# taz.de -- Insolvenz des Kunsthauses Göttingen: Take it easy, neues Haus
       
       > Nach drei Jahren ist Schluss: Das „Kunsthaus Göttingen“ ist Geschichte.
       > Im Kulturleben der Stadt klafft nun wieder die Lücke, die es schließen
       > sollte.
       
 (IMG) Bild: Bild aus besseren Tagen: Verleger Gerhard Steidl, Kuratorin Ute Eskildsen und Sammler Daniel Kothenschulte 2022 im Kunsthaus
       
       GÖTTINGEN taz | Nun ist es also geschlossen, das Personal entlassen: Das
       Kunsthaus Göttingen in der Düsteren Straße 7 ist abgewickelt. Der Grund:
       Insolvenz. Zuletzt hat man noch die Website samt ihrem Archiv vom Netz
       genommen.
       
       Das dokumentiert die 15 Ausstellungen internationaler Künstler:innen, die
       hier gezeigt wurden, seit die Institution im März 2021 ihre Tore eröffnet
       hat, damals, als Alpha die vorherrschende Variante des Corona-Virus in
       Deutschland gewesen war.
       
       Das Kunsthaus für Arbeiten auf Papier, Fotografie und neue Medien – eine
       Tochtergesellschaft der Stadt – war mit dem Auftrag an den Start gegangen,
       als neuer überregionaler Kunstanker zu dienen – und als Ort für Austausch,
       Vermittlung und Lernen.
       
       Insgesamt 35.000 Besucher:innen, viele von auswärts angereist, sahen
       seitdem Kunst von Roni Horn, William Kentridge oder einen eigenen Pavillon
       des US-Amerikaners Jim Dine im Garten, konnten in fantastische
       Videoinstallationen von Mona Kuhn oder [1][der jungen Litauerin Emilija
       Škarnulytė eintauchen].
       
       ## Stets freier Eintritt
       
       Der Eintritt blieb dank Sponsoring stets frei. Das Team des Kunsthauses
       veranstaltete zudem 2022 Parallelaktionen zur „documenta fifteen“ in
       Kassel, ließ etwa in einem morbiden Fachwerkhaus, ein paar Schritte
       entfernt, bunt florale Malerei von Jim Dine im Sommerwind flattern.
       
       Die Kunstkritik lobte solch Wirken. Vor Ort hatte es aber auch Vorbehalte
       gegeben. Zu elitär sei das Ganze, hieß es, zudem dominiert vom Göttinger
       Verleger edler Kunst- und Fotografiebände, Gerhard Steidl. Ohne dessen
       jahrzehntelanges Beharren wäre das Haus tatsächlich nie zustande gekommen.
       
       Er wirkte, kraft seiner Kontakte in die große Kunstwelt, weiterhin als
       Graue Eminenz. Ihm schwebte ein Kunstquartier – kurz KuQua – rund ums
       Kunsthaus und sein Verlagsimperium vor: eine Belebung der Göttinger
       Innenstadt, notwendig aufgrund der durch die Corona-Jahre verschärften
       Strukturveränderungen.
       
       2024 geriet das Kunsthaus in finanzielle Schieflage. Eigentlich springt die
       Stadt dann ihren Tochterunternehmen bei. Auch hier war eine Unterstützung
       beabsichtigt: 200.000 Euro einmalig in die Kapitalrücklage sowie eine
       dauerhafte Erhöhung des jährlichen Zuschusses ab 2025 um 60.000 Euro hatte
       Oberbürgermeisterin Petra Broistedt (SPD) in Aussicht gestellt.
       
       Der Geschäftsführung hätte so Zeit verschafft werden sollen, zusätzliche
       Einnahmen aus Spenden, Sponsoring und Fördermitteln zu akquirieren. Eine
       sehr breite Mehrheit – CDU, Linke, Grüne und FDP – schmetterte im November
       den [2][Antrag im Finanzausschuss] und anschließend im Rat der Stadt aber
       ab, obwohl Christdemokraten und Liberale in Göttingen mit der SPD
       koalieren.
       
       Die hatte die Eröffnung der Institution [3][als ihren Erfolg verbucht]– und
       dabei gerne daran erinnert, dass die Göttinger CDU „den höchsten
       Widerstand“ geleistet habe. Am Ende wird es ihr dann selbst wieder
       eingefallen sein: Auch ein Aufruf der Belegschaft des Hauses und eine
       Online-Petition vermochten nicht, das Aus noch abzuwenden.
       
       Das Kunsthaus hatte eine große Lücke im Göttinger Kulturbetrieb
       geschlossen. Die Stadt ist mit Angeboten zeitgenössischer Kunst nicht
       besonders gut versorgt: An der Georg August Uni ist es möglich
       Kunstgeschichte studieren. Ein Schwerpunkt ist laut Curriculum die
       berufspraktische Ausbildung durch Erarbeiten von Ausstellungen aus den
       eigenen Sammlungsbeständen.
       
       ## 4,5 zweckgebundene Millionen vom Bund
       
       Um nicht bloße Trockenübung zu bleiben, ist die kontinuierliche
       Urteilsbildung an guten Ausstellungen unumgänglich – für die man nun im
       Zweifel wieder nach Kassel, Hannover, Braunschweig oder Goslar reisen muss.
       Umso wichtiger wäre nun also, dass die Stadt wenigstens [4][die Basisarbeit
       des 1968 gegründeten Kunstvereins Göttingen absichert].
       
       Wesentliche Kosten des Kunsthaus-Neubaus waren zweckgebunden mit 4,5
       Millionen Euro aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“
       gefördert worden. Müssen die nun zurück gezahlt werden?
       
       „Das Kunsthaus Göttingen soll auch zukünftig ein besonderer Leuchtturm für
       Kunst und Kultur mit internationaler Strahlkraft sein“, heißt es dazu von
       der Verwaltung. Man arbeite an diesem Ziel und sehe deshalb „keine Probleme
       mit dem Fördermittelgeber“.
       
       26 Jan 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://tuttle.taz.de/!5991338&s=Kunsthaus+G%C3%B6ttingen&SuchRahmen=Print//
 (DIR) [2] /Plan-zur-Haushaltssicherung/!6051098
 (DIR) [3] https://spd-goettingen.de/2021/06/04/das-kunsthaus-ist-eroeffnet-auch-ein-erfolg-der-spd/
 (DIR) [4] https://tuttle.taz.de/!5774162&s=Kunstverein+G%C3%B6ttingen&SuchRahmen=Print//
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bettina Maria Brosowsky
       
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