# taz.de -- Griechenland investiert in Aufrüstung: Vom Euro-Sorgenkind zur Militärmacht
       
       > Griechenland beschließt ein milliardenschweres Rüstungsprogramm. Die
       > Regierung in Athen sendet damit auch ein Signal an die Türkei.
       
 (IMG) Bild: Griechenland rüstet auf: Bei einer Militärparade zum Unabhängigkeitstag im März präsentieren sich Marinesoldaten
       
       Athen taz | Unverhohlen offenbart der ältere Herr, Schirmmütze, halbvoller
       Einkaufswagen, an diesem nasskalten Samstag in der Warteschlange im
       Supermarkt im nördlichen Athener Vorort Halandri, wovor er sich wirklich am
       meisten fürchtet. Nein, es seien nicht die steigenden Lebensmittelpreise.
       „Ich habe Angst vor einem Krieg.“ Griechenland brauche „starke
       Streitkräfte“, antwortet er. Und dies auch dann, wenn er den Gürtel wegen
       seiner schmalen Rente noch enger schnallen müsse.
       
       So ticken die meisten Griechen. Kaum bis gar kein Widerspruch regte sich,
       schon gar nicht Proteste wurden laut, als Griechenlands konservative
       Regierung unter Premier Kyriakos Mitsotakis am Mittwoch im Athener
       Parlament ein neues, gewaltiges Rüstungsprogramm verkündete. Bis 2036
       werden dafür 25 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Das entspricht rund
       10 Prozent von Hellas erwarteter diesjähriger Wirtschaftsleistung.
       
       Dank der [1][Aktivierung der Ausweichklausel] des EU-Stabilitäts- und
       Wachstumspakts könne Athen Schulden für die Verteidigung aufnehmen, ohne
       ein EU-Defizitverfahren auszulösen, betonte Mitsotakis. Dennoch: Für das
       einstige Euro-Sorgenkind, im Frühjahr [2][2010 faktisch bankrott], ist die
       Aufrüstung kein Pappenstiel. Die griechische Staatsschuld betrug per Ende
       2024 fulminante 154 Prozent in Relation zur hiesigen Wirtschaftsleistung –
       weiter die höchste Schuldenquote in Europa.
       
       Die jedoch durch die 2018 erzielte Schuldenregelung niedrig verzinst ist.
       Die haushaltspolitische Flexibilität werde „kein Grund für Exzesse sein“,
       beteuerte Mitsotakis. Zugleich wies er die eher verhaltene Kritik der
       linken Opposition zurück, wonach seine Regierung „Geld für Kanonen statt
       für Butter“ ausgebe. Hellas werde eine der „fortschrittlichsten Armeen“ der
       EU bekommen und so zu einem „Schlüsselfaktor“ für die Verteidigung Europas
       avancieren, die „vor neuen Herausforderungen“ stehe.
       
       ## Regierung erhöht Verteidigungsausgaben seit Jahren
       
       Fest steht: Griechenland ist schon jetzt eine militärische Macht. In der
       Weltrangliste 2025 des Fachportals Global Firepower (GFP) belegt Hellas in
       puncto Militärstärke Rang 30. Hatten die Athener Verteidigungsausgaben 1951
       laut dem Stockholmer Forschungsinstitut SIPRI ein Allzeithoch von 6,6
       Prozent in Relation zum BIP erreicht, dümpelten sie in den 2010er Jahren um
       die Marke von 2,5 Prozent. Die Regierung Mitsotakis gab abermals Gas: Die
       Verteidigungsausgaben erhöhten sich auf bis zu 3,2 Prozent im Jahr 2023 –
       deutlich höher als der europäische Mittelwert.
       
       Bereits Ende 2024 hatte Athens Verteidigungsminister Nikos Dendias unter
       dem Titel „Agenda 2030“ einen Sieben-Punkte-Plan zur Reform der
       Landesverteidigung vorgestellt: Dieser umfasst Strukturreformen, die
       Aktualisierung und Priorisierung der Rüstungsprogramme, die Stärkung der
       einheimischen Rüstungsfirmen, die Ausbildung, den Wohnungsbau (für das
       Militärpersonal) sowie soziale Aktivitäten der Streitkräfte.
       
       Die Griechen sparen auch: Dendias kündigte dabei die „schnellstmögliche“
       Schließung von 137 der 800 Militärkasernen an. Obendrein schickte Dendias
       rund 2.000 Offiziere in den Ruhestand. „Welche Armee auf diesem Planeten
       weist ein Verhältnis von Offizieren zu Unteroffizieren von eins zu eins
       auf? Das normale Verhältnis beträgt 1 zu 9“, begründete Dendias seinen
       Schritt.
       
       Dafür sollen neue Kampfjets, neue Hubschrauber, neue Fregatten und eine
       völlig neue Luftabwehr unter dem Namen „Schutzschild Achilles“ beschafft
       werden. Bereits vorhandene Waffensysteme werden zudem modernisiert. Sowohl
       Mitsotakis als auch Dendias vermieden es öffentlich zwar tunlichst, an
       dieser Stelle [3][die Türkei zu erwähnen,] was auf die zuletzt von den USA
       vorangetriebene Annäherung zwischen Athen und Ankara zurückzuführen sein
       dürfte.
       
       ## Signal an die Türkei
       
       Dennoch konnte es sich Dendias in seiner 15-minütigen Einlassung am
       Mittwoch in Athens Parlament nicht verkneifen, das gigantische
       Rüstungsprogramm unmissverständlich zu begründen: „Wir stehen einer
       nachweislich existierenden Gefahr mit einer zehnfachen Stärke im Vergleich
       zu uns gegenüber.“ Diese Beschreibung trifft haargenau auf den Nachbarn und
       Nato-Partner Türkei zu – im globalen GFP-Ranking die Nummer neun.
       
       6 Apr 2025
       
       ## LINKS
       
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