# taz.de -- Krieg und Angst: Bunker bieten auch kaum Sicherheit
       
       > Die Kriege in der Ukraine wie auch im Nahen Osten sind Gold für das
       > Geschäft der Bunkerbauer. Und sie sorgen wenigstens für ein Gefühl von
       > Sicherheit.
       
 (IMG) Bild: SChutzbunker im Kibbutz Nar Oz, nahe der Grenze zu Gaza, Israel, 13. Juni 2024
       
       Im biblischen Buch der Richter enden die Erzählungen mit dem Vers: „Da
       hatte das Land Ruhe vierzig Jahre.“ Ich habe diesen Vers immer als pure
       Ironie gelesen, denn der deprimierende Gesamteindruck des Buches ist der
       eines permanenten Kriegs. Jetzt scheint es, dass unsere vierzig Jahre
       vorbei sind. Selbst in relativ ruhigen Gegenden der Erde, etwa Westeuropa,
       verdunkelt sich der Himmel wie bei einem Gewitter im Hochsommer.
       
       In solchen Zeiten haben die Medien großen Einfluss auf die allgemeine
       Stimmung. Die Medien haben schon immer das Spannende, das Dramatische
       gesucht, und das ist heute schlimmer denn je. Bots aller Art verbreiten
       Panik und Chaos, die Menschen sind verwirrt und ratlos. In diesem Zustand
       kann man entweder versuchen, trotz allem Tohuwabohu und Durcheinander noch
       irgendwie rational zu handeln. Oder man kann sich zurückziehen und in
       Deckung gehen.
       
       Laut einem Bericht des [1][Economist] steigt die Nachfrage nach Bunkern und
       Schutzräumen in Deutschland seit Jahren deutlich. Dieser Trend begann mit
       der russischen Besetzung und Annexion der Krim im März 2014. In deutschen
       Cafés, Bars und auf den Wochenendmärkten ist von einer Panik noch wenig zu
       spüren. Die Deutschen wirken auf mich unglaublich ruhig und entspannt. Doch
       offenbar trügt der Schein, und sie haben Angst. Angst vor [2][Wladimir
       Putin], vor Donald Trump, vor Marine Le Pen.
       
       Vielleicht sind Putin und [3][Trump] nur Auslöser, die eine latente
       Existenzangst getriggert haben, eine Angst, die kein Objekt braucht, wie es
       uns der weise dänische Philosoph [4][Søren Kierkegaard] einst lehrte. Auch
       die Israelis bauen Schutzräume. Vor Oktober 2023 bauten nur diejenigen, die
       in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen wohnten. Die meisten anderen
       beschränkten sich auf gemeinschaftlich genutzte Bunker, die ausreichen
       sollen für den Fall eines iranischen oder libanesischen Bombardements oder
       eines Langstreckenraketenbeschusses aus Gaza.
       
       ## Flucht vor der Realität
       
       Das Haus, in dem ich früher in Tel Aviv gewohnt habe, liegt zu weit vom
       nächsten Schutzraum entfernt, und als Tel Aviv bombardiert wurde, sind alle
       Bewohner ins Treppenhaus geflüchtet, weil es hieß, dass es dort am
       sichersten sei. Damals habe ich meine Nachbarn etwas näher kennengelernt.
       Seit dem [5][Oktober-Massaker] haben die Leute kein Vertrauen mehr in diese
       gemeinschaftlichen Bunker und ins Treppenhaus schon gar nicht. Sie wollen
       einen geschützten Raum zu Hause.
       
       Nur ergibt das mit Blick auf den 7. Oktober überhaupt keinen Sinn. Denn in
       den unweit des Gazastreifens gelegenen Ortschaften waren Bunker ausreichend
       vorhanden, nur boten die vor dem Terrorangriff der Hamas keinen Schutz. In
       dieser Hinsicht erinnert der 7. Oktober an die Horrorgeschichten von
       Stephen King, deren Schlussfolgerung ist, dass kein Entkommen möglich ist.
       Die Menschen halten an der Illusion fest, dass es einen Ausweg gibt, obwohl
       sie tief im Innern wissen, dass es nur eine Illusion ist.
       
       So ist der Bau der Schutzräume, der viel Geld kostet, kein rationaler
       Schritt, sondern eine Art Flucht, eine Ablenkung von einer bitteren
       Erkenntnis. Diese impliziert, dass die Welt von herzlosen Tyrannen regiert
       wird, dass wir ihnen hilflos ausgeliefert sind und dass es eigentlich
       keinen großen Unterschied zwischen uns und den Bauern in irgendeinem Dorf
       in Bayern während des Dreißigjährigen Kriegs gibt.
       
       Doch es gibt ihn. Der Unterschied ist, dass der Bauer im 17. Jahrhundert
       keine politische Macht hatte. Anstatt sich also gegen die Raketen zu
       wappnen, die ohnehin jeden Schutzraum zertrümmern, ist die Politik gefragt,
       die Realität zu ändern und sicherer für die Menschen zu machen.
       
       21 Jul 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.economist.com/business/2024/07/04/panic-rooms-and-private-bunkers-are-all-the-rage-in-germany
 (DIR) [2] /Zwei-Jahre-russischer-Angriffskrieg/!5989463
 (DIR) [3] /Ikonisches-Attentats-Foto/!6024573
 (DIR) [4] https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/der-begriff-angst/5741
 (DIR) [5] /Angriff-auf-Israel/!5965719
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hagai Dagan
       
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