtungen eines
       Unpolitischen“ spätestens angesichts der nationalsozialistischen Bewegung
       revidiert und war ins republikanisch-demokratische Lager gewechselt.
       
       Mann sollte Jünger später als „geistigen Wegbereiter und eiskalten
       Wollüstling der Barbarei“ bezeichnen. Jünger waren die NSDAP und der Führer
       zwar zu vulgär. Bei aller ästhetischen Distanz zur nationalsozialistischen
       Bewegung suchte er als Autor praktisch ihre Nähe. So schrieb er Artikel für
       den Völkischen Beobachter und verteidigte rechtsterroristische Morde.
       
       Seine entmenschlichte Ästhetik greift die Landsmannschaft mit dem gewählten
       Titel der Veranstaltung auf. Er spielt auf eine Szene an, die Jünger
       während seiner Zeit als Wehrmachtsoffizier im Mai 1944 im besetzten Paris
       in sein zur Veröffentlichung bestimmtes Tagebuch schrieb. Anlass war das
       Bombardement der Stadt durch die US-Luftwaffe, das er vom hohen Dach des
       Hotels, in dem er einquartiert war, genüsslich beobachtet: Zweimal habe er
       „in der Richtung von St. Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen“ sehen.
       Beim zweiten Mal „hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen,
       in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger
       Schönheit, gleich einem Blütenkelche, der zu tödlicher Befruchtung
       überflogen wird.“
       
       Kriegskitsch mit Sexassoziationen: In der französischen Hauptstadt nahm
       Jünger damals freiwillig an Hinrichtungen von Deserteuren und
       Gegner*innen teil. Die Landsmannschaft werden diese Schilderungen kaum
       stören. Sie beklagt schon lange einen „deutschen Selbsthass“ als „ungesund
       und dekadent“ und betont die „Vaterlandsliebe“. Die liegt auch den
       Ernst-Jünger-Festrednern am Herzen: Neben [4][Uwe Tellkamp] waren bisher
       der ehemalige Leiter des extrem [5][rechten Magazins Cato], Andreas
       Lombard, sowie der Spiritus Rector dieses Heftes, Karlheinz Weißmann, zu
       Gast.
       
       Das Hamburger „Bündnis gegen rechts“ weist darauf hin, dass in diesem
       „Lebensbund“ Kader der AfD mit Personen aus CDU und Wirtschaft
       zusammentreffen. So finden sich unter den 100 Landsmannschaft-Mitgliedern
       der ehemalige CDU-Bürgerschaftsabgeordnete und einstige leitender
       NDR-Mitarbeiter Horst Szychowiak, aber auch das Ehrenmitglied des
       Nordmetall-Vorstands, Wolfgang Würst.
       
       23 May 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Speit
       
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