# taz.de -- Das Versprechen der Bilder: Glück ist ein Platz diesseits des Jägerzauns
       
       > Bilder lügen. Aber wir haben uns der KI ausgeliefert. Das
       > Heile-Welt-Marketing der geistig-moralischen Wende kehrt als Drohung
       > zurück.
       
 (IMG) Bild: Hannelore Kohl, die Ehefrau des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, in St. Gilgen am Wolfgangsee im Urlaub
       
       Blond, gesund und kernig. Ob Wahlplakate, Werbungen oder Illustrationen für
       Social-Media-Propaganda – die Optik der maschinell erstellten Bilder, die
       erst das Netz ruinierten und inzwischen auch die Straßen fluten, ist öde
       und eintönig.
       
       Die Frühgeborenen erinnern sich bestimmt noch an die rustikal-warme
       Farbpalette, in der das alles ausgeleuchtet ist: Wie der Junge von der
       Kinderschokolade strahlen uns [1][seit Jahrzehnten perfekt weiße Zähne] aus
       perfekt weißen Gesichtern an. Neu ist nur die Reproduktionsgeschwindigkeit
       und die überwältigende Masse des übelriechenden Einheitsbreis, der da schon
       lange köchelt.
       
       Rachsüchtig auftrumpfend kehrt so das Heile-Welt-Marketing der
       geistig-moralischen Wende als das zurück, was es schon immer war: eine
       Drohung voll unerbittlicher Rohheit. Die Wiederkehr gibt sich ganz objektiv
       als statistisches Modell. Hannelore Kohl wird [2][auf ewig zu Füßen ihres
       Gatten] gnadenlos ein Rehkitz füttern müssen – und alle tun’s ihr gleich.
       Im direkten Schatten dieser verlogenen Bilder wird selbstverständlich
       genauso gelitten und jämmerlich gestorben wie auch weiter außerhalb des
       Sichtfeldes. Dort aber mit größerer Brutalität; irgendwo im Mittelmeer, in
       [3][einer Hanauer Bar] oder in einer Dessauer Polizeizelle. Glück ist ein
       Platz diesseits des Jägerzauns.
       
       Wir gewöhnen uns an den stillen Schrecken dieser KI-Karikatur einer guten
       alten Zeit. Das verwesungssüß schmeckende Nichts der makellosen Oberflächen
       liegt wie ein Schleier um einen namenlosen Horror. Da, wo eventuell einmal
       der Zweifel wohnte, lauert hinter der bequemen Gewohnheit eilfertige
       Ignoranz. Nur nicht hinschauen, nur nicht auffallen. Wann warst du das
       letzte Mal beim Friseur, Junge, wieso ist dein Rock so kurz, Mädchen?
       Gleichschritt, Anpassung.
       
       Der Verdacht ist Beweis genug, und wer verdächtig ist, bestimmt am Ende die
       „künstliche Intelligenz“. Objektiv und doch so hervorragend mit unseren
       Vorurteilen trainiert ist die, dass sie erfolgreich Kriminelle erfindet,
       statt sie zu ertappen. Stacheldraht ist eben fotogener als Sozialarbeit.
       Angst vor denen auf der anderen Seite des Gitters. Angst, selber plötzlich
       dort zu stehen. Die Angst fermentiert zu Hass, gefüttert mit den immer
       gleichen falschen Bildern. Nicht Menschen, Profile sind das, gesammelt von
       Werbebrokern und Geheimdiensten gleichermaßen, zusammengesetzt aus
       hunderttausenden Kategorien. Uns reichen für den Moment zwei. Die und wir.
       Wer weiß schon, welches Blond morgen normal ist.
       
       Mit den Rufen nach Vorratsdatenspeicherung und Abschiebeoffensiven, Bett
       und Seife, zentraler Speicherung psychisch Erkrankter und Arbeitszwang wird
       die Einschüchterung trainiert – das angebliche Bollwerk gegen die Barbarei
       richtet die Waffen auf sich selbst. Schlüsselfertige Übergabe an die
       kommende Kernigkeit. Keine Zeit für Sentimentalitäten, perfekte Reißzähne
       im von Angst verzerrten Gesicht. Bambi trägt ein Eisernes Kreuz am Band.
       
       26 Mar 2025
       
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 (DIR) [3] /Schwerpunkt-Rechter-Anschlag-in-Hanau/!t5563930
       
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