# taz.de -- Soziologin über junge Rechtsradikale: „Teil des Establishments sein“
       
       > Die Soziologin Janina Myrczik forscht bei 18- bis 35-Jährigen aus der AfD
       > und der Jungen Alternative, was diese in rechtsradikalen Aktivismus
       > treibt.
       
 (IMG) Bild: Kundgebung der Jungen Alternative auf einem Marktplatz in Mannheim im Juni 2024
       
       taz: Frau Myrczik, wie sprechen Sie Ihre Interviewten an? Guten Tag, ich
       bin Forscherin und interviewe junge Rechtsradikale, wollen Sie mitmachen? 
       
       Janina Myrczik: So konnten wir sie natürlich nicht ansprechen. Man kann
       sich in der Forschung auf Definitionen wie die von Cas Mudde berufen. Wer
       eine homogene Kultur und Nation für erstrebenswert hält, ist danach
       rechtsradikal. Gesellschaftlich ist der Begriff „rechtsradikal“ aber mit
       Springerstiefel und Bomberjacke konnotiert. Das sind nicht die Personen,
       die wir haben wollten und das ist stigmatisierend oder wird von denen
       jedenfalls so empfunden. Das Wording war daher entweder „patriotisch
       Denkende“ oder „Nationalkonservative“.
       
       taz: Sie haben vor fünf Jahren angefangen, Interviews zu führen. Wie finden
       Sie Ihre Teilnehmenden und warum sprechen die mit Ihnen? 
       
       Myrczik: Wir wollten die ganze Landkarte der Neuen Rechten interviewen. Wir
       haben auch bei Youtuber:innen, rechtsextremen Plattformen und der
       Identitären Bewegung angefragt. Die meisten haben nicht geantwortet oder
       abgelehnt. Hinterhertelefonieren war nicht möglich, weil es anders als bei
       AfD und [1][Junger Alternative] (JA) keine Kontaktdaten gab. Die haben sich
       damals, 2019, häufig schon nach einer E-Mail zurückgemeldet. Dann ging es
       weiter im Schneeballverfahren mit Personen, die sie kannten. Wir haben
       viele Personen in Führungspositionen interviewt, zum Beispiel
       Landesvorsitzende und öffentlich präsente Personen, aber auch Aktive in
       Stadträten und Kreisverbänden. Dieses Jahr, als ich ergänzend mit weiteren
       Frauen Interviews geführt habe, war der Zugang deutlich schwieriger. Es
       gibt jetzt auch bei der AfD und JA weniger Bereitschaft, mit Außenstehenden
       in Kontakt zu treten, und es stehen auch deutlich weniger persönliche
       Kontaktdaten im Netz.
       
       taz: Wie können Sie sich sicher sein, dass sie Ihnen die Wahrheit sagen? 
       
       Myrczik: Wir arbeiten mit sehr langen, biografisch narrativen Interviews,
       um die Geschichte zu hören, wie sie zu der Person geworden sind, die sie
       heute sind. Solche Interviews dauern zwischen anderthalb und vier Stunden
       und haben im Prinzip nur eine Hauptfrage. Erzählen Sie mir von Ihrem Leben
       von der Kindheit bis heute. Sie können anfangen, wo auch immer Sie mögen.
       Es ist in solchen Interviews schwierig, die eigene Lebensgeschichte ganz
       anders darzustellen.
       
       taz: Was wollen Sie mit dieser Methode herausfinden? 
       
       Myrczik: Es ist nicht unser Ansinnen, sie zu überführen oder dazu zu
       bringen, sich zu rechtfertigen. Wir wollen nachvollziehen, wie es dazu kam,
       dass sie rechte Aktivist:innen wurden. Motive sind uns Menschen nicht
       immer vertraut. Wir können oft selbst nicht darauf antworten, wie wir an
       einen bestimmten Punkt in unserem Leben gekommen sind. Aus der sozialen
       Bewegungsforschung wissen wir, dass viele Faktoren zusammenspielen. Die
       Forschung kennt die Motive Identität, Ideologie, Instrumentalität, und die
       ergeben sich meist aus der Biografie. Fühlt sich jemand dahingezogen, weil
       er mit Gleichgesinnten zusammen sein will? Das ist das Identitätsmotiv.
       Möchte jemand seine gefestigten Werte verfolgen oder ist der Wunsch nach
       Einflussnahme das Entscheidende? Diese Motive schließen sich nicht aus,
       aber es gibt häufig eine Dominanz. Wir rekonstruieren, wie sie biografisch
       zusammengespielt haben. Deswegen fangen wir vorne an und sind sehr offen.
       
       taz: [2][Ihre Studie] untersuchte rechte Aktivist:innen in Polen und
       Deutschland. Sie stellen das Motiv „Karriereorientierte
       Selbstverwirklichung“ in Deutschland dem Motiv „Pflichterfüllung gegenüber
       der Nation“ in Polen gegenüber. Sind die jungen Rechten in Deutschland nur
       karrieregeil? 
       
       Myrczik: Sie haben den Wunsch, Teil des Establishments zu sein, sind aber
       gegen das Establishment, also gegen die liberale Demokratie. Sie achten auf
       ihre Wortwahl und äußern sich uns gegenüber nicht offen rassistisch, aber
       distanzieren sich auch nicht vom völkischen Flügel um Björn Höcke. Wir
       sehen eine Kontinuität an Werten, die sie aus ihrer Familie übernehmen und
       die, auch wenn sie aus der bürgerlichen Mitte stammen, anschlussfähig
       waren. In gefestigt rechtsextremen Familien waren es immer die Väter, die
       sie zu den ersten Treffen mitgenommen haben. Viele haben biografische
       Schwierigkeiten erlebt. Eine Herabstufung in der Schule, eine Scheidung der
       Eltern, abgebrochene Ausbildungen oder ein geplatzter Berufstraum. Sie
       waren nicht verloren, hatten noch Optionen, aber es blieb das schmerzliche
       Gefühl, es stehe ihnen mehr zu. Viele sind schon direkt nach der Gründung
       der AfD eingetreten und zu Pegida-Demos gegangen. Sie haben autoritäre
       Persönlichkeiten getroffen, sind zu Stammtischen gegangen und haben
       niedrigschwellig direkt Verantwortung bekommen. Sie durften etwas aufbauen,
       haben sofort eine Selbstwirksamkeit erlebt und auch schnell Ämter und
       bezahlte Posten bekommen.
       
       taz: Wegen der Karrierechancen sind sie dann geblieben? 
       
       Myrczik: Mit Karriere meinen wir vor allem soziale Anerkennung in ihren
       Zirkeln und finanzielle Stabilität. Dabei geht es zum Teil auch um die
       Aufwertung der eigenen Biografie. Das ist der große Unterschied von
       Deutschland zu Polen, aber darum sind sie nicht eingetreten. Sie haben für
       sich ein Zuhause gefunden: ideologisch Gleichgesinnte und
       Einflussmöglichkeiten. Dazu gab es für sie keine Alternative, also keine
       andere Partei und auch in der Berufsbiografie nicht. Es ist nicht so, wie
       man das aus etablierten demokratischen Parteien kennt. Ich gehe in die
       Politik, um daraus Kapital zu schlagen. Das war es zu der Zeit jedenfalls
       nicht. Man könnte weiter beobachten, ob Karriere ein vorrangiges Motiv
       wird, je stärker die Strukturen der radikalen Rechten ausgebaut sind.
       
       taz: Gibt es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland? 
       
       Myrczik: Ja, aber nur leichte Nuancen. Die biografischen Brüche gab es
       teilweise schon über die Elterngeneration, auch im Westen, aber im Osten
       stärker. Wenn die Eltern sehr viel durch die Wiedervereinigung verloren
       haben, sind die Kinder unter schwierigeren Umständen groß geworden. Das war
       aber auch bei Arbeiterhaushalten oder schwierigen Vierteln im Westen so.
       Dann verknüpfte sich die eigene Biografie mit dem Narrativ „Hier läuft was
       falsch in der Gesellschaft – die ist ungerecht“. Und auch das Gefühl, das
       kennen wir aus der radikalen Rechten und aus rechtsextremistischen Milieus,
       dass migrantisierte Personen bevorzugt behandelt werden.
       
       taz: Wie können Sie aus den Interviews verallgemeinernde Aussagen treffen? 
       
       Myrczik: Der Anspruch von qualitativer Forschung ist eine theoretische
       Verallgemeinerung und keine repräsentative Stichprobe. Wir gehen intensiv
       ins Material, beziehen den Forschungsstand ein, und reflektieren uns selbst
       und unsere Grenzen. Wir hören erst auf, wenn wir keine neuen Erkenntnisse
       mehr bekommen und keine anderen Personen mehr interviewen müssen. Natürlich
       können wir keine Aussagen über die Neue Rechte insgesamt treffen.
       
       taz: Sie arbeiten gerade an einer Nacherhebung mit weiteren Frauen in der
       JA und AfD. Haben Frauen andere Motive als Männer? 
       
       Myrczik: Es gibt keine genderspezifischen Motive einzutreten, aber die
       Frauen waren bei Eintritt etwas älter und haben länger gezögert, wenn sie
       nicht auch von ihrem Vater mitgenommen wurden. Sie recherchieren
       intensiver, informieren sich nun auch stärker über Social Media. Nicht
       wegen ihrer Werte zweifeln sie, aber sie fragen sich: Was passiert mit mir,
       wenn ich eintrete? Kann ich in der Politik etwas verlieren? Sie gehen dann
       zu Stammtischen und kommen wie die Männer relativ schnell in Ämter. Mir
       haben Frauen gesagt, dass ihnen vermittelt wird, sie seien gerne gesehen,
       aber eine Frau auf vier Männer reiche.
       
       taz: Was muss sich ändern, damit junge Menschen nicht zu
       AfD-Aktivist:innen werden? 
       
       Myrczik: Das ist schwierig, das haben wir nicht untersucht. Diejenigen, die
       schon im Aktivismus sind, holt keine Politik mehr zurück. Es ist sicher ein
       Bündel an Maßnahmen für alle notwendig. Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit
       und der sozialen Anerkennung ist enorm wichtig. In den Schulen sollte
       besser vermittelt werden, was Demokratie bedeutet: Dass es nicht um eine
       Mehrheit geht, die über alle bestimmt, oder eine Minderheit, die sich
       aufdrängt, sondern dass verschiedene Interessen ausgewogen sein müssen.
       Viele machen die Erfahrung, dass sich ihre Ausbildung im
       Dienstleistungssektor nicht lohnt, dass sie weder soziale noch monetäre
       Anerkennung mit sich bringt. Da muss die Politik natürlich handeln, aber
       bitte nicht nur für diese Gruppe, sondern für alle. Wir müssen an einer
       gerechten Gesellschaft arbeiten, die nicht auf Rassismus beruht.
       
       taz: Werden Sie häufig gefragt, wie es ist, Rechtsradikalen
       gegenüberzusitzen? 
       
       Myrczik: Die Studierenden fragen das. Es gibt auch Fachartikel dazu und wir
       setzen uns damit in der Forschungsgruppe auseinander. Wir hatten meistens
       keine Angst vor gewaltbereiten Personen, und wenn doch, haben wir das
       Interview auch mal zu zweit geführt. Aber wie in jedem Forschungsprozess
       reflektieren wir unsere eigene Position. Wir kommen selbst nicht aus dieser
       politischen Ecke. Mir hilft dabei die Unterscheidung zwischen Sympathie und
       [3][Empathie]. Ich muss ein Gefühl für die Person haben, aber ihre Haltung
       nicht teilen. Es ist mein professionelles Verständnis, das Gespräch
       aufrechtzuerhalten. Ich nicke und vermittle der Person, dass sie
       weitererzählen soll. Einmal kam nach einem Interview in einem Café eine
       migrantisierte Kellnerin an den Tisch und sagte: „Das war aber ein nettes
       Gespräch bei Ihnen.“ Diese Rückmeldung von außen wirft einen dann schon
       kurz aus der Bahn.
       
       16 Aug 2024
       
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 (DIR) [1] /Junge-Alternative-AfD/!t5041275
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 (DIR) [3] /Soziale-Faehigkeiten/!6007068
       
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