# taz.de -- Doug Aitken in Sindelfingen: Begegnung mit Gandhi
       
       > Doug Aitkens Medienkunst hat viel Endzeitstimmung. Im Schauwerk
       > Sindelfingen erinnert er an eine unzeitgemäße Art des Widerstands.
       
 (IMG) Bild: Tradierte Naturkastastrophe als Rundbühne: Doug Aitkens „Wilderness“, Installationsansicht 303 Gallery New York, 2022
       
       Der Horizont über dem Meer ist glutrot. Funken tanzen über das Wasser.
       Schön und schrecklich. Wenn die Sonne in diese ästhetische Hölle sinkt,
       zucken die Menschen am Strand ihr Mobiltelefon und filmen. Alle Hände gehen
       in die Luft. Ein spontanes technoreligiöses Ritual. Die Polizei überwacht
       die Szene. Niemand darf den anderen zu nahe kommen.
       
       Es herrscht Pandemie in Kalifornien. Gleichzeitig lodern Waldbrände. Später
       wird die Luft vor Asche grau werden und am Rand des Graus wird sich
       vielleicht ein schwaches Farbspektrum bilden. Aber „the day after“ ist
       nicht auf diesem Video des Künstlers Doug Aitken zu sehen. Es ist, mit
       seinen vielen Projektionsflächen zum Surroundsystem angeordnet, unter dem
       Titel „Wilderness“ (2022) das räumliche Zentrum seiner Solo-Ausstellung
       „Return to the Real“ im Schauwerk Sindelfingen.
       
       Um „Wilderness“ gruppieren sich Arbeiten, die ähnlich zwischen menschlicher
       Endzeitstimmung und dem Bedürfnis nach ästhetischer Erfahrung alternieren.
       Figuren aus Fiberglas in Erschöpfungshaltungen, von innen erleuchtet:
       Gefühle, die den einsackenden Körper durchpulsen. Oder Tiere, die in
       verlassene Motelzimmer eingeladen wurden und die Bedauerlichkeit
       menschlicher Dinge, stilllebenhaft beleuchten, demonstrieren.
       
       Diese Stimmung dystopischer Melancholie, in der die Situation bedrängender
       wird, aber die am eigenen Leib fühlbare Katastrophe noch auf Abstand
       bleibt, kann Doug Aitken meisterlich inszenieren, dafür zeichnete die
       internationale Kunstwelt den 1968 geborenen US-Amerikaner auch mit vielen
       Preisen aus. Noch geht es irgendwie im Rahmen des Bekannten weiter, noch
       ist das Wissen ums falsche Leben schlimmer als die Effekte davon.
       
       Überlebensgroßer Gandhi 
       
       Durch diese eigentlich unerträgliche, aber ja doch täglich reproduzierte
       Dekadenz lassen die Ausstellungsmacher:innen einen unzeitgemäßen
       Pilger laufen: Gandhi. Überlebensgroß. Seine ikonografische,
       scherenschnittartige Figur stützt sich auf einen durch eine Leuchtorgel
       illuminierten Pilgerstab.
       
       Die Skulptur von 2018 bezieht sich auf Gandhis wohl bekannteste friedliche
       Protestaktion gegen die britische Kolonialmacht in Indien: den
       [1][Salzmarsch (1930)]. Der Handel von Salz, ein Grundnahrungsmittel, war
       den Besatzern vorenthalten. Auf den Erwerb mussten hohe Steuern gezahlt
       werden. Aus Protest wanderte Gandhi, geleitet von anderen Mutigen, ans
       Meer, schöpfte Wasser, ließ es verdampfen. Übrig blieb das kostbare Gut.
       
       Die Gandhi-Figur überrascht zwischen diesen letzten Ausläufern der
       „schönen“ alten Welt. Eine Art Wiedergänger, der zwischen den Zeichen der
       Zeit auftaucht. „Zum Wirklichen zurück“, wie der Ausstellungstitel fordert,
       mit Gandhi? In einer Zeit, in der gewaltfreier Widerstand und ziviler
       Ungehorsam allerhöchstens noch ein paar symbolische Bäume retten, aber
       weder Waldbrände verhindern noch brutale Regimes und Ökonomien unterwandern
       (können)?
       
       Fragezeichen im Raum 
       
       Aitkens Gandhi-Figur wirkt nicht idolhaft, trotz ihrer Größe nicht
       erdrückend, sondern eher wie ein Fragezeichen im Raum. Wasser rieselt aus
       ihr heraus in ein mit Kieseln ausgekleidetes Auffangbecken. Verwässert sie?
       Oder symbolisiert der Wasserkreislauf die Frage, welche Ideen des
       pazifistischen Unabhängigkeitskämpfers sich noch recyceln lassen?
       
       Für welche Wirklichkeit steht Gandhi? Für die vielen Ohnmachten friedlichen
       Widerstands gegenüber militaristischer und konsumistischer Aufrüstung,
       gegenüber lebensfeindlichen Lebensrealitäten? Oder aber die Ohnmachten
       gegenüber demokratiefeindlichen Befindlichkeitsprotesten, die Werkzeuge
       zivilen Ungehorsams nutzen, um Aggressivität freizusetzen? Oder wiederum
       für den Mangel an diskursivem Geleitschutz, wenn es um das hohe Gut der
       Gewaltfreiheit und deren (immer wieder neu zu ermittelndem) Ethos geht?
       
       Gandhi war nicht nur ein prominenter Vertreter des pazifistischen
       Widerstands, sondern auch des Antikapitalismus. Seine Kraftanstrengungen
       waren in beiden Beziehungen immens. Seine Aktionen hat er unter anderem
       durch juristische und politische Analyse und wochenlanges Meditieren
       vorbereitet. Es ging ihm, bei allen Fehlbarkeiten, nicht um irgendeinen
       Widerstand, sondern um die beste Art davon.
       
       „Gewaltloser Widerstand“, schrieb [2][Aldous Huxley], bedeute „die enorme
       Kraftanstrengung zu unternehmen, die nötig ist, um das Böse mit dem Guten
       zu überwinden.“ In diesem Sinn konfrontiert der symbolische Pilger unter
       dem Titel „Crossing the Borders“ in Aitkens Soloausstellung auch mit der
       Frage der Übereinstimmung von innerer und äußerer Realität. Was ist die
       eigene Wirklichkeit gegenüber dem Wissen, ein falsches Leben zu führen? Das
       Sindelfinger Schauwerk öffnet einen geradezu meditativen Raum, sich ihr zu
       stellen.
       
       26 Mar 2024
       
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