# taz.de -- Social-Media-Nutzung bei Jugendlichen: Wie Kinder ohne Sicherheitsgurt
       
       > Die sozialen Medien sind gesundheitsgefährdend, die Regierungen müssen
       > handeln. Denn auch die Demokratie ist in Gefahr.
       
 (IMG) Bild: „Seit mehreren Jahren stapeln sich die Hinweise, dass die Jugend der westlichen Industriestaaten unglücklicher wird“
       
       Sie kennen Vivek Murthy womöglich noch nicht, das ging mir bis Mittwoch
       genauso. Doch überfiel mich der dringende Wunsch, ihm Blumen zu schicken,
       als ich den Satz von ihm las: „Es ist wahnsinnig, wenn man drüber
       nachdenkt“ – „it is insane if you think about it“. [1][Er sagte das zu] der
       britischen Zeitung The Guardian, und er meinte [2][die komplett
       unregulierte Nutzung von Social Media durch Teenager und junge Leute].
       
       Murthy ist der medizinische Chefinspekteur der USA, quasi Joe Bidens
       oberster Amtsarzt. Sein Kommentar galt der [3][Welt-Glücksstudie], die
       diese Woche erschien. Was auf Tiktok und in anderen sozialen Medien
       passiere, sagte Murthy, sei, als würde man die Kids in Autos ohne
       Sicherheitsgurte setzen und sie auf Straßen ohne Ampeln,
       Geschwindigkeitsbegrenzung oder sonstige Regeln fahren lassen – man rufe
       ihnen nur zu, „tut euer Bestes, ihr findet schon raus, wie!“. Murthys
       Botschaft im Kern: Die sozialen Medien sind unsicher und
       gesundheitsgefährdend, und die Regierungen müssen handeln.
       
       Seit mehreren Jahren stapeln sich die Hinweise, dass die Jugend der
       westlichen Industriestaaten unglücklicher wird, und der aktuelle World
       Happiness Report, der aufwendig von mehreren Universitäten und der UNO
       gemacht wird, gehört dazu: In den USA sind demnach die jungen Leute von 15
       bis 24 inzwischen unglücklicher als alle anderen Altersgruppen, und diese
       Entwicklung wird auch für Westeuropa sehr bald erwartet. Nach einem Blick
       quer über deutsche [4][Krankenkassenerhebungen], Schulstudien und nicht nur
       anekdotische Aussagen von PsychologInnen und PsychiaterInnen wäre ich so
       frei zu ergänzen: Womöglich sind wir längst soweit.
       
       Jetzt wenden Sie ein: Das hat ganz bestimmt mehrere Gründe und nicht nur
       einen, und innerhalb von Alterskohorten gibt es immense Unterschiede, und
       selbstverständlich kennen auch Sie einen oder zwei pudelrund zufriedene
       18-Jährige, denen nichts fehlt. Früher wurde so was außerdem gar nicht
       gemessen, und Sie haben sich mit 15 auch mal einsam gefühlt, und darüber
       wurde auch kein Welt-Glücksbericht geschrieben.
       
       ## Dazu noch der Erwachsenen-Ballast
       
       Wenn wir damit aber fertig sind, können wir dann bitte den Gedanken
       zulassen, dass es eine gesellschaftliche Tragödie ist, wenn Menschen in
       einem Alter, in dem einem körperlich noch nichts wehtut und man eigentlich
       noch 10 Stunden am Stück schlafen kann, bereits unglücklicher sind als die
       Älteren? Was passiert mit ihnen, wenn der ganze Ballast des
       Erwachsenenlebens dann noch dazukommt?
       
       Murthy nun nennt den Umstand, dass die Kids nicht mehr miteinander reden
       und Spaß haben können, [5][weil sie im Schnitt fast fünf Stunden täglich am
       Handy hängen], als zentralen Grund. Er wird gut genug wissen, dass nicht
       nur das Gerät oder das Medium, sondern auch die Inhalte eine Rolle spielen
       – etwa, wie oft man täglich drauf gestoßen wird, was für ein Desaster die
       Menschheit auf dem Planeten anrichtet. Die Aussicht auf die
       2-Grad-plus-Welt würde mir als 20-Jährige die Laune auch sogar noch mehr
       verhageln als jetzt schon. [6][Direkter menschlicher Kontakt und Austausch,
       Gemeinsamkeit und Nähe wären nun genau die Dinge], die all diese
       Nachrichten verarbeitbar machen würden, nur werden sie ja durchs
       Am-Handy-Hängen grad verhindert.
       
       [7][Und möglicherweise haben ja viele Eltern keine Lust mehr, mit
       „Bildschirmzeit“ und anderen Hilflosigkeiten gegen den
       Digitalmedienkonsum an zu rudern.] Da nun die westlichen Regierungen
       entdeckt haben, dass Russland, China und [8][Rechtsextreme Tiktok nutzen],
       um die Demokratie zu ruinieren – vielleicht könnte man das Seelenheil der
       Kinder als Schutzgut hier gleich dranhängen und um plausible Lösungen
       bitten.
       
       23 Mar 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.theguardian.com/media/2024/mar/20/vivek-murthy-us-surgeon-general-social-media-youth-happiness
 (DIR) [2] /Mediennutzung-von-Kindern/!5982859
 (DIR) [3] https://worldhappiness.report/
 (DIR) [4] https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/gesundheit-hannover-krankenkasse-hohe-zahl-an-psychisch-erkrankten-jugendlichen-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-240203-99-855501
 (DIR) [5] /Gesetz-fuer-Kinderschutz-auf-Social-Media/!5987365
 (DIR) [6] /Jugend-ohne-Handy/!5992218
 (DIR) [7] /Leitlinie-zu-Bildschirmzeit-von-Kindern/!5959559
 (DIR) [8] /AfD-auf-TikTok/!5979204
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulrike Winkelmann
       
       ## TAGS
       
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