# taz.de -- Kampf gegen die Klimakrise: Eine Hoffnung, die nicht glitzert
       
       > Nach 17 Jahren Klimaaktivismus sagt Tadzio Müller: Der Kampf ist
       > gescheitert. Trotzdem findet er in der Akzeptanz des Klimakollaps auch
       > neue Utopien.
       
 (IMG) Bild: Solidarisch in der Katastrophe: Freiwillige fegen im spanischen Massanassa am 7. November Matsch von einer überschwemmten Straße
       
       [1][Als die Flut in Spanien Brücken einriss und Autos wie Treibholz
       wegspülte], da war sie kurz sichtbar: die neue Zukunft. Eine Zeit des
       Kollapses, der Katastrophe als Normalzustand. In dieser Zukunft verlieren
       immer mehr Menschen an uns immer näheren Orten, in immer extremeren
       Katastrophen ihr Hab und Gut, ihre Gesundheit, ihr Leben. Es ist eine
       Zukunft, in der Behörden versagen, aus Desinteresse und weil sie von
       neoliberalen Soziopathen zugrunde reformiert wurden. Eine Zukunft, deren
       Dunkelheit den Apokalypse-Szenarien aus Büchern und Kinos in nichts
       nachsteht.
       
       Wir haben in Spanien aber auch etwas anderes gesehen: Eine Zukunft, in der
       die Katastrophe nicht – wie die meisten Dystopien nahelegen – zu einer Welt
       Aller-gegen-alle führt. Stattdessen hat sich Solidarität vervielfältigt.
       Hunderte, Tausende Menschen haben sich spontan organisiert.
       
       In einem mittlerweile ikonischen Video, das in den sozialen Medien
       kursierte, schippt ein mit Besen ausgestatteter Demonstrationszug gemeinsam
       das Wasser von einer überfluteten Straße. Man meint dabei tatsächlich einen
       Film zu sehen, so stark ist die Symbolik, die Koordination, die praktische
       Handlungsfähigkeit dieser Menschen. In diesem Clip wirkt es kurz so, als
       gäbe es auch in der Katastrophe noch Utopien.
       
       Die Katastrophe als Normalzustand. Diese Formulierung schmerzt. [2][Ja, die
       Katastrophe ist wirklich und wahrhaftig] der realistische Horizont, auf den
       wir uns zubewegen. Nicht immer wird überall Katastrophe sein. Aber es wird
       immer mehr Katastrophen geben, immer häufiger, immer länger, immer
       intensiver – immer tödlicher. Nichts anderes bedeutet der Fakt, dass das
       Klima jetzt schon kippt, dass das Kippen ein unumkehrbarer Prozess ist, und
       dass die Eskalation extremer Wetterevents der letzten zwei Jahre nur der
       Anfang gewesen sein wird.
       
       ## Das Ende der besseren Zukunft
       
       Wenn das stimmt, bedeutet es, dass wir uns von der Zukunft verabschieden
       müssen. Zumindest von der Vorstellung, die wir uns von ihr bisher gemacht
       haben, die Zukunft als Quelle dessen, was der Philosoph Ernst Bloch als
       „utopischen Wärmestrom“ beschrieb. Bilder des besseren Lebens, die unserem
       Leben in der Gegenwart Sinn, dem Gewusel unserer alltäglichen Aktivitäten
       einen Fluchtpunkt geben.
       
       Wenn diese Bilder der besseren Zukunft nach und nach verschwinden,
       verschwindet nach und nach auch der Sinn. Deswegen ist es so schwer, den
       Kollaps zu akzeptieren.
       
       Ich weiß das, weil ich es genau so erlebt habe. [3][Ich bin seit 17 Jahren
       Aktivist für Klimagerechtigkeit]. Und ich sage: Klimaschutz isch over.
       Deutschland hat fertig mit Klima. Klimaaktivismus kann nicht mehr ablaufen
       wie bisher.
       
       Ich habe so ziemlich alles probiert, was der aktivistische Werkzeugkasten
       hergibt: wichtige Studien und irrelevante Petitionen, kleine Blockaden und
       riesige Demos, inspirierende Besetzungen und deprimierende Klimagipfel.
       Nichts davon hat sich tatsächlich positiv auf die Entwicklung der globalen
       Treibhausgaskonzentration ausgewirkt. Die steigt weiter an. Tatsächlich
       baut Deutschland gerade fossile Gasinfrastrukturen aus, betreibt also
       Anti-Klima-Politik.
       
       2022 wurde mir klar, dass der Kampf für eine globale, klimagerechte,
       antifossile Revolution gescheitert war. Ein Jahr zuvor hatte die Flut im
       Ahrtal brutal gezeigt, dass die Klimakatastrophe auch in Deutschland
       angekommen ist. Trotzdem kündigte sich ein dramatischer Rechtsruck an.
       [4][Jeder Move in Richtung eines tatsächlichen Klimaschutzes wurde immer
       härter bekämpft.] Das Spiel ist aus, selbst wenn das Schachmatt noch zwei
       Züge entfernt liegt, dachte ich.
       
       ## In der Katastrophe solidarisch sein
       
       Es fühlte sich an, als blieben mir nur zwei Optionen: die Realität des
       Kollapses weiter zu verdrängen, weil eine Welt ohne Zukunft eben einfach zu
       schrecklich ist. Oder diese Realität anzuerkennen – und dann wegen dieser
       Anerkennung depressiv zu werden.
       
       Also habe ich mich für eine dritte Option entschieden. Ich will die
       Katastrophe akzeptieren und solidarischer damit umgehen. Aus der Flut im
       Ahrtal und den Überschwemmungen in Spanien kann man auch Hoffnung ziehen:
       Überall gibt es aktive Menschen, die sich solidarisch und aufopferungsvoll
       für die Betroffenen einsetzen.
       
       Geht man weiter in der Geschichte zurück, findet sich dafür in den USA ein
       sehr eindrucksvolles Beispiel. Dort formten sich schon nach [5][dem
       Hurrikan „Katrina]“ im Jahr 2005 riesige, hocheffektive solidarische
       Netzwerke unter dem Stichwort „Mutual Aid“ – gegenseitige Hilfe. Sie
       arbeiteten teilweise besser als das Rote Kreuz. Es waren Anarchist*innen,
       die nach der Verwüstung durch „Katrina“ in den zerstörten Stadtvierteln die
       erste funktionierende öffentliche Klinik aufbauten.
       
       Diese Zuversicht ist realistisch. In ihr steckt eine Hoffnung, die die
       Dunkelheit dieser Zeit anerkennt und dann Pläne schmiedet, wie man mit
       anderen zusammen trotz alledem Gutes schaffen kann.
       
       Dazu gehört die Frage, wie wir Gesundheitsversorgung in der Katastrophe
       auch für diejenigen sicherstellen, die sonst keine haben. Oder wie wir
       gemeinsam dafür sorgen, dass in der Katastrophe [6][nicht schon wieder die
       am meisten leiden, die am wenigsten zum Problem beigetragen haben]. Dieser
       Gedanke trägt mich in der neuen Zukunft: Ich will auch in der tiefsten
       Dunkelheit in der Lage sein, Orte für gutes Leben zu schaffen und zu
       verteidigen.
       
       ## Das Leben nehmen, wie es ist
       
       Klar, diese Hoffnung ist nicht so hell, so bunt, so glitzernd wie [7][die
       Hoffnung auf die bessere Welt für alle], die uns Linke meist antreibt. Aber
       sie steht fest in der Wirklichkeit und macht uns damit auch in der Zukunft
       handlungsfähig. Wenn sie auch etwas matt daherkommt, so führt sie zumindest
       nicht zu der üblichen Depression, die auftritt, sobald die eigene
       Glitzerutopie entzaubert wird. Ich halte es mit [8][Rosa Luxemburg]: das
       Leben nehmen, wie es ist, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.
       
       Während der am Ende erfolglosen [9][Verteidigung von Lützerath] lernte ich,
       dass Hoffnung, Kraft und Zuversicht genau wie Selbstwirksamkeit nicht
       unbedingt aus einem materiellen Erfolg entstehen muss.
       
       Sie entsteht nämlich aus den sozialen Beziehungen, aus den Verhältnissen,
       die wir mit den Menschen eingehen, mit denen wir zusammen um eine bessere
       Welt ringen. In Lützerath fand ich den Glauben an die Zukunft wieder.
       Daran, dass man auch in den dunkelsten Momenten noch Orte der Solidarität
       schaffen kann.
       
       Ich lebte in dort in einer WG, in der Aktivist*innen aus
       verschiedensten Bewegungen temporär zusammenwohnten. Anarchist*innen,
       Kommunist*innen, Ökos – und Menschen, die mit all diesen Schablonen nichts
       anfangen konnten. Es war ein Ort des kollektiven Zaubers.
       
       Als wir am Abend vor der Räumung am Fenster standen und auf die Cops, die
       Flutlichter und die schweren Fahrzeuge schauten, von denen wir wussten,
       dass sie uns am nächsten Tag aus unserem Zuhause räumen würden, fragte
       jemand: „Gibt es gerade einen Ort auf der Welt, an dem ihr lieber wärt?“
       
       Alle gaben dieselbe Antwort: Nein, hier ist es perfekt, ich will gerade
       nirgendwo anders sein als genau hier. Mit euch.
       
       18 Nov 2024
       
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