# taz.de -- Künstliche Intelligenz und Wahl-O-Mat: Linksgrün versiffte Intelligenz
       
       > Ein Boulevardblatt hat herausgefunden: Die KI, die auf neutral tut, tickt
       > eigentlich linksgrün! Warum das kein Skandal, sondern Grund zur Freude
       > ist.
       
 (IMG) Bild: Damals noch ohne digitale Entscheidungshilfe: Landtagswahl in Baden-Württemberg im Jahr 1972
       
       Wenn heute Europawahl wäre, wie würden die Erstwähler*innen abstimmen?
       In einigen Fällen mithilfe des Wahl-O-Mat, dafür wurde er ja 2002
       entwickelt. [1][Das Tool der Bundeszentrale für politische Bildung] wurde
       bei der letzten Bundestagswahl über 21 Millionen Mal genutzt, soll aber
       eigentlich vor allem Erstwähler*innen Orientierung geben. ChatGPT ist
       keine Erstwählerin (zu jung), wurde die letzten Tage aber immer wieder so
       behandelt, indem sie mit den 38 Thesen konfrontiert wurde, die der
       Wahl-O-Mat so abfragt.
       
       [2][Begonnen hat damit Mitte Mai Timm Rotter], der beruflich KI-Beratungen
       anbietet und ein gutes Händchen für Aufmerksamkeit hat. Denn die
       Bild-Zeitung hat das Experiment dann aufgegriffen – und viele andere auch.
       Die haben auch noch andere KIs getestet, die größtenteils ähnlich
       abgeschnitten haben. Aber bleiben wir mal bei ChatGPT, dem großen Player.
       Der müsste die Grünen wählen. Oder aber etwas Linkes. Idealerweise, das hat
       zumindest unser taz-Test ergeben: die Letzte Generation. Das kann man
       natürlich problematisieren (Bild) oder aber ein bisschen feiern.
       
       Die Antworten von ChatGPT stimmen zu 81 bis 87 Prozent mit denen der Grünen
       überein. Die AfD liegt zwischen 18 und 21 Prozent, die Union bei 53. Nicht
       wirklich berauschend – aus deren Sicht. Die KI findet, dass Deutschland
       keine nationale Währung braucht, dass die Ukraine in die EU aufgenommen
       werden soll und jene EU vorrangig Öko-Landwirtschaft fördern sollte. Und
       sie kann das sogar argumentieren. Warum sollte ein Geschlechtseintrag
       abseits von „männlich“ und „weiblich“ in Pässen von EU-Ländern vorkommen?
       
       Die KI nummeriert ihre Argumente durch, geht auf Gesundheitsaspekte,
       Diskriminierung, Gleichberechtigung, Schutz von nichtbinären Menschen und
       den Vorbildcharakter der EU ein. Sie trifft eine gut informierte
       Entscheidung – sofern das eine KI kann, die basierend auf Trainingsdaten
       berechnet, welche Wörter und Satzteile in welcher Wahrscheinlichkeit
       aneinandergereiht werden. Wobei nicht ganz klar ist, wie sie das genau
       macht.
       
       ## Entscheidungen anhand objektiver Wahrheiten
       
       Bei dieser Berechnung orientieren sich einige sogenannte Large Language
       Models (LLMs) auch daran, wie ihnen eine Frage gestellt wurde. Die
       Wortwahl, die Stoßrichtung der Frage wird so auch zur Stoßrichtung der
       Antwort. Man könnte LLMs als konfliktscheue Jasager bezeichnen. Und
       deswegen die Bundeszentrale für politische Bildung dafür kritisieren, wie
       sie Thesen im Wahl-O-Mat formuliert. Doch so richtig suggestiv kommen die
       eben nicht daher. Und es wäre nur [3][eine weitere Kritik an dem Tool]
       neben der schon lange bekannten: Bei der Thesenauswahl wird zu sehr auf das
       Ja-Nein-Schema gesetzt, das wiederum zu steif ist für komplexe
       gesellschaftliche Fragen. Außerdem wird immer wieder diskutiert, ob rechte
       Parteien zu viel Aufmerksamkeit im Wahl-O-Mat bekommen. Aber Kritik an KIs
       ist momentan einfach spannender und Kritik an Linkem für manche Medien
       sowieso am spannendsten.
       
       Taumeln wir also in eine Zukunft, in der reiche, linke Tech-Boys KIs links
       trainieren und die uns dann links beeinflussen, damit wir alle links denken
       und handeln, wie manche Berichterstattung suggerieren möchte? Vermutlich
       nicht. Dafür gibt es entschieden zu viele reiche Rechte mit
       Digital-Hintergrund ([4][siehe Musk]). Und vielleicht wurde ChatGPT auch
       gar nicht gezielt mit linken Inhalten trainiert, sondern einfach mit Daten,
       die möglichst wenig gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit beinhalten und
       möglichst wenig erniedrigende Wortwahl und Beleidigungen. Denn wer seinen
       ChatBot mit menschenfeindlichen Inhalten trainiert, bekommt [5][eine
       rassistische Arschloch-KI]. Damit scheiden viele konservative Inhalte schon
       mal aus.
       
       Die Gründe für ChatGPTs Präferenzen werden wir nicht klar ausmachen können.
       Aber ihre Entscheidungen können Bedeutung bekommen – durch uns. Wir können
       skandalisieren, dass die KI eine Bias hat, die nach links ausschlägt. Oder
       wir können es feiern. Denn es gibt schon genügend KIs, die rassistisch
       trainiert wurden, obwohl sie Gesichtserkennung betreiben oder Vorhersagen
       darüber treffen sollen, ob ein Mensch straffällig wird. Und ChatGPT
       schafft, was zu vielen Menschen nicht gelingt: anhand objektiver
       Wahrheiten, etwa über Klimawandel und nichtbinäre Geschlechtsidentitäten,
       die Entscheidung zu treffen, dass etwas getan werden muss.
       
       20 May 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wahl-O-Mat-zur-Bundestagswahl-2017/!5440645
 (DIR) [2] https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7195702911258021890/
 (DIR) [3] /Gerichtsbeschluss-zu-Online-Wahlhilfe/!5593661
 (DIR) [4] /Der-Rechtslibertarismus-des-Elon-Musk/!5962309
 (DIR) [5] /Unfaelle-mit-kuenstlicher-Intelligenz/!5711704
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johannes Drosdowski
       
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