# taz.de -- Bodo Ramelow über Bundestagswahlkampf: „Die Welt ist halt nicht so einfach“
       
       > Mit einem Friedensplakat sei es nicht getan, sagt der linke
       > Ex-Ministerpräsident Thüringens. Trotzdem will er raus aus der
       > Waffenlogik – und rein in den Bundestag.
       
 (IMG) Bild: Die Mission Silberlocke geht an den Start: Bodo Ramelow während einer Pressekonferenz am 11. November in Berlin
       
       taz: Herr Ramelow, wo ist eigentlich die rote Marx-Statue abgeblieben, die
       mit Ihnen aus der Thüringer Staatskanzlei ausgezogen ist? 
       
       Bodo Ramelow: Gut, dass ich diese Legende hier aufklären kann. Mit mir aus
       der Staatskanzlei ist nur mein blaues Schaf gegen Rassismus und mein roter
       Gartenzwerg mit dem Stinkefinger ausgezogen. Das Foto mit der Marx-Statue
       unterm Arm war die Idee eines Kollegen von Ihnen. Tatsächlich stand der
       Marx aber nie in der Staatskanzlei, sondern dort, wo er immer noch steht:
       auf dem Flur der Thüringer Linksfraktion. Da steht er auch weiterhin gut.
       
       taz: Zehn Jahre waren Sie der erste und einzige Ministerpräsident, den die
       Linkspartei je gestellt hat. Mit 68 Jahren, im besten Rentenalter,
       kandidieren Sie jetzt noch mal für den Bundestag. Warum reicht es Ihnen
       nicht, Ihre Memoiren zu schreiben und Ihr Bundesverdienstkreuz zu polieren? 
       
       Ramelow: Diese zehn Jahre waren für mich eine großartige Zeit, auch wenn es
       eine harte Zeit war. Ich bin aus der Staatskanzlei ohne Groll ausgezogen.
       Das Bundesverdienstkreuz verstehe ich als eine Würdigung meiner Arbeit,
       weswegen ich es auch mit einem gewissen Stolz trage. Wir haben zehn Jahre
       ein Regierungsprojekt vital gehalten, das uns kein Mensch zugetraut hat.
       Doch jetzt fängt ein neues Kapitel an. Auch mit 68 Jahren fühle ich mich
       dafür noch jung genug.
       
       taz: Sie meinen die „[1][Mission Silberlocke]“ von Ihnen, Gregor Gysi und
       Dietmar Bartsch. 
       
       Ramelow: Ja, genau. Das war ja zunächst nur eine verrückte Idee von Gregor
       Gysi, die in einer spaßigen Runde entstanden ist. Aber sie hat eine
       Eigendynamik entwickelt, die mir gut gefällt. Das Ziel von uns drei älteren
       Herren ist es, dabei mitzuhelfen, der Linken wieder eine öffentliche
       Wahrnehmung zu verschaffen, die die Partei aufgrund ihrer allzu langen
       Selbstzerfleischung verloren hat. Wenn ich mir alleine die vielen
       zustimmenden Zuschriften inklusive mitgeschickter Silberlocken anschaue,
       scheint das nicht ganz wirkungslos zu sein.
       
       taz: Und Sie glauben, das reicht, um die Linke wieder in den Bundestag zu
       bringen? 
       
       Ramelow: Was ich momentan erlebe, stimmt mich jedenfalls ziemlich
       optimistisch. [2][In der Linken bewegt sich was!] Wir hatten in Thüringen
       jetzt zum allerersten Mal seit 30 Jahren mehr Mitglieder am Jahresende als
       am Jahresanfang. Das heißt, wir wachsen. Ich bin hier im Wahlkampf mit
       jungen Leuten unterwegs, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Das macht mir
       Spaß und motiviert mich. Dass es [3][Heidi Reichinnek], die jetzt gemeinsam
       mit Jan van Aken Spitzenkandidatin unserer Partei ist, tatsächlich
       geschafft hat, mich auf Tiktok zu bringen, hätte ich mir auch nie
       vorstellen können. Aber ich lerne von ihr und habe nun eine junge
       Mitarbeiterin, mit der ich jeden Tag etwas für Social Media produziere. Wer
       hätte das gedacht? Ich nicht.
       
       taz: Sie klingen ja geradezu euphorisch. 
       
       Ramelow: Zumindest ist ein Punkt für mich, dass ich sage: Ja, wenn ich
       meinen Beitrag leisten kann, dass die Partei im Bundestag bleibt, dann will
       ich diese Kraftanstrengung machen. Zumal ich bei den neuen
       Parteivorsitzenden Jan van Aken und Ines Schwerdtner ein gutes Gefühl habe.
       Sie sagen: Da gehen wir anders ran als bisher. Da haben sie mich an ihrer
       Seite. In einer Zeit, in der Mieten und Krankenkassenbeiträge erhöht
       werden, die Preise explodieren und viele Menschen nicht wissen, wie sie
       über die Runden kommen sollen, braucht es wieder eine starke Kraft, die
       sich im Bundestag glaubhaft und mutig für soziale Gerechtigkeit und für die
       Menschen hier in unserem Land einsetzt!
       
       taz: Eine der wenigen Identifikationspunkte innerhalb der Linkspartei war
       die Selbstdefinition als Friedenspartei. Mit dem russischen Überfall auf
       die Ukraine ist die „Friedensfrage“ jedoch zu einem Sprengsatz geworden,
       der auch nach dem Weggang von [4][Wagenknecht und Co.] nicht entschärft
       ist. Macht Ihnen das keine Sorgen? 
       
       Ramelow: Ich halte viel von der Selbstdefinition als Friedenspartei. Aber
       was das konkret bedeutet, ist schon lange ein Streitpunkt bei uns. Da geht
       es um eine ganz alte Lebenslüge, nämlich um den Glauben, mit einer
       Friedenstaube auf dem Plakat schon auf der sicheren Seite zu sein. Ich
       erinnere mich noch gut an den [5][Münsteraner PDS-Parteitag] im Jahr 2000,
       also vor einem Vierteljahrhundert, als Gregor Gysi vergeblich dafür
       plädiert hatte, UN-mandatierten Blauhelmeinsätzen nicht weiter
       grundsätzlich die Zustimmung zu verweigern. Der Ukraine-Krieg hat den alten
       Konflikt in einer neuen Dimension ausbrechen lassen. Für mich muss eine
       linke Partei immer auch auf der Seite des Völkerrechts stehen. Deswegen war
       und ist für mich auch klar, dass sich ein überfallener Staat verteidigen
       können muss. Und dann hatten wir da auf einmal die Putinfraktion, die
       gesagt hat: Ist uns alles egal, Hauptsache billiges Erdgas. Aber die ist ja
       zum Glück inzwischen weg.
       
       taz: Ihre Partei spricht sich allerdings weiterhin gegen Waffenlieferungen
       aus. Als Sie noch Ministerpräsident waren, haben Sie sich hingegen nicht
       nur für eine humanitäre, sondern auch die militärische Unterstützung der
       Ukraine ausgesprochen. Als Bundestagskandidat der Linken dürfen Sie das
       jetzt nicht mehr, oder? 
       
       Ramelow: Das verbietet mir niemand. Das ist eben das Besondere an einer
       lebendigen pluralen Partei, dass man im Rahmen eines Korridors auch
       abweichende Meinungen vertreten darf und die Mehrheit das auch aushalten
       kann. Wenn ich als Ministerpräsident oder Bundesratspräsident zur Frage von
       Waffenlieferungen an die Ukraine geredet habe, dann habe ich immer darauf
       geachtet, darauf hinzuweisen, dass ich hier eine Minderheitsmeinung in
       meiner Partei vertrete. Das werde ich auch weiterhin so halten.
       
       taz: Fürchten Sie nicht, dass Sie das Stimmen gerade im Osten kosten kann? 
       
       Ramelow: Bei denen, die Sahra Wagenknecht auf den Leim gehen, die zynisch
       von Friedensverhandlungen spricht, aber Kapitulationsverhandlungen meint,
       kann das durchaus sein. Das ändert aber nichts an meiner klaren Haltung in
       dieser Frage. Wir müssen uns ehrlich machen. Wolodymyr Selenskyj hat
       kürzlich das erste Mal über Szenarien geredet, wie eine Friedensordnung
       nach dem Ende des Ukraine-Kriegs aussehen könnte. Wie auch immer sie
       konkret aussehen wird, dürfte eine solche Friedensordnung letztlich nur
       funktionieren können, wenn sich auch europäische Staaten bereitfinden, sie
       durch eine Blauhelmtruppe abzusichern. Da sage ich meiner Partei: Dann
       werden wir uns nicht davor drücken können, dass die Bundeswehr dabei sein
       muss. Die Welt ist halt nicht so einfach.
       
       taz: Auf größere Begeisterung dürften Sie damit trotzdem nicht stoßen. 
       
       Ramelow: Mag sein, ändert jedoch nichts an der notwendigen Diskussion. Die
       generelle Frage aber ist: Wie komme ich eigentlich in einen europäischen
       und weltweiten Prozess, der am Ende dazu führt, dass es weniger Waffen
       gibt? Im Moment sind wir nur noch in der Aufrüstungsspirale. Und da bin ich
       wieder ganz bei meiner Partei, weil diese Logik, auf alles nur noch mit
       mehr Waffen zu antworten, nicht zu mehr Frieden führt, sondern die
       Kriegsgefahr erhöht.
       
       taz: Im Thüringer Landtagswahlkampf haben Sie sich auch als Sänger versucht
       und zusammen [6][mit der Erfurter Glitzerpunkpopband Donata den alten
       Trio-Hit „Da Da Da“ gecovert.] Werden Sie im Bundestagswahlkampf noch etwas
       nachlegen? 
       
       Ramelow: Wir arbeiten im Moment intensiv daran. Mehr verrate ich noch
       nicht, es soll ja noch einen Überraschungseffekt geben. Aber am 22. Januar
       werden wir in Erfurt unser erstes Konzert geben.
       
       taz: Das ist also der Grund dafür, dass Leadsängerin Donata Vogtschmidt
       direkt hinter Ihnen auf Platz 2 der Thüringer Linken-Landesliste
       kandidiert? 
       
       Ramelow: Ein älterer, etwas erfahrener Herr und eine junge, sehr engagierte
       und sehr aktive Frau – das passt doch gut als Doppelspitze. Ich habe Donata
       vor einigen Jahren auf dem CSD in Altenburg kennengelernt. Das war eine
       Veranstaltung, auf der es nicht viel zu lachen gab, denn die Angriffe von
       rechts waren massiv. Dort gab es sogar Morddrohungen. Und dann habe ich die
       Fröhlichkeit erlebt, die Donata mit ihrer Musik ausstrahlt – gegen alle
       Widerstände! Was mir damals übrigens ebenso Kraft und Mut gegeben hat, war
       der örtliche CDU-Oberbürgermeister André Neumann, der demonstrativ eine
       Regenbogenfahne vors Rathaus gehängt hat, anstatt vor den Rechten in die
       Knie zu gehen. Das rechne ich ihm hoch an.
       
       taz: Ist der Kampf gegen rechts im Osten überhaupt noch zu gewinnen? Die
       gesellschaftliche Stimmung wirkt jedenfalls vielerorts äußerst bedrohlich.
       
       Ramelow: Nach der Landtagswahl gab es ein paar freie Tage, wo ich mit dem
       Fahrrad im Osthüringer Raum unterwegs war. In Ebersdorf bin ich an der Bank
       gegen Rassismus vorbeigekommen, die die dortige Kirchengemeinde aufgestellt
       hat. In der Nacht war die zersägt worden, ohne dass es jemand mitbekommen
       haben will. Aber der Pfarrer hat die Bank wieder zusammengenagelt und einen
       Gottesdienst vor ihr abgehalten. Ein paar Dörfer weiter haben Anwohner aus
       Solidarität drei Plastikstühle in Regenbogenfarben aufgestellt. Da habe ich
       den Fehler gemacht, mich drauf zu setzen: Die Stühle waren frisch
       gestrichen. So sah meine Hose dann auch aus.
       
       In diesem Dorf hat jeder Zweite die AfD gewählt. Aber die anderen haben das
       eben nicht. Und diesen Menschen müssen wir beistehen und sie ermutigen.
       Sonst verlieren wir die Auseinandersetzung um unsere Demokratie – und das
       dürfen wir nicht. Meine Frau ist Italienerin und sie fragt mich immer
       wieder: Wann gehen wir? Das ist bei uns eine reale Frage. Aber ich gebe ihr
       immer die gleiche Antwort: Wir gehen nicht, weil wir dieses Land nicht
       preisgeben dürfen. Deswegen werden wir nicht aufgeben. Da bin ich sehr
       leidenschaftlich.
       
       18 Jan 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Silberlocke-auf-Platz-1-in-Berlin/!6058049
 (DIR) [2] /Linkspartei-in-der-Krise/!6043088
 (DIR) [3] /Social-Media-gegen-rechts/!6003033
 (DIR) [4] /Sahra-Wagenknecht-und-der-Pazifismus/!6036622
 (DIR) [5] /!1238980/
 (DIR) [6] https://www.youtube.com/watch?v=EAzZ7ObcaNA
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pascal Beucker
 (DIR) David Muschenich
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Bundestagswahl 2025
 (DIR) Frieden und Krieg
 (DIR) Bodo Ramelow
 (DIR) Die Linke
 (DIR) GNS
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Schwerpunkt Fridays For Future
 (DIR) Gregor Gysi
 (DIR) Die Linke
 (DIR) Die Linke
 (DIR) Die Linke
 (DIR) Klaus Lederer
 (DIR) Die Linke
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Klimastreik in Sachsen: Dem rechten Mainstream trotzen
       
       Etwa 50 Menschen sind in Freiberg dem Aufruf von Fridays for Future
       gefolgt. In der Stadt zeigt sich, wie schwer Klimaschutz ist, wenn die
       Mehrheit von dem Thema nichts wissen will.
       
 (DIR) Linke kämpft um Verbleib im Bundestag: Mission (almost) accomplished
       
       Gregor Gysi und Bodo Ramelow gastieren mit ihrer „Mission Silberlocke“ in
       Berlin-Friedrichshagen und offenbaren dabei: „Jesus würde links wählen“.
       
 (DIR) Bundesparteitag der Linkspartei: Linkspartei wittert Morgenluft
       
       Die Linke zeigt sich optimistisch, den Wiedereinzug in den Bundestag zu
       schaffen. Im Zentrum ihres Wahlprogramms steht die soziale Gerechtigkeit.
       
 (DIR) Bundesparteitag der Linken: Die Zuversicht ist zurückgekehrt
       
       Es geschehen noch Wunder: Die schon totgesagte Linkspartei sendet
       Lebenszeichen. Das hat viel mit dem neuen Spitzenpersonal zu tun.
       
 (DIR) „Silberlocke“ auf Platz 1 in Berlin: Berliner Linkspartei wählt Gysi zum Spitzenkandidaten
       
       Bei der „Mission Silberlocke“ ist Gregor Gysi für die Linke als
       Direktkandidat unterwegs. Aber auch auf der Landesliste soll der bekannte
       Name ziehen.
       
 (DIR) Linkspartei in der Krise: Zwischen Austritten und Eintritten
       
       Desaströse Wahlergebnisse, Klaus Lederer wirft hin – bei der Linken geht es
       um die Existenz. Da sind junge Neumitglieder ein rarer Hoffnungsschimmer.
       
 (DIR) Pro und Contra: Sind die Austritte bei der Linkspartei gerechtfertigt?
       
       Prägende Gesichter haben die Linke verlassen. Ist das angesichts der
       Antisemitismus-Debatte konsequent? Oder Zeichen mangelnder
       Kompromissfähigkeit?