# taz.de -- Zensur in Russland: Die verbotenen Bücher
       
       > In Russland verschwindet Literatur aus den Läden, kommt in „Sonderlager“
       > oder wird getarnt verkauft. Der Grad der Absurdität nimmt zu.
       
 (IMG) Bild: Die Schriftstellerin Ludmilla Ulitzkaja bei einer Lesung in Saratov im Jahr 2007
       
       Null. Null. Null. Und noch eine, noch eine, noch eine. Alles voller Nullen,
       von Seite eins bis Seite neun, die die Verkäuferin im Moskauer Buchladen
       „Dom knigi“ (Haus des Buches) am Rechner des Buchbestandes aufmacht. Es ist
       die größte Buchhandlung Moskaus an der Prachtmeile Neuer Arbat mit Häusern
       in Buchform unweit des Kremls. Einst waren hier gleich mehrere Regale mit
       Büchern von [1][Ljudmila Ulitzkaja], dieser klarsichtigen Grande Dame der
       russischen Literatur, ausgefüllt.
       
       Ulitzkaja, die kennt jede und jeder in Russland. Irgendein Titel ihres
       großen Werkes ist ihnen mindestens einmal über den Weg gehuscht,
       „Sonetschka“, „Medeas Kinder“, „Daniel Stein“, „Das grüne Zelt“,
       „Jakobsleiter“. Und nicht nur in Russland. Auch in Deutschland, wo die
       81-Jährige seit März 2022 im Exil lebt, weil ihre Söhne befanden, die
       Mutter könne aufgrund ihrer Kritik am Putin-Regime nicht länger im Moskauer
       Zuhause bleiben, ist sie keine Unbekannte. „Aber natürlich haben wir
       Ulitzkaja da, das ist nicht möglich, dass kein einziges Buch von ihr in
       irgendeinem Regal steht“, sagt die junge Verkäuferin im Dom knigi und
       schaut mehrere Minuten auf den Ladencomputer. „Kann nicht sein. Kann nicht
       sein“, murmelt sie vor den zahlreichen Nullen in Rot vor sich.
       
       Die Realität in Russland zeigt seit Monaten, ja seit Jahren, was alles sein
       kann auf dem heimischen Buchmarkt: Bücher verschwinden aus den Läden, sie
       kommen in „Sonderlager“ von Bibliotheken und werden mit dem sogenannten
       „Status 5“ versehen, also zu Büchern, die nicht an die Leser*innen
       ausgegeben werden dürfen. Die Menschen überlegen sich zweimal, welches Buch
       sie in der Metro aufschlagen, welches Buch sie über die Grenze mitnehmen.
       Was ist erlaubt? Was schon gefährlich? Murakami? Rowling? Yanagihara?
       Sorokin? Limonow? Jachina? „Hier“, sagt so manche Bibliothekarin im Land,
       „hier ist das von Ihnen angeforderte Buch von Dmitri Bykow. Ich muss Sie
       darauf hinweisen, dass Sie hiermit das Buch eines,ausländischen Agenten'
       erhalten.“
       
       In manchen Büchereien ist nicht einmal das möglich, da Bykows Bücher, diese
       oft humorvoll parodierenden Romane und Gedichte, aus dem Verkehr gezogen
       wurden.
       
       Es kursieren Listen mit verbotenen Büchern, aufgestellt von
       Buchhändler*innen und Versandhäusern aus vorauseilendem Gehorsam. Jedes
       Mal, wenn eine solche Liste – mit in- und ausländischen Autor*innen –
       auftaucht, beeilt sich eine russische Behörde mitzuteilen, es gebe gar
       keine solche Liste. Aber weiß man’s? Niemandem ist wirklich klar, was
       verboten ist, und doch meinen alle zu wissen, was im Verborgenen bleiben
       sollte. Jede und jeder hat auf die eigene Weise Angst: denunziert und
       bestraft zu werden, sich zu rechtfertigen, als Feind des eigenen Landes
       abgestempelt zu sein. Bücher sind längst zum Thermometer geworden, um den
       Grad der Absurdität im Land zu messen.
       
       ## Selbstzensur wird als noch schlimmer empfunden
       
       Es ist eine Zwischenwelt, in der Anwälte die Gefahr von Worten prüfen, in
       der Metaphern die Wirklichkeit beschreiben und doch so viele Lücken
       bleiben. Die Menschen, vor allem die Älteren, kennen das alles, sie können
       bestens zwischen den Zeilen lesen, sie hatten das zu Sowjetzeiten
       jahrzehntelang geübt. Sie haben mit Tamisdat und [2][Samisdat] gelebt, dem
       „Dortverlag“ und dem „Selbstverlag“. Büchern also, die von sowjetischen
       Autor*innen geschrieben, aber im Westen gedruckt wurden, und Büchern,
       die meist von der Sowjetunion verboten, auf inoffiziellen Kanälen jedoch
       verbreitet wurden – indem die Menschen sie einfach mit der Hand oder der
       Schreibmaschine abschrieben oder sonstwie vervielfältigten. Und somit unter
       großen Risiken in Umlauf brachten.
       
       Tamisdat ist längst wieder Alltag in Russland. Bücher von russischen
       Autor*innen werden seit 2022, der russischen Invasion in der Ukraine und
       Russlands Kampf gegen „Feinde im Innern“, im Ausland gedruckt. Die
       Biografie des im Straflager umgekommenen russischen Oppositionspolitikers
       [3][Alexei Nawalny] etwa erschien auch auf Russisch im Westen. In Russland
       ist das Buch verboten wie etliche andere Bücher von russischen
       Journalist*innen, Politolog*innen, Schriftsteller*innen, die teils bis vor
       wenigen Jahren mit staatlichen Prämien geschmückt wurden.
       
       Die jüngeren Autor*innen im Land lernen die literarische Gängelung nach
       und nach kennen. So manche wählt für das Wort „Krieg“ das Wort „Winter“ zum
       Beispiel und kann so, ohne im Exil zu sein, Bücher in Russland
       veröffentlichen, mit Beratung durch etliche Anwälte zwar und ein paar
       Hinweisen, dieses oder jenes vielleicht doch etwas anders auszudrücken, zu
       verfremden, gar nicht erst zu schreiben – aber es findet sich eine Nische.
       Zensur hin oder her.
       
       Oder Selbstzensur, was oft als noch schlimmer empfunden wird. Es ist ein
       stetiges Ringen auch mit sich selbst, der Zwiespalt zwischen Angst und
       Nicht-Schweigen, der tägliche Blick in den Spiegel und die eigene
       Erkenntnis zuweilen, dass einem vor sich selbst übel wird. Weil es das
       eigene Ich ist, das den Hals zudrückt und die Luft zum Atmen nimmt. Wo den
       Mut hernehmen, wie die Angst überwinden, wenn dieser alltägliche Kampf so
       viel Kraft raubt?
       
       ## Zustände wie in der Sowjetunion
       
       Und doch, Widerstand ist möglich, mehr, als viele zunächst denken. Sie
       wundern sich, sie trauen sich und sind doch unsicher. Was, wenn eine
       Bibliothekarin das Buch des bekannten und allseits beliebten Krimi-Autors
       Boris Akunin ausgibt, den der Staat zum „Extremisten“ erklärt hat und seine
       Bücher nicht mehr zu kaufen sind? Was, wenn ein Buchladen Wladimir Sorokin
       im Sortiment führt, wie es das „Buchlabyrinth“ im glitzernden
       Finanzdistrikt Moscow City tut? Etliche seiner Bücher sind hier aufgereiht,
       nur „Das Erbe“ nicht, weil Sorokins Moskauer Verlag sich dem Druck des
       Innenministeriums nicht widersetzen konnte und diesen letzten Teil seiner
       Trilogie über die dystopische Zukunft Russlands voller Gewaltexzesse nach
       20.000 verkauften Exemplaren doch aus dem Verkauf nehmen musste.
       
       Auch Ulitzkajas Werk findet sich noch in Moskau. Nicht im Buchlabyrinth,
       aber im Einkaufszentrum „Der Europäische“ am Kiewer Bahnhof unweit des
       russischen Außenministeriums. Im Laden „Tschitai Gorod“ (Lesestadt) stehen
       im „Prosa“-Regal acht ihrer Bücher, kein Hinweis „18+“, auch kein Aufkleber
       „ausländischer Agent“.
       
       Früher fanden sich hier auch Texte des russischen Journalisten Michail
       Zygar, der mit Titeln wie „Das Imperium muss sterben“ über Russlands
       Geschichte schreibt, und von Michail Fischman, der eine Biografie des
       russischen Politikers Boris Nemzow, 2015 unweit des Kremls erschossen,
       veröffentlicht hatte. Das russische Regime erklärte auch sie zu
       „ausländischen Agenten“, nach und nach verschwanden ihre Bücher aus den
       Ladenregalen.
       
       Ein neu geschaffenes „Expertenzentrum“, angesiedelt bei der Russischen
       Bücherunion, soll Werke auf „einen möglichen destruktiven Inhalt“
       überprüfen. Wer genau diese Expert*innen sind? Bekannt ist nur, dass es
       Vertreter*innen der Aufsichtsbehörde Roskomnadsor, der offiziösen
       Russischen Geschichtsgesellschaft und der Russisch-Orthodoxen Kirche sein
       sollen – und was genau sie machen, ist nicht ganz klar.
       
       Das Verbieten, Beschlagnahmen und Vergessen funktioniert jedoch ähnlich wie
       beim sowjetischen Glawlit, der obersten Zensureinrichtung des Landes bis
       1989. Alle sollten „gleich und richtig“ denken. Was „richtig“ ist, meint
       der Staat zu wissen. Die Menschen winden sich durch Einschränkungen,
       Auflagen, Repressionen hindurch. Über allem und allen im Land schwebt die
       Ungewissheit. Vielleicht wird diese Auflage ja doch eingestampft,
       vielleicht wird jener Verlag verklagt. „LGBT-Propaganda“, „Ausländischer
       Agent“, „Extremist“, „Terrorist“, „Rechtfertigung des Nazismus“,
       „Russophobie“, es gibt etliche Vorwürfe, denen Autor*innen ausgesetzt
       sind, am Ende kann darunter so ziemlich alles fallen.
       
       „Was hat denn Ulitzkaja falsch gemacht?“, fragt die Verkäuferin im Dom
       knigi, immer noch ungläubig, dass kein einziges Buch der Autorin in ihrem
       Laden zu finden ist. „Sie hat doch nur Romane geschrieben. Tolle Romane!“
       Die Frau seufzt. „Bücher von Dmitry Glukhovsky haben wir auch nicht da?
       Auch nicht von Wiktor Schenderowitsch? Aber George Orwells ‚1984‘ haben wir
       zuhauf, in ganz unterschiedlichen Ausgaben“, sagt sie, sichtlich erfreut.
       Die Antiutopie des Briten ist seit 2022 – neben Erich Maria Remarques
       Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ – das am meisten verkaufte Buch im
       Land.
       
       29 Dec 2024
       
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