# taz.de -- Frankfurter Prozess gegen „Reichsbürger“: Aggressive Vorwärtsverteidigung
       
       > Im Frankfurter „Reichsbürger“-Prozess gegen Prinz Reuß & Co. wurde die
       > erste Zeugin vernommen – und von der Verteidigung hart angegangen.
       
 (IMG) Bild: Frankfurt, 28. mai 2024: Vitalia B. wird in den Verhandlungssaal geführt
       
       Er schafft es tatsächlich, sich zurückzuhalten. Maximilian Eder, 65 Jahre
       alt und ehemaliger Oberst der Bundeswehr, ist in der Gruppe der
       mutmaßlichen [1][Reichsbürger-Verschwörer*innen] um Heinrich XIII. Prinz
       Reuß eines der besonders illustren Mitglieder: 38 Jahre lang war er bei der
       Bundeswehr, diente im Kosovo, in Afghanistan, im NATO-Hauptquartier in
       Brüssel, bei der Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK). Und er glaubt
       fest an die antisemitische QAnon-Verschwörungserzählung, dass geheime
       Machteliten in unterirdischen Tunneln Kinder foltern und ihnen ein
       Verjüngungselixier abzapfen.
       
       Im Frankfurter Prozess gegen die Führungsriege der von der
       Bundesanwaltschaft als terroristische Vereinigung eingestuften
       „Patriotischen Union“ um Prinz Reuß stand Maximilian Eder am Mittwoch im
       Mittelpunkt. Und der Mann, der so mitteilsam ist, [2][dass er dem Stern ein
       Interview aus dem Gefängnis gab] und, als er kürzlich in München wegen
       Alkohol am Steuer vor Gericht stand, mehrere Stunden lang über sein Leben
       und seine Weltsicht redete: Er faltete die Hände und schwieg.
       
       Eine Ermittlerin schilderte die Eckdaten des Lebens von Oberst Eder, von
       seiner Karriere bei der Bundeswehr über seine vier hochpreisigen Autos bis
       zu den Schulden, die er trotz eines Ruhegehalts von 4356,12 Euro netto hat.
       Nichts Brisantes eigentlich. Dennoch griff die Verteidigung fast sämtlicher
       Angeklagter die BKA-Beamtin immer wieder frontal an. Sogar eine mögliche
       Manipulation ihrer Aussagegenehmigung wurde suggeriert. Ein kleiner
       Vorgeschmack, wie es in diesem Verfahren zugehen wird, wenn es ans
       Eingemachte geht und Zeug*innen zum konkreten Anklagevorwurf gehört
       werden: [3][dass die „Patriotische Union“ den bewaffneten Umsturz in
       Deutschland geplant haben soll.]
       
       Eders Anwalt Ralf Dalla Fini verwahrte sich dagegen, dass sein Mandant
       medial als „Verschwörungstheoretiker“ und „Reichsbürger“ dargestellt werde.
       „Er steht immer noch auf dem Boden des Grundgesetzes“, sagte der Anwalt.
       Bereits am Vortag hatte er beantragt, das Verfahren gegen Eder
       einzustellen.
       
       Nicht nur, wie auch andere Verteidiger*innen durchaus nachvollziehbar
       vorbringen, weil die Aufteilung des Gesamtkomplexes in drei parallele
       Mammutprozesse in Frankfurt, Stuttgart und München einem fairen Verfahren
       entgegenstehe. Sondern auch, weil der Ex-Soldat wegen seiner
       Trunkenheitsfahrten vom Münchner Amtsgericht zu einer zehnmonatigen
       Haftstrafe verurteilt worden war. Es würde zu weit führen, hier die
       Argumentation des Anwalts nachzuzeichnen. Nur so viel: Die Erfolgschancen
       des Antrags dürften begrenzt sein.
       
       ## Ein Frauenporträt aus dem 18. Jahrhundert
       
       Ebenfalls am vorangegangenen Verhandlungstag hatte erstmals eine der neun
       Angeklagten selbst das Wort ergriffen: Vitalia B., die Lebensgefährtin von
       Prinz Reuß, stellte sich dem Gericht als promovierte Kunsthistorikerin vor.
       Sie referierte die (sehr guten) Noten, mit denen sie ihr Studium an der
       Universität Heidelberg abgeschlossen habe, nannte sogar das Thema ihrer
       Magisterarbeit: das empfindsame Frauenporträt im Russland des 18.
       Jahrhunderts. Und man konnte den Eindruck gewinnen, dass sie mit ihrer
       Aussage solch ein Porträt auch von sich selbst entstehen lassen wollte.
       
       Sie male und zeichne gern, sagte die 40-Jährige, sie sticke und stricke,
       auch im Gefängnis. Außer der Kunst möge sie klassische Literatur,
       klassische Musik, klassische Philosophie. Und: „den Prinzen“, wie sie ihren
       fast doppelt so alten Lebensgefährten nannte. „Das ist Liebe.“
       
       Vitalia B. ist die einzige der neun Angeklagten vor dem Frankfurter
       Oberlandesgericht, denen die Bundesanwaltschaft lediglich die Unterstützung
       einer terroristischen Vereinigung vorwirft, nicht die Mitgliedschaft. Die
       aus Russland stammende Frau soll ein Gespräch angebahnt haben, bei dem
       Prinz Reuß dem russischen Generalkonsul in Leipzig von den Putschplänen der
       „Patriotischen Union“ berichtet habe. Außerdem soll sie bei der Beschaffung
       und Einrichtung von Satellitentelefonen für die Verschwörer*innen
       geholfen haben. Zu den Vorwürfen wird sich die Angeklagte erst später
       äußern, zunächst geht es nur um ihre Person. Doch dass man nicht
       unschuldiger sein könne als sie – diese Botschaft kam auch jetzt schon an.
       
       Als Tochter aus gutem Hause präsentierte sie sich, gepflegt, wohlhabend und
       doch bescheiden. Einzige Schwäche: ihr Perfektionismus. Und: „Mein Anwalt
       hat mich liebenswürdigerweise darauf hingewiesen, dass ich ein ehrgeiziger
       Mensch bin.“ Weniger Ecken und Kanten kann man kaum zeigen. Nur die
       erstaunlich hohen Geldsummen, die sie schon als Studentin auf dem Konto
       hatte und die sie nicht recht erklären wollte, irritierten.
       
       So höflich trat Vitalia B. auf, dass Senatsvorsitzender Jürgen Bonk ihre
       Befragung schließlich mit Worten beendete, wie sie Angeklagte vor Gericht
       eher selten zu hören bekommen: „Ich darf mich für das Gespräch bedanken.“
       Am Dienstag wird der Prozess fortgesetzt. Dann will sich der
       Staatsschutzsenat mit dem Werdegang und den persönlichen Verhältnissen des
       als Rädelsführer angeklagten Prinz Reuß befassen.
       
       29 May 2024
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Joachim F. Tornau
       
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