# taz.de -- Philosophie-Forschung in Hildesheim: Das Andere sehen
       
       > Eine Forschungsgruppe der Uni Hildesheim beschäftigt sich mit
       > außereuropäischen Philosophien. Sie möchte so einer globalisierten Welt
       > gerecht werden.
       
 (IMG) Bild: Klassische Schule der indischen Philosophie: Yoga – hier praktiziert im Juni 2017 in Gauhati
       
       In William Shakespeares „Romeo und Julia“, Akt 3, Szene 3, bezeichnet
       Franziskanermönch Lorenzo die Philosophie als „der Trübsal süße Milch“.
       Romeo antwortet: „Hängt die Philosophie!“ Viele reale Menschen des Hier und
       Heute winken ähnlich ab wie Shakespeares jahrhundertealte Bühnenfiguren:
       Philosophie? Angesichts der multiplen Weltkrisen unserer Tage gebe es
       Wichtigeres als intellektuelles Gerede, heißt es dann rasch.
       
       Wie kurzsichtig diese Einschätzung ist, und wie wirkungsvoll gerade
       multiperspektivisches Philosophieren helfen kann, die oft überfordernde,
       tiefgreifenden Wandel verursachende Komplexität unserer Moderne zu
       verstehen, zeigt die Kolleg-Forschungsgruppe [1][„Philosophieren in einer
       globalisierten Welt – historische und systematische Perspektiven“].
       Angesiedelt ist sie an der Universität Hildesheim am Institut Philosophie
       im Fachbereich Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation. Im
       Herbst 2024 hat sie ihre Arbeit aufgenommen, gefördert von der
       [2][Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)].
       
       Unter Leitung von Rolf Elberfeld, seit Langem profiliert in der
       transkulturellen Erforschung von Philosophie-Traditionen, zielt die Gruppe
       darauf, die Dominanz des eurozentrisch-angloamerikanischen
       Philosophie-Begriffs aufzubrechen. Es gelte, „aus den historischen
       Forschungen, aber auch außereuropäischen, feministischen und
       post/dekolonialen Perspektiven, grundlegende systematische Konsequenzen für
       einen Philosophiebegriff im weiten Sinne“ zu ziehen, heißt es in der
       Projektbeschreibung der DFG. Eine Arbeit also gegen Marginalisierung und
       Exklusion.
       
       Die Forschungsgruppe beginnt nicht bei null. Als empirische Grundlage
       dienen ihr die Ergebnisse des 2019 bis 2024 in Hildesheim Reinhart
       Koselleck-Projekts [3][„Geschichte der Philosophie in globaler
       Perspektive“], das Elberfeld ebenfalls geleitet hat. Es mündete in eine
       [4][Datenbank mit Philosophie-Geschichten in Dutzenden Sprachen].
       
       „Philosophieren in einer globalisierten Welt“ ist zunächst für vier Jahre
       bewilligt, vier weitere können folgen. Auftakt war die Ringvorlesung „Was
       ist Philosophie? Hildesheimer Polylog mit Philosoph*innen aus Afrika“.
       „Sie hat die Pluralität, auf die wir zielen, deutlich sichtbar gemacht“,
       sagt Elberfeld der taz. Es gehe „um die Betrachtung der Vielfalt
       philosophischer Denkfiguren“.
       
       Die erste Hälfte der vier Jahre dreht sich um Philosophien in Afrika und
       Lateinamerika, die zweite um Indien, China, Korea und Japan. Wer annimmt,
       das neunköpfige Team, das internationale WissenschaftlerInnen ergänzen,
       ziele auf eine Global-Philosophie, die alle Philosophien zu einer einzigen
       verschmilzt, könnte nicht grundsätzlicher irren: „Es geht uns um die
       Demokratisierung des Denkens“, sagt Elberfeld. „Wir müssen unser
       Dialogverhalten ändern. Unser Philosophie-Begriff ist ja Ausdruck eines
       hochgradigen Selektionsprozesses, aus dem Verdrängung und Unterdrückung
       sprechen. Bis heute sehen wir das Andere nicht.“
       
       Indem sie programmatisch auf die Wertschätzung der Vielfalt setzt, tritt
       die Forschungsgruppe zugleich der rechtspopulistischen Falsch-Versprechung
       entgegen, die Lösung aller Probleme sei größtmögliche Einheitlichkeit und
       Einfachheit. „Diese Tendenz erregt Besorgnis“, sagt Elberfeld. „Ob sie
       eines Tages auch unsere Arbeit berührt, müssen wir abwarten.“ Bis dahin
       baut „Philosophieren in einer globalisierten Welt“ auf Kanon- und
       Gesichtsfeld-Erweiterungen, auf Offenheit, auf „polylogische
       Auseinandersetzung mit Philosophie-Traditionen“, so Elberfeld.
       
       [5][Philosophie] bedeutet „Liebe zur Weisheit“. Eine
       Philosophie-Geschichtsschreibung, die das Fremde zugunsten des Eigenen
       ignoriert, hat mit beidem wenig zu tun.
       
       8 Mar 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.uni-hildesheim.de/neuigkeiten/eroeffnung-der-kolleg-forschungsgruppe-der-dfg-philosophieren-in-einer-globalisierten-welt-historische-und-systematische-perspektiven/
 (DIR) [2] https://www.dfg.de/de
 (DIR) [3] https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/
 (DIR) [4] https://www.uni-hildesheim.de/histories-of-philosophy/philosophiegeschichten/
 (DIR) [5] /Philosophie/!t5012520
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Harff-Peter Schönherr
       
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