# taz.de -- Dadaismus im Alltag: Absurd hilfreiche Information
       
       > Unser Sohn Willi nutzt einen Sprechcomputer, mit dem er vor allem
       > dadaistische Lyrik deklamiert. Ähnlich funktionieren Werbung und
       > Online-Bewertungen.
       
 (IMG) Bild: Mitunter Perlen sprachlicher Dekonstruktion: Bewertungen auf Online-Plattformen
       
       Unser Sohn Willi spricht nur wenig. Sein verständlicher Wortschatz besteht
       aus fünf bis zehn Wörtern, die über die Jahre variieren und deren Auswahl
       skurril anmutet. Zurzeit gehören „Auge“, „Stau“ und „Afrika“ in diese
       Sammlung. Die stabilsten Wörter sind seit Jahren „Auto“, „Oma“ und „Opa“.
       Eben dieser Opa hat übrigens die Theorie, dass sein Enkel sehr wohl
       sprechen könnte, es aber nicht tut, da er dann ein deutlich anstrengenderes
       Leben hätte.
       
       Gegen diese Theorie spricht, dass Willi grundsätzlich nicht gut Dinge
       verheimlichen kann. Wenn ich ihn aus den Augen lasse, geht er umgehend in
       der Küche auf Nahrungssuche und kommentiert dabei alles, was ihm in die
       Hände gerät lauthals mit einem begeisterten „Ahhh“ oder einem angewiderten
       „Iiii“ und verrät sich damit immer sofort selbst.
       
       Willi besitzt auch einen Sprechcomputer, den wir „Talker“ nennen: ein
       Tablet, auf dem er Symbole antippt, die das Gerät dann spricht. Er hat
       darauf mehrere tausend Wörter zur Verfügung. Dass er einen großen Teil
       davon kennt, ihn ohne besondere Aufforderung aber nicht benutzt, spricht
       wiederum für Opas Theorie.
       
       Aus Willis Sicht ist mit dem schönen Wort „Käsebrot“ und einem breiten
       Grinsen im Gesicht alles gesagt. Nur wenn der Wunsch zu lange unerfüllt
       bleibt, tut er seinen Mitmenschen den Gefallen, noch die Worte „essen“ oder
       „bitte“ hinzuzufügen. Ansonsten deklamiert er mit dem Sprechcomputer
       hauptsächlich dadaistische [1][Lyrik]. Zurzeit verwendet er in seinen
       Werken vielfach die Worte „pupsen“, „Adam“ (sein Freund) und „Busch“. Lange
       waren „Wellensittich“, „Obstsalat“ und „erschrocken“ seine beliebtesten
       Sprachelemente.
       
       Viele halten Willis Äußerungen für Unsinn. Ich persönlich schätze aber
       [2][Nonsens] – außer von meinem Mann – und interpretiere es als absurde
       [3][Kunst]. Zugegeben, auf Dauer können Willis Gedichte recht anstrengend
       sein, aber so ist das halt mit dem Dekonstruktivismus.
       
       Ich empfehle daher, auch Werbung, Kleinanzeigen oder Online-Bewertungen als
       potentielle, surrealistische Kleinode zu betrachten. Über den Slogan „Zehn
       Jahre jünger aussehen: Der Kissenbezug für Frauen ab 50“ habe ich wirklich
       sehr gelacht. Auch eine Kundenrezension (zwei Sterne) gefiel mir sehr, die
       den Wortlaut „Keine Ahnung, wie das ist, hab’s noch nicht ausgepackt“ hatte
       – dazu die Angabe: „16 Personen fanden diese Informationen hilfreich“.
       
       Toll auch die Kleinanzeige, die neben Titel und Foto lediglich aus den vier
       Worten „Es ist noch da“ bestand. Ich wette allerdings, dass die Verkäuferin
       trotzdem „Ist es noch da?“-Nachrichten bekommen hat. Lustig sind auch
       Menschen, die eine Sehenswürdigkeit mit nur einem Stern abstrafen, weil das
       Wetter „kacke“ war. Dagegen scheint mir sogar Willis Bewertungssystem mit
       den Kategorien „Ahhh“ oder Iiii“ als sinnvoller.
       
       Manche Kommentatoren betreiben auch absichtlich Sinnverweigerung, was
       jedoch nicht weniger unterhaltsam ist. Eine Rezension zu einem an sich
       schon bizarren Produkt (ein Taschenmesser, 24 Zentimeter breit, 1.335 Gramm
       schwer, 141 Funktionen, über 1.000 Euro) begann mit den Worten: „Ich muss
       zugeben, zunächst war ich wirklich begeistert, als der Tieflader mit dem
       lang erwarteten Paket kam und ich freudig überrascht feststellte, dass der
       großen Schwenkkran, den ich angemietet hatte, um es ins Haus zu befördern,
       gar nicht notwendig gewesen wäre, da im Messer bereits einer enthalten
       ist.“
       
       Eine andere endete mit: „Fazit: Für leichtere Tätigkeiten wie den
       Zusammenbau von Kernreaktoren, die Abwehr von Luft-Boden-Raketen oder das
       Kommunizieren mit Verstorbenen ist das Taschenmesser vielleicht geeignet,
       aber danach hört es auch schon auf.“
       
       Da bekomme ich Lust mal eine [4][Kundenrezension] zu schreiben. Sie könnte
       zum Beispiel „Opa, pupsen, Wellensittich“ lauten. Ich bin gespannt, wie
       viele andere Nutzer diese Information hilfreich finden werden.
       
       22 Jan 2024
       
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