# taz.de -- Ein demonstratives Wochenende: Es weht ein kalter Wind
       
       > Neben dem CTM-Festival wurde am Wochenende in Berlin vor allem eines:
       > demonstriert – gegen Faschismus, AfD und Merz. Und für Aufklärung in Novi
       > Sad.
       
 (IMG) Bild: Mehr als 100.000 Menschen gingen in Berlin am 2. Februar auf die Straße um gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren
       
       Berlin taz | Freitagabend. In der Alten Münze gab das Musikfestival für
       experimentelle Undergroundelektronik, die CTM, den Ton an. Vor der
       Garderobe saßen auf dem Boden ein paar 20-Jährige im Kreis mit
       Cosplay-Kostümen, neonfarbenen Handbändern und mit felligen Tierohren auf.
       Sie warteten wie alle anderen darauf, dass der Club endlich aufmachte.
       
       Im sogenannten „Machine-Floor“ spielte dann Bod. Mit weiß gepudertem
       Gesicht legte er in einem sehr schummrigen, nebelverhangenen, halb mit
       Menschen gefüllten Raum Musik auf. Schnelle Gabba-Rhythmen gingen über in
       depressiven Trap, dann 90er-Jahre-Goth-Romantik-Rock, der sich in Happy
       Techno verwandelte.
       
       Die Leute hatten Spaß und jubelten. Irgendwann spielte Bod einen
       Computerspielsong. Ich stellte mir einen Raum mit Gamer-Stuhl vor, es
       riecht nach Menthos, Mezzomix, Bong und Schweiß, der Bildschirm flackert,
       und auf dem Tisch neben dem Computer ist eine Maus mit sieben verschiedenen
       Knöpfen.
       
       Im sogenannten Cage-Floor – der Clubtrakt der Alten Münze ist ein
       verwinkeltes Untertagelabyrinth – spielte daraufhin das Berliner Duo Peb.
       Laute Live-Musik, aggressiv, wild. Eine Sängerin, Asja Skrinik, ein
       Schlagzeuger, Ilia Gorovitz. Hochpräzisionsarbeit. Aufblitzende Schreie,
       Trommelwirbel-Kaskaden, Synkopen, gesampelte Noise-Geräusche, ein Wecker
       piepst einsam zum Abschluss. Die Menschen im dicht gedrängten Raum haben
       großen Spaß, viel Applaus, ein tolles Konzert.
       
       ## Serbische Diaspora vor dem Brandenburger Tor
       
       Am nächsten Tag war es nicht so spaßig. 11.52 Uhr, vor dem Brandenburger
       Tor stehen etwa dreihundert Menschen zusammen, Serben-Demo. Sie schweigen
       15 Minuten lang. Vor genau drei Monaten ist in Novi Sad in Serbien zur
       selben Stunde ein Bahnhofsvordach eingestürzt, das großspurig als
       topsaniert und nach den neuesten Standards verkauft und eingeweiht worden
       war.
       
       Es entpuppte sich aber als tödlicher Pfusch, stürzte ein und begrub 15
       Menschen unter sich. Bei den Protesten, die über die serbischen
       Landesgrenzen hinausgehen – hier in Berlin haben sich Teile der serbischen
       Diaspora versammelt – geht es nicht nur um ein schlecht gebautes Dach,
       sondern ums ganze Land, das, so die Protestierenden, wenn es so weitergeht
       unter der Führung von Präsident Aleksandar Vučić, wegen Klüngel,
       Machtmissbrauch und stark eingeschränkter Pressefreiheit vielen weiteren
       Menschen die Luft zum Atmen nehme und in sich kollabieren werde.
       
       ## „Fuck AFD, Fuck CDU“
       
       Einige Demonstrierende halten Plakate hoch: „Gerechtigkeit für Novi Sad“,
       „Korruption tötet“. Studenten, Lehrer, Bauern und Ärzte in Serbien
       blockieren seit dem Einsturz Straßen, besetzen Universitäten – und fordern
       Aufklärung. Doch Schlägertrupps, die in Zusammenhang mit der regierenden
       Partei stehen sollen, greifen Demonstrierende an.
       
       Noch ist Präsident Vučić an der Macht – aber wie lange noch, fragen sich
       hier viele. Und wie lange wird sein Regime noch von mächtigen Ländern wie
       Deutschland gestützt, dessen rot-grüne Regierung erst kürzlich ein
       Lithium-Abkommen mit Serbien geschlossen hat? Das finden die hier
       Versammelten überhaupt nicht gut.
       
       Am Sonntag dann: Deutschen-Demo. Vor der Bühne auf der Wiese vor dem
       Reichstag war es sehr voll. Bei der Rede v[1][on Michel Friedman, der
       letzte Woche aus der CDU ausgetreten ist], weil er den
       Migrationspolitik-Move von Friedrich Merz unerträglich findet, gab es im
       Gegensatz zu anderen Reden wenig Applaus. Zumindest dort, wo wir standen.
       Vielleicht, weil er die Menschen daran erinnert hat, dass die CDU trotz des
       Wahlkampf-Manövers, eine demokratische Partei bleibt, man solle es sich
       nicht zu einfach machen, mahnt er an. In der Menge ragt ein „Fuck AFD, Fuck
       CDU“-Transparent empor. Es weht ein kalter Wind.
       
       3 Feb 2025
       
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