# taz.de -- Deutsche Filmbranche diskutiert über KI: Eine aussterbende Art
       
       > Schauspieler und Produzenten verhandeln über künstliche Intelligenz.
       > Während sich Schauspieler schützen wollen, sehen Produzenten eine
       > Chance.
       
 (IMG) Bild: Durch KI um einige Jahrzehnte verjüngt: Harrison Ford im fünften „Indiana Jones“, 2023
       
       „Wir werden alles dafür tun, damit Kreativität gefördert wird und damit
       Kreative nicht abgeschafft werden.“ So kämpferisch formuliert Schauspieler
       Heinrich Schafmeister einen Anspruch, über den er zurzeit als
       Tarifverhandlungsbevollmächtigter der [1][Schauspielergewerkschaft
       Bundesverband Schauspiel (BFFS)] mit der deutschen Produzentenallianz
       diskutiert.
       
       Und es ist ein komplizierter Bereich, um den es geht: Welche Regeln sollen
       gelten, wenn Daten von Darsteller*innen digitalisiert, ihre
       Darstellungen digital bearbeitet, digitale Klone von ihnen erzeugt oder
       komplett neue Avatare aus realen Vorbildern erschaffen werden? Schafmeister
       und seine Kolleg*innenschaft fordern bei all diesen Punkten ein
       Mitspracherecht sowie eine zusätzliche Vergütung: „Große Schwierigkeiten
       haben wir mit Replikaten, die uns letztlich arbeitslos machen würden.“
       
       Dass Vergütungen sein müssen, wenn menschliche Akteur*innen in Szenen
       eingefügt oder verfremdet werden, darüber besteht auch für Björn Böhning
       kein Zweifel. Aber der Vorstand der Produzentenallianz will bestimmte
       Anwendungen nicht generell ausschließen: „Wir wollen das für schnellere und
       bessere Produktionsprozesse einsetzen. Etwa, um bei einer Verletzung von
       Schauspielern einzelne Szenen mit deren Zustimmung ersetzen zu können. Das
       müsste auch in ihrem Interesse sein.“
       
       ## Gleiche Debatte in Hollywood
       
       Genau diese Debatte, die jetzt Gewerkschaft und Produzentenverband in
       Deutschland führen, war auch Ausgangspunkt für [2][einen der größten
       Streiks, den Hollywood jemals erlebt hat]. Letztes Jahr gingen
       Akteur*innen vor und hinter der Kamera auf die Barrikaden, weil sie
       unter anderem den Einsatz von künstlicher Intelligenz eindämmen wollten,
       und legten damit für Monate das TV- und Kinobusiness lahm.
       
       „Die Körper von Statisten sollen gescannt, für einen Tag Arbeit bezahlt
       werden und die Studios hätten dann die Rechte an diesen digitalen Doubles
       für immer“, hatte sich letzten Juli Duncan Crabtree-Ireland von der
       Gewerkschaft SAG-Aftra auf einer Pressekonferenz über die Pläne
       amerikanischer Produktionsunternehmen geärgert. „Nanny“-Star und
       Gewerkschafterin Fran Drescher wies ergänzend auf die Gefahr hin, dass
       Drehbuchautor*innen sowie Synchronsprecher*innen ebenfalls durch
       Maschinen ersetzt werden könnten.
       
       Erst im Dezember kam es schließlich zu einer Einigung. Vereinbart wurden
       Ausgleichszahlungen sowie ein Mitspracherecht der menschlichen Vorbilder,
       wenn es um den Einsatz von deren digitalen Kopien geht. Auch über die
       Bezahlung wurde eine Einigung erzielt, wenn Avatare von
       Darsteller*innen beispielsweise in Serien verwendet werden, in denen
       sie bereits „in echt“ mitgewirkt haben.
       
       Grundsätzlich ist der Einsatz von KI gerade bei vielen großen Blockbustern
       und aufwendigen Streamingserien schon Standard. Harrison Ford etwa zeigte
       sich begeistert über sein verjüngtes künstliches Ich im [3][fünften Teil
       von „Indiana Jones“]. In manchen Sequenzen erlebt das Publikum den
       80-Jährigen noch mal als Actionhelden in seinen besten Jahren.
       
       ## Stimme des verstorbenen Hans Clarin ersetzt
       
       Das KI-Synchronisations-Start-up Dubformer mit Sitz in Amsterdam etwa wurde
       letzten Sommer von dem Produktionsunternehmen All3Media beauftragt, 100
       Stunden Factual-Programm per Computer vom Englischen ins Spanische zu
       übersetzen. Auch der junge Luke Skywalker in der Disney+-Produktion „Star
       Wars: Das Buch von Boba Fett“ stammt komplett aus der digitalen Retorte. Im
       deutschen TV geht es erst langsam los, zum Beispiel mit der digital
       erzeugten Stimme des verstorbenen Schauspielers Hans Clarin für die
       RTL-Version von [4][„Pumuckl“]. Oder in der Sky-Sendung „Me & Myself“, wo
       Dieter Hallervorden zu seinem 88. Geburtstag auf seinen 30 Jahre jüngeren
       digitalen Klon traf.
       
       Umgesetzt hatte das Volucap. Das Studio erstellte auch für [5][„The Matrix
       Resurrections“] und aktuell für den Science-Fiction-Film „Mickey 17“ mit
       Robert Pattinson 3D-Avatare und Deepfakes der Stars. Geschäftsführer Sven
       Bliedung von der Heide ist sich sicher, dass die technologische Entwicklung
       noch ganz am Anfang steht und mittelfristig zum Standard in der
       Bewegtbildproduktion wird. Bei Volucap kommen in einem neuartigen
       Verfahren über 40 Kameras zum Einsatz, die die Bewegungen der
       Darsteller*innen aufzeichnen und digitalisieren. Später werden die
       menschlichen Akteur*innen mittels KI dann in die entsprechenden Szenen
       eingefügt.
       
       Laut Bliedung von der Heide gibt es weltweit nur eine Handvoll Studios, die
       auf diese Technologie setzen: „Im Gegensatz zum bisher gängigen
       Motion-Capture-Verfahren, bei dem zuerst mehr als 100 Fotos von Menschen
       angefertigt werden und deren 3D-Modelle anschließend animiert werden,
       filmen wir sie direkt in Bewegung – das wirkt realistischer.“ Für den
       Produzenten ist vollkommen klar, dass mit Verbesserung der Rechenleistung
       zukünftig kein Unterschied mehr zwischen menschlichen und künstlich
       erzeugten Darsteller*innen zu sehen sein wird.
       
       Der Geschäftsführer, der auch Nutznießer der aktuellen Entwicklung ist,
       hält inzwischen selbst Vorträge und ist Gast bei vielen
       Branchenveranstaltungen, um seine Sicht der Situation zu erklären: „Mir ist
       wichtig, dass Schauspieler verstehen, was auf sie zukommt und wie sie damit
       umgehen können.“
       
       ## Bessere Schauspielleistung?
       
       Genau wie die Produzentenallianz auch, wertet er die Befürchtungen wegen KI
       als „zu kurz gedacht“. Zurzeit versucht die Produktionslandschaft die
       darstellenden Künstler*innen mit Hinweis auf „die Mehrwerte“ zu
       beruhigen: Etwa mit der Möglichkeit, noch im hohen Alter via Klon beruflich
       aktiv sein zu können. Oder mit der Aussicht, in anderen Weltregionen oder
       -märkten erfolgreich zu sein, weil sie die jeweilige Sprache generieren
       könnten. Auch ihr Gesicht könnte angepasst werden, etwa für ein asiatisches
       Publikum. Synchronarbeiten könnten schon jetzt zum größten Teil von KI
       übernommen werden – zumindest technisch ist es möglich.
       
       Der Hinweis aus der Branche, dass Menschen immer noch gebraucht würden,
       damit Inhalte kuratiert und eintrainiert werden müssten, dürfte
       Schauspieler*innen wohl kaum beschwichtigen. Der BFFS zum Beispiel
       kritisiert immer wieder, dass darstellerische Leistungen durch KI nicht
       besser werden. Das bezweifelt Bliedung von der Heide allerdings: „Etwa bei
       Liebesszenen, in denen ein Funke von der Leinwand überspringen soll.“ Das
       gelinge bei der menschlichen Darstellung eher selten – mit den Regungen im
       Gesicht, den Blutströmungen und den ganzen biologischen Details. Diese
       unbewussten Prozesse können sich Darsteller*innen nicht antrainieren,
       so Bliedung von der Heide.
       
       Für Schafmeister zählen solche Argumente nicht: „Kreativität beruht zu
       einem gewissen Teil auch auf kindlicher Intelligenz, sogar auf menschlichen
       Fehlleistungen, und beides bekommt eine Maschine nicht hin.“ Und mit Blick
       auf den Einsatz von KI ist er sich nicht sicher, ob in der
       Produzentenlandschaft, die sich davon Vorteile erhofft, die Folgen auch für
       deren eigenes Geschäftsmodell unterschätzt werden: „Sie könnten sich in
       Zukunft damit auch selbst überflüssig machen.“
       
       21 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bffs.de/
 (DIR) [2] /Einigung-mit-Filmstudios-in-Hollywood/!5972010
 (DIR) [3] /Fuenfter-Teil-von-Indiana-Jones-im-Kino/!5940318
 (DIR) [4] /Legendaerer-bayerischer-Filmkobold/!5572592
 (DIR) [5] /Matrix-Resurrections-im-Kino/!5821065
       
       ## AUTOREN
       
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