# taz.de -- Brandstiftung in Solingen: Staatsanwaltschaft will nicht ermitteln
       
       > Wurde ein rechtsextremes Motiv vertuscht? Die Anwältin Seda Başay-Yıldız
       > hatte Anzeige gegen die Polizei erstattet. Nun prüft sie weitere
       > Schritte.
       
 (IMG) Bild: Bei dem Brandanschlag in Solingen im März 2024 waren vier Menschen ums Leben gekommen, viele weitere wurden verletzt
       
       Kaum eine Woche ist es her, dass die Rechtsanwältin [1][Seda Başay-Yıldız]
       den Polizeipräsident und mehrere Beamt*innen des Polizeipräsidiums
       Wuppertal angezeigt hatte. Doch nun heißt es von der Staatsanwaltschaft
       Wuppertal bereits, sie lehne die Aufnahme von Ermittlungen gegen Beamtinnen
       und Beamte des Polizeipräsidiums Wuppertal ab, da ein Anfangsverdacht für
       ein strafbares Verhalten nicht vorliege. [2][Başay-Yıldız wirft den
       Behörden vor, Beweismaterial im Prozess um eine tödliche Brandstiftung 2024
       in Solingen zurückgehalten zu haben.]
       
       Es handelt sich um mehr als ein Dutzend Bücher mit Bezug zum
       Nationalsozialismus. Die waren im Haus des Angeklagten gefunden und
       dokumentiert, aber nicht zur Akte gereicht worden. Başay-Yıldız spricht von
       „Vertuschung“ und einem „Skandal“. Die Polizei rechnet die Bücher dem Vater
       des Angeklagten zu. Deswegen habe man sie wohl nicht für verfahrensrelevant
       gehalten, so die Staatsanwaltschaft in der Pressemitteilung.
       
       Gegen die Ablehnung der Ermittlungen will die Rechtsanwältin Seda
       Başay-Yıldız im Namen ihrer Mandant*innen vorgehen. „Es ist Fakt, dass
       Beweismaterial vorenthalten wurde“, sagt Başay-Yıldız der taz. Die nur
       wenige Tage dauernde Überprüfung zeige, wie intensiv sich die
       Staatsanwaltschaft mit dem Tatvorwurf beschäftigt habe. „Wie man nach
       wenigen Tagen bereits sicher sein kann, dass hier kein strafbares Handeln
       vorliegt, ist mir schleierhaft“, so Başay-Yıldız. Sie will nun
       Dienstaufsichtsbeschwerde einlegen und erreichen, dass das Vorgehen der
       Polizei durch die Behörden eines anderen Bundeslands geprüft wird.
       
       Der Angeklagte Daniel S. hat bereits zugegeben, im März 2024 ein
       Mehrfamilienhaus in Solingen in Brand gesteckt zu haben. Die vierköpfige
       türkisch-bulgarische Familie Zhilova starb, 21 Personen wurden zum Teil
       schwerst verletzt. So auch die Mandant*innen von Başay-Yıldız. Nun wird
       vor Gericht um ein mögliches Motiv gerungen. Der 40-Jährige Daniel S. steht
       im Verdacht, möglicherweise aus rechtsextremistischer Ideologie gehandelt
       zu haben. Dabei hatte die Staatsanwaltschaft schon kurz nach der
       Brandstiftung in einer Pressekonferenz verlauten lassen, dass es keine
       Hinweise für ein „fremdenfeindliches“ Motiv gebe.
       
       ## Richter zeigte sich erschüttert
       
       Im Prozess drängt sich nun die Frage auf, ob das stimmt. [3][„Mir ist früh
       aufgefallen, dass zum Motiv nicht so richtig ermittelt wurde“], sagt
       Nebenklagevertreterin Seda Başay-Yıldız. Das habe sie irritiert, vor allem
       weil der Angeklagte bereits 2022 am Jahrestag der Reichspogromnacht
       versucht hatte, das Gebäude anzuzünden. Das wäre ein Ansatz gewesen.
       
       Zudem kam heraus, dass nicht alle Datenträger ausgewertet wurden, die
       konfisziert worden waren. Dem Gericht wurden Chatprotokolle vorgelegt, in
       denen sich [4][der Angeklagte und seine Lebensgefährtin] abfällig über
       Migrant*innen äußerten und deren Tod wünschten. Außerdem fand
       Başay-Yıldız heraus, dass der Angeklagte kurz vor der Tat „Mord Strafrecht“
       gegoogelt hatte. Zusätzlich entdeckte Başay-Yıldız, auf einem Bild der
       Durchsuchungsmaßnahmen aus der Garage des Angeklagten im Hintergrund ein
       volksverhetzendes Pamphlet, das dort aufgehängt war. Schließlich gibt es
       eben noch die eingangs erwähnten Beweismittel – knallharte NS-Literatur.
       
       Auch der Vorsitzende Richter Jochen Kötter hatte sich erschüttert gezeigt,
       als Başay-Yıldız die neu aufgetauchten Bilder in Augenschein nehmen ließ.
       Er könne da auch aus der Haut fahren, wenn er das sehe, sagte Kötter
       während des Prozesses. „Ich muss Ihnen zugestehen, dass das nicht passieren
       darf“, so der Richter weiter.
       
       Başay-Yıldız will nach der Ablehnung durch die Staatsanwaltschaft Wuppertal
       weitere Ermittlungen prüfen, auch gegen die Staatsanwaltschaft selbst. Am
       15. April wird der Prozess fortgesetzt.
       
       10 Apr 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Seda-Basay-Yildiz/!t5559069
 (DIR) [2] /Rassistische-Brandstiftung-in-Solingen/!6080853
 (DIR) [3] /Der-rechtsextreme-Taeter-von-Solingen/!6071625
 (DIR) [4] /Brandanschlag-von-Solingen/!6075728
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Trammer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Solingen
 (DIR) Brandanschlag
 (DIR) Rechtsextremismus
 (DIR) Schwerpunkt Rechter Terror
 (DIR) Rechtsextremismus
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) Justiz
 (DIR) Solingen
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Brandanschlag mit vier Toten 2024: Neue Vorwürfe gegen Angeklagten von Solingen
       
       Legte der mutmaßliche Brandstifter von Solingen noch ein weiteres Feuer?
       Neue Indizien deuten darauf hin – und legen erneut ein rechtsextremes Motiv
       nahe.
       
 (DIR) Brandanschlag in Solingen: Was weiß Innenminister Reul?
       
       Beim Brandanschlag in Solingen starben 2024 vier Menschen. Unklar bleibt,
       seit wann die Behörden von einem möglichen rechtsextremen Motiv wissen.
       
 (DIR) Rassistische Brandstiftung in Solingen: Wenn Beamte das Motiv vertuschen
       
       Die Polizei stufte den Brandanschlag in Solingen von März 2024 erst als
       „rechtsmotiviert“ ein. Nun kommt heraus: Ein Mitarbeiter löschte den
       Vermerk.
       
 (DIR) Rassistische Brandstiftung in Solingen: Wurde das Motiv vertuscht?
       
       Im Prozess zum Anschlag auf ein von Migrant:innen bewohntes Haus mehren
       sich Hinweise auf rechtsextremes Motiv. Anwältin klagt die Polizei an.
       
 (DIR) Brandanschlag von Solingen: Freundin des Angeklagten weist Vorwürfe zurück
       
       Bei dem Anschlag waren vier Menschen gestorben. Die Freundin des
       Angeklagten will nichts von rechtsextremen Inhalten einer Festplatte
       gewusst haben.
       
 (DIR) Der rechtsextreme Täter von Solingen: Ohne Druck keine Polizeiarbeit
       
       War der Täter in Solingen rechtsextrem? Wieder einmal hatte die Polizei das
       zunächst ausgeschlossen. Ohne Druck von allen Seiten scheint es nicht zu
       gehen.