# taz.de -- Antisemitismus in Institutionen: Es fehlt die Klarheit
       
       > Instagram-Aktivismus und Zensurverdacht: Zwischen Antisemitismus- und
       > Rassismusvorwürfen finden Institutionen wenig Worte.
       
 (IMG) Bild: Kultursenator Joe Chialo (Mitte) bei einer Demo gegen Antisemitismus am 10. März in Berlin
       
       Seit einigen Tagen führt der Berliner Kultursenat Umfragen zum Umgang von
       Kulturinstitutionen mit Antisemitismus und Rassismus durch. Abgefragt
       werden Erfahrungswerte, Vorschläge und bestehende Umgangsformen mit dem
       „gesellschaftlichen Klima“ seit dem 7. Oktober. Das Ziel: ein
       senatsübergreifendes Maßnahmenpaket gegen jede Form der Diskriminierung
       entwickeln. Kultursenator Joe Chialo (CDU) reagiert damit auf die
       lautstarke Kritik an seiner mittlerweile wieder ausgesetzten
       Antisemitismusklausel.
       
       In einem Interview mit radioeins mahnte Chialo an: „Wir müssen durch Dialog
       die Räume in der Kultur wieder weiten.“ Berlins Regierender Bürgermeister
       Kai Wegner hingegen betonte bei einem CDU-Parteitag vor wenigen Tagen,
       weiterhin an der im Januar gescheiterten Klausel festhalten zu wollen.
       
       Nicht nur in Berlin wird nach Lösungen in der fortwährenden Debatte um
       Antisemitismus im Kulturbetrieb und den Vorwürfen einer rassistischen
       Cancel Culture gesucht. Vergangene Woche veröffentlichte die
       Kulturministerkonferenz der Länder zusammen mit der Beauftragten der
       Bundesregierung für Kultur und Medien und den kommunalen Spitzenverbänden
       eine Erklärung zur Verhinderung von Antisemitismus und Rassismus in Kunst
       und Kultur. Im Zentrum stehen die „rechtssichere Regelung“ von
       Förderbedingungen und die Stärkung der „Eigenverantwortung“ von
       Kulturinstitutionen – verbunden mit dem Auftrag, sogenannte Codes of
       Conduct zu entwickeln. Doch bringt das die erhoffte Klarheit?
       
       Klarheit scheint vor allem in der Kommunikation von Störfällen zu fehlen:
       [1][Mitte Februar war es im Hamburger Bahnhof in Berlin zur Störung einer
       Performance der Künstlerin Tania Bruguera durch propalästinensische
       Aktivisten gekommen.] In einem auf Instagram veröffentlichten Statement der
       Museumsleiter Sam Bardouil und Till Fellrath am Tag darauf umschrieb man
       die antisemitischen Parolen der Aktivisten mit „gewaltsamer Hassrede“.
       
       ## Wilde Spekulationen in Kommentarspalten
       
       Anstatt das Ziel der Attacke, Mirjam Wenzel, die man aufgrund ihrer
       Funktion in einer jüdischen Einrichtung als zionistische Rassistin
       diffamierte, zu benennen, wurde von einem Angriff auf die „Kunstfreiheit“
       gesprochen – und über die vorherige Einladung der Aktivisten durch die
       Künstlerin geschwiegen.
       
       In den Kommentarspalten zu Sam Baradouils Instagram-Post wurde daraufhin
       wild spekuliert. Im Streit um die Deutung der Vorfälle brachten sich nicht
       nur die anwesenden Aktivisten ein.
       
       Auch Axel Wallrabenstein, damals noch Vorstandsmitglied des KW Institute
       for Contemporary Art, beteiligte sich. Er warf einigen der
       propalästinensischen Aktivisten ideologische Verblendung vor, da sich diese
       als queere Menschen nicht von der Hamas distanzieren. Er selbst hingegen
       wolle „als schwuler Mann nicht von der Hamas ermordet werden“.
       
       ## Als „zionistische Propaganda“ bewertet
       
       In den sozialen Medien teilt der ehemalige Sprecher des Berliner
       Kultursenats und Vertrauter Joe Chialos nicht erst seit dem 7. Oktober
       proisraelische Inhalte. Darunter auch Statements der israelischen
       Streitkräfte, Fotos israelischer Geiseln und viel Kritik an
       propalästinensischen Aktivisten aus Kunst und Kultur.
       
       Der sich propalästinensisch positionierende Berliner Kurator Edwin Nasr und
       die Performerin Nomi Sladko werten diese Posts als „zionistische
       Propaganda“. Wallrabenstein gilt ihnen als „White Supremacist“ – wie es in
       einer der taz vorliegenden Instagram-Story des Kurators Nasr heißt.
       
       Am 14. Februar, zwei Tage nach der Auseinandersetzung in den sozialen
       Medien, veröffentlichten die KW ein Statement in einer Instagram-Story: „KW
       distanziert sich von dem Verhalten und dem Austausch eines ihrer
       Vorstandsmitglieder mit anderen Parteien über soziale Medien.“ Lücken im
       Statement – wie Namensnennung und konkrete Vorfälle – wurden schnell durch
       propalästinensische Accounts gefüllt: Nach Veröffentlichung der KW-Story
       verlinkten propalästinensische Aktivisten Wallrabenstein und die KW in
       eigenen Storys und feierten das Statement als ihren Erfolg.
       
       Wallrabenstein trat wenige Tage nach Veröffentlichung des Statements
       zurück. Einen Zusammenhang zwischen dem diffusen Statement der KW und
       Wallrabensteins Rücktritt wollten auf taz-Anfrage sowohl die KW als auch
       ihr ehemaliges Vorstandsmitglied nicht bestätigen.
       
       Im Umfeld Wallrabensteins mutmaßt man aber, die Distanzierung sei aus Angst
       vor der Absage von Künstlern und der Kampagne „Strike Germany“ erfolgt. Wie
       Krist Gruijthuijsen, der scheidende Direktor der KW im tip-Interview
       schildert, war auch die Ausstellung „Poetics of Encryption“ von Absagen der
       Kampagne betroffen. Wallrabenstein wurde mittlerweile von der Gründerin der
       Craftbeer-Brauerei BRLO, Katharina Kurz, als Vorstandsmitglied bei den KW
       ersetzt.
       
       ## Diplomausstellung mit Protest in München
       
       Doch nicht nur in Berlin laden Leerstellen zur Spekulation ein. Auch an der
       Akademie der Bildenden Künste München kam es im Februar zum Eklat: Zur
       dortigen Diplomausstellung sabotierten Protestierende die Ausstellung und
       behängten die Wände mit neonfarbenen Plakaten. Zu lesen war dort der offene
       Brief einer Initiative von Akademie-Studierenden. Betreff: „Gegen Zensur an
       der AdBK München“. Zensur witterten die Protestierenden hinter der
       Entscheidung des Präsidiums, die Vertretungsprofessur der palästinensischen
       Künstlerin Jumana Manna nicht zu verlängern.
       
       Manna hatte am 16. Oktober 2023 ihre Vertretungsprofessur an der Akademie
       angetreten. Am 7. Oktober teilte die Künstlerin auf ihrem Instagram-Account
       mehrere Storys, die die israelischen Opfer des Hamas-Massakers verhöhnen.
       In einer kommentierte sie ein Video von Besuchern des Nova-Musikfestivals,
       die auf der Flucht vor der Hamas um ihr Leben rennen: „Es macht wohl keinen
       Spaß, in der Umgebung des weltgrößten Freiluftgefängnisses zu raven.“
       
       Zum Zusammenhang von Mannas Posts und der ausbleibenden Verlängerung ihres
       Vertrags erfolgte keine Stellungnahme des Präsidiums der Akademie. Auf
       taz-Anfrage lässt das Präsidium verlauten, man äußere sich „grundsätzlich
       nicht zu Personalangelegenheiten“. Verwiesen wird auf ein Statement von
       Manna auf der Plattform Hyperallergic, das die Künstlerin nach einem
       Gespräch mit Akademie-Präsidentin Karen Pontoppidan verfasst haben soll.
       Darin relativiert Manna ihre Posts und kehrt den Vorwurf des Antisemitismus
       in den Gegenvorwurf einer rassistischen „Schmierenkampagne“ um.
       
       ## Kulturräume weiter gespalten
       
       Kritik am Stillschweigen der Akademieleitung übt eine Initiative von
       jüdischen und antisemitismuskritischen Studierenden der Akademie: „Das
       Problem ist, dass es keine klare Stellungnahme gibt“, sagt eines ihrer
       Mitglieder. Ein im Nachgang der Proteste herumgeschickter Rundbrief der
       Präsidentin sei zwar klar in seiner Kritik an Jumana Manna, aber käme eben
       zu spät. Das Gerücht sei da schon in der Welt gewesen und viele Studierende
       „witterten eine Kampagne“, ohne die Äußerungen Mannas zu kennen.
       
       Was bei all diesen Fällen ins Auge sticht, ist die unzureichende
       Kommunikation. Wer die Räume der Kultur weiterhin offenhalten will, muss
       klare Worte für Angriffe auf sie finden. Denn wo die Klarheit in der
       Benennung fehlt, da sprießen Gerüchte. In den Kanälen sozialer Medien
       gerinnen diese schnell zu sich selbst bestätigenden Stereotypen – und
       zementieren Diskursbarrikaden, die Kulturräume weiter spalten. Von den KW
       bis nach München: Leerstellen, wohin man auch schaut.
       
       20 Mar 2024
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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