# taz.de -- Spielfilm „Omen“: Koffi und Alice im Dschungel
       
       > Im Debüt des kongolesisch-belgischen Regisseurs und Musikers Baloji
       > prallen Traditionalismus, Aberglaube und modernes Leben aufeinander.
       
 (IMG) Bild: Baloji inszeniert mit visuellem Wagemut: Omen (Marc Zinga) in „Omen“
       
       Koffi (Marc Zinga) will alles richtig machen. Zu Hause in Belgien hat er
       noch seinen Afro abrasieren lassen und sein Swahili aufgefrischt, um einen
       ordentlichen Eindruck zu machen. Nach vielen Jahren kehrt er in den Kongo
       zurück, um für seine Heirat mit Alice (Lucie Debay) den Segen seiner
       traditionsbehafteten Familie einzuholen. Nach ihrer Ankunft am Flughafen
       bahnen sich beide mit einem Mietwagen den Weg durch das Verkehrschaos der
       Großstadt. Koffis Unsicherheit am Steuer und seine kläglichen Versuche,
       Einheimische nach dem Weg zu Fragen, markieren ihn als Außenseiter einer
       einst vertrauten Welt.
       
       Der belgisch-kongolesische Musiker und Filmemacher Baloji baut zu Beginn
       seines [1][vielbeachteten Spielfilmdebüts „Omen“] eine mehr als
       unbehagliche Stimmung des Fremdseins auf. Denn schlimm wird es für das Paar
       erst nach der Ankunft bei der Familie, die sich im Garten von Koffis Mutter
       (Yves-Marina Gnahoua) versammelt hat. „Sag zu allem ja, mach keine
       Probleme“, schärft der nervöse Koffi seiner Partnerin ein.
       
       Seine Verwandten reagieren desinteressiert bis abweisend. Hämische und
       spitze Bemerkungen über Koffis Haare und seine weiße Verlobte fallen. In
       einer so eindrucksvollen wie humorvollen Szene, in der er darum bittet,
       seinen neugeborenen Neffen zu halten, zeigt Baloji geschickt die
       Entfremdung zwischen seiner Hauptfigur und dessen Familie. Die Mutter des
       Kindes willigt ein, aber man sieht nach einem Kameraschwenk ihre flehenden
       Gesten, mit denen sie ihren Unmut äußert.
       
       Die Situation eskaliert sogleich, als Koffi Nasenbluten bekommt und einige
       Tropfen auf dem Gesicht seines Neffen landen. Für die Familie ein Zeichen,
       dass er das Kind verflucht hat. Seine Verwandten [2][halten ihn seit seiner
       Geburt für besessen]. Deshalb nennen sie ihn abschätzig Zabolo, Zeichen des
       Teufels. Erst der Verlauf des Films offenbart, dass Koffi deswegen nach
       Europa gegangen ist.
       
       Der Auftakt von „Omen“ macht klar, worum es Baloji geht: das
       Aufeinanderprallen von Traditionalismus, Aberglauben und modernem Leben.
       Zugleich ist der Film eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen
       kulturellen Disparität als Sohn eines belgischen Vaters und einer
       kongolesischen Mutter. Der Film verlässt dabei relativ schnell die Bahnen
       einer konventionellen Dramaturgie.
       
       Nicht nur Koffi und Alice stehen im Zentrum des Films, sondern auch Koffis
       jüngere Schwester, die sich ebenfalls für ein modernes Leben entschieden
       hat, und seine Mutter, die in ihrem strengen, distanzierten und doch tief
       verletzten Wesen im Grunde nur das Resultat religiös-patriarchaler
       Zurichtung ist.
       
       ## Jugendgang in Pink
       
       Hinzu kommt der Anführer einer Jugendgang, dessen Weg sich mit Koffi kreuzt
       und der mit seinen Anhängern in pinken Prinzessinnenkleidern mit einer
       anderen Bande um die Vormacht auf der Straße rivalisiert. Nicht nur in den
       hinreißenden Kostümen (von Baloji selbst entworfen) mit ihrer queeren
       Ästhetik und ihren schaurigen Masken, mit denen die Gangs durch die Straßen
       ziehen, zeigt sich der große Einfallsreichtum des Films.
       
       Wenn sich zwei Männer, angefeuert von einer tobenden Menge, vor einem
       gigantischen Kohleberg im Tauziehen messen oder wenn das Märchen um Hänsel
       und Gretel im kongolesischen Dschungel eine Neuinterpretation erfährt,
       finden Baloji und sein Kameramann Joachim Philippe für den Dualismus aus
       Tradition und Moderne faszinierend surreale Bilder.
       
       Der visuelle Wagemut Balojis, der ebenso wie der kürzlich erschienene
       nigerianische Film „[3][Mami Wata“] viel Aufmerksamkeit auf das oftmals
       vernachlässigte afrikanische Kino lenkt, geht leider auf Kosten der
       Erzählung. Der Film hat wenig Interesse daran, die losen Fäden der
       Geschichte konsequent zu Ende zu führen.
       
       Das ist schade, da man gerne mehr von den Konfliktlinien rund um Koffi
       erfahren hätte, die zu Beginn noch so verheißungsvoll ausgelegt wurden und
       sich im Laufe des Films verlieren. So ist man letztlich hin- und
       hergerissen zwischen der Schönheit der Bilder und dem Wunsch nach etwas
       mehr Konsistenz.
       
       3 Apr 2024
       
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