# taz.de -- Nachruf auf Dramaturg Carl Hegemann: Er war auf Erkenntnis aus
       
       > Der Dramaturg Carl Hegemann prägte an der Volksbühne das Kulturleben
       > Berlins. Er verzichtetet auf Machtgesten und demonstrativen Ehrgeiz. Ein
       > Nachruf.
       
 (IMG) Bild: Sein einziges Machtinstrument war vielleicht seine Präsenz: der Dramaturg Carl Hegemann (1949-2025) in der Volksbühne
       
       Vor 30, auch noch vor 25 Jahren gab es in Berlin offenen Stadtraum, der in
       intellektuellen und künstlerischen Spielraum verwandelt werden konnte –
       selbst wenn man sich das heute nicht mehr vorstellen kann. Sehr viel von
       dem, was in dieser von ihrer eigenen Freiheit beseligten Zeit in Berlin
       gespielt wurde, geht auf den Dramaturgen Carl Hegemann zurück, der jetzt im
       Alter von 76 Jahren sehr plötzlich verstorben ist.
       
       Er, der Dramaturg mit der Doktorarbeit über Fichte und Marx in der Tasche,
       später Hochschullehrer auf Wanderschaft, war mehr Rhapsode als Denker. Jede
       Frage an ihn löste einen Redeschwall aus, der kaum je auf den Punkt kam und
       vielleicht vor allem emotionale Zugewandtheit demonstrieren wollte – eine
       Offenheit, in der andere wachsen konnten. Das Viben war mehr sein Ding als
       die Sinnstiftung. Er kam aus Paderborn, wo er im März 1949 geboren wurde,
       und hat sich so tief in Berlin eingeschrieben, dass man ihn für
       berlinerisch wie Hildegard Knef aus Ulm halten konnte. Für berlinerisch wie
       Harald Juhnke aus dem Wedding.
       
       In drei Phasen der Intendanz Castorf an der Volksbühne am
       Rosa-Luxemburg-Platz war Hegeman dort Chefdramaturg – in einer traurigen
       Spätphase, in der großen klassischen Phase (fünf Stunden Dostojewski mit
       dem All-Star-Ensemble) und in einer Frühphase nach dem Abgang von Castorfs
       Indendanz-Mitbegründer [1][Matthias Lilienthal].
       
       ## Mehr Spielraum als bei Castorf
       
       Bei der Entgrenzung der antiautoritäten Spielwut von [2][Christoph
       Schlingensief] in der Frühphase dürfte er eine wichtige Rolle gespielt
       haben. Vielleicht hatte er dort auch mehr Spielraum als bei Castorf, der
       sein eigenes Genietum schon für ausgemacht hielt. Das Pfund, mit dem
       Schlingensief wucherte, war eine nervöse Unsicherheit und Durchlässigkeit,
       die öffentlich überkompensiert werden musste. Die beiden waren also sehr
       gut füreinander geeignet.
       
       Und deshalb konnte man 1998 plötzlich in einem Zirkuszelt einer
       Parteigründung beiwohnen. Die Partei hieß Chance 2000, Vorsitz
       Schlingensief. Als Stimmausweis bekamen alle eine Nudel, und der Ruf zur
       Abstimmung lautete deshalb: „Zeige deine Nudel!“ Später ging die Partei
       geschlossen im KaDeWe einkaufen, worauf die Polizei eine Kolonne Wannen
       vorfahren ließ, um die Teilnehmer*innen zu ermutigen, das Kaufhaus
       wieder zu verlassen.
       
       Noch später sollte durch gemeinsames Baden im Wolfgangsee das Ferienhaus
       von Bundeskanzler Helmut Kohl überschwemmt werden. (Die Parteigeschichte
       verzeichnet außerdem einen gemeinsamen Auftritt mit Sahra Wagenknecht, und
       zwar auf einem taz-Event. Man kann jetzt darüber nachdenken, ob sie
       Schlingensiefs satirisches Früh-Querdenkertum vielleicht ernst genommen
       hat. Kunst kann schreckliche Folgen haben, wenn das Leben sie imitiert.)
       
       ## Es war unmöglich, nicht mit ihm zu reden
       
       Diesen ganzen schönen und unschuldig wilden Wahnsinn hat Carl Hegemann
       befördert und mit ausgeheckt. Manche aus dem Kulturberlin dieser Zeit sind
       in durchgeplanten Karrieren erstarrt, andere sind viel zu jung gestorben
       oder wüten in ihrem selbst gegrabenen Bergwerk weiter. Und jetzt leben wir
       in einer Stadt, die entschlossen ist, nur noch die Affekte des spießigsten
       und provinziellsten Teils der Bevölkerung zu bedienen und die Kulturszene
       für ihre Restlust am Chaos zu bestrafen.
       
       Hegemanns Machtinstrument war vielleicht einfach seine Präsenz. Es war
       unmöglich, nicht mit ihm zu reden. Aber es lag ihm fern, mit seiner Präsenz
       aufzutrumpfen, egal wie viele Machtmenschen ihn umgaben. Er hat nie darauf
       bestanden, ernst genommen zu werden. Vielleicht weil er wirklich auf
       Erkenntnis aus war und wusste, dass man in den hierarchischen Strukturen
       deutscher Ernsthaftigkeit an sie nicht herankam.
       
       Das ist vielleicht Hegemanns eigentliches Vermächtnis: ein Leben im
       Verzicht auf offene Machtgesten, auf demonstrativen Ehrgeiz, mit allem, was
       dieser Verzicht zum Blühen gebracht hat.
       
       In der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz war jetzt zum Theatertreffen
       [3][Florentina Holzinger] zu Gast, in einem völlig veränderten Berlin der
       Gegenwart. Eine freundliche Künstlerin, die ohne großes formales
       Muskelspiel mit extremen Schockmomenten arbeitet und daraus eine Art
       Paradies für traumatisierte Frauen und trans Menschen baut – einen
       Schutzraum gegen männliche Machtgesten, der sich zum Publikum hin öffnet.
       Die Künstlerin arbeitet ohne große Vorbilder, aber trotzdem hört man ein
       Echo der autoritätsverachtenden Volksbühnen-Impuse von früher.
       
       Als die zweite Vorstellung von Florentina Holzingers Produktion „Sancta“ am
       Freitag vorbei war, kam die Nachricht vom Tod Carl Hegemanns.
       
       11 May 2025
       
       ## LINKS
       
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