# taz.de -- Filmfestival Viennale 2024: Was ist mit der Autorschaft?
       
       > Das internationale Filmfestival Viennale in Wien spannte den Bogen vom
       > publikumsfreundlichen Arthouse-Schmeichler bis zum heimgewerkten
       > Experiment.
       
 (IMG) Bild: Überbleibsel weißer US-Gegenkultur nach dem Vietnamkrieg: Szene aus „Milestones“ von Regisseur Robert Kramer
       
       Eine Musikerin in fein aufgeputzter Tracht spielt auf einem sogenannten
       Hackbrett fingerflinkst ein Stück. Nach einigen Sekunden ein Schnitt, nach
       zwei Minuten eine Schlussverbeugung Richtung Kamera. Dies ist der Trailer
       der diesjährigen Viennale, von Festivalchefin Eva Sangiorgi auf der
       Webseite film.at als „blitzgescheiter kurzer Film“ und „ent-heiligende
       Einladung zur kulturellen Aneignung eines Symbols der westlichen
       Musikkultur“ „in einer umgekehrten Plünder-Bewegung“ qualifiziert. Denn die
       Tsambalistin Nicoleta Tudorache ist rumänischer Deszendenz. Und das
       gespielte Stück – die „Tritsch-Tratsch-Polka“ – wurde einst vom
       Walzerheiligen Johann Strauss (Sohn), der übrigens nächstes Jahr den 200.
       feiert, komponiert.
       
       Etwas überkandidelt klingt Sangiorgis Begeisterung über den kreuzbrav
       abgefilmten Konzertauftritt in Zeiten weltmusikalischer Übergriffigkeiten
       schon. Und interessanter daran ist vielleicht ein anderer für die
       arbeitsteilige Kunst des Filmemachens typischer Umstand. Denn das bei
       Regisseur Radu Jude in Auftrag gegebene Stück beruht neben der
       künstlerischen Leistung von Tudorache doch vor allem auf Arbeitsbeiträgen
       von Kameramann Lóránd Márton und Editor Cătălin Cristuiu – der hier
       allerdings auch nur einen einzigen Schnitt setzen durfte. So ist der „Film
       von Radu Jude“ (so im Abspann) auch eine ironische Anspielung auf das
       Konzept der Autorschaft im Film. Und also [1][guter Einstieg in ein
       Festival], das traditionell die breite Spannweite vom publikumsfreundlichen
       Arthouse-Schmeichler bis zum heimgewerkten Experimentalwerk abdeckt.
       Eckpunkte solcher Positionen sind dieses Jahr etwa Pedro Almodóvars „The
       Room Next Door“ und das schon in Oberhausen und Rotterdam vorgestellte
       feministische Polit-Film-Kollektiv „Los Ingrávidos“ aus Mexiko.
       
       An die Frage individueller Autorschaft knüpft perfekt auch die große
       Retrospektive an, die dem 1939 in New York geborenen Robert Kramer gewidmet
       war. Der hatte sich vom filmenden Aktivisten zum Essayisten mit
       persönlicher Caméra-Stylo-Handschrift entwickelt. Der Mitbegründer des
       Newsreel-Filmkollektivs in den 1960ern fand nach Studium und Studienreisen
       Anfang der 1980er über die portugiesische Revolution ins Frankreich
       Mitterrands, wo seine in der Heimat weitgehend ignorierten Filme ein
       begeistertes Publikum und dann auch Finanzierung fanden. So kam Kramer dann
       auch mit Cineasten wie Serge Daney und Richard Copans zusammen.
       
       ## Die Retrospektive galt dem US-Filmemacher Robert Kramer
       
       Kramer probierte sich schon damals in semidokumentarischen Erzählformen –
       besonders beeindruckend 1975 in „Milestones“, der in einer breit geführten
       nichtnarrativen Montage mit vier Dutzend Figuren und insgesamt 206 Minuten
       durch die ins Private abgleitenden Überbleibsel weißer [2][US-Gegenkultur
       nach dem Ende des Vietnamkriegs streift]: Szenen vagabundierenden Lebens
       zwischen Hippie-Kommune, familiären Auf- und Abbrüchen, Barjobs,
       Drogenexperimenten, indianischer Kultur und der Repression der
       Anti-Kriegs-Bewegung, gespickt mit ikonischen Schnipseln aus der Schwarzen
       und sozialistischen US-Geschichte. Das ist tollkühn gedreht und
       geschnitten, uns heute (wie auch andere Arbeiten Kramers) in seiner
       seismografischen Genauigkeit auch eine Fundgrube historischer Erkenntnis –
       in diesem Fall über die westliche Gesellschaften bis heute prägende Periode
       der Formation nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der antikolonialen
       Befreiungskämpfe.
       
       In ähnlicher Weise gilt dies auch für den Niederschlag der Erfahrungen
       unter japanischer Kolonialherrschaft (von 1910 bis 1945) im südkoreanischen
       Kino der Nachkriegszeit (in einem Fall noch unter japanischer Besetzung),
       die beim Wiener Festival unter dem Titel „Haunted by History“ vorgeführt
       wurden. Ein mit zwölf Filmen aus den Jahren von 1940 bis 2016 quer durch
       alle Genres vom patriotischen Melodram („Evergreen Tree“) über die
       Erotik-Burleske („Mulberry“) bis zum Dokumentarfilm über die sogenannten
       Trostfrauen („The Murmuring“) breit angelegtes Panorama, zu dem der
       engagierte und kundige Leiter des Koreanischen Filmarchivs KOFA, Kim
       Hong-joon, persönlich nach Wien angereist war, bei den einführenden
       Gesprächen von Kurator Gerwin Tamsma aber leider in peinlich
       paternalistischer Manier ins zweite Glied verwiesen wurde.
       
       Wie sich Praktiken von Dominanz und (territorialer) Herrschaft in
       filmischer Pose niederschlagen können, zeigte ebenso anschaulich wie
       lakonisch der Kurzfilm „UNDR“ des in Berlin lebenden palästinensischen
       Regisseurs Kamal Aljafari. Aus israelischen Archiven versammelte er
       Luftaufnahmen von israelisch annektiertem [3][palästinensischem
       Territorium] und montierte sie mit Landschaften, Szenen ländlicher Arbeit,
       archäologischen Grabungen, der Sprengung alter Gemäuer und neu errichteten
       Siedlungen zu einem eindrücklichen Leporello, das kommentarlos für sich
       spricht.
       
       ## Das Palestine Research Archive in Beirut
       
       In seinem teilweise mit demselben Material bestückten, ebenfalls beim
       Festival präsentierten und preisgekrönten Langfilm „A Fidai Film“ dagegen
       vergibt der Regisseur durch das Zurückhalten zentraler Informationen (etwa
       über die Bildquellen) seinem Publikum leider die Chance, eine eigene
       Bresche der Erkenntnis durch den Film zu schlagen. Einige erhellende
       Informationen über Aljafaris Inszenierungsstrategien ergaben sich daher
       erst im Publikumsgespräch. Und auch da erfuhr man erst mehr über das von
       Aljafari für seinen Film „geborgene“ und ursprünglich aus dem Palestine
       Research Archive in Beirut stammende Filmmaterial: eine wahre
       Schatzsammlung, die, wie sein Film (auch) erzählt, schon in den Konflikten
       Anfang der 1980er Jahre durch Bombenanschläge zerstört und dann von der
       israelischen Armee ausgeräumt wurde.
       
       30 Oct 2024
       
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