# taz.de -- Regierungsumbildung in Frankreich: Der letzte Joker
       
       > Der französische Präsident Macron ernennt den 34-jährigen Gabriel Attal
       > zum neuen Premier. Er soll für neuen Schwung in der Regierung sorgen.
       
 (IMG) Bild: Frankreichs neu ernannter Premierminister Gabriel Attal vor der Amtsübergabe am 9. Januar in Paris
       
       PARIS taz | Wie sehr Emmanuel Macron das Gespür für die politische
       Konjunktur verloren hat, beweist eine Episode vor Weihnachten. Da erklärte
       der Präsident, dass Frankreich „stolz“ sein müsse auf Gérard Depardieu,
       Frankreichs zuletzt für sexuelle Aggressionen und obszöne Äußerungen
       beschuldigter Kinostar. Eine Katastrophe der Kommunikation: Kein Regisseur
       hatte ihm zuletzt noch eine Rolle anzubieten getraut, doch der Präsident
       unterstützte ihn.
       
       Es ist eng geworden für Macron seit seiner Wiederwahl ohne Glanz und Gloria
       2022 und nach ermüdenden Auseinandersetzungen um [1][die Rentenreform] und
       [2][neue Migrationsgesetze]. Sein Reform-Elan ist längst erlahmt, selbst
       seine Anhänger*innen (noch rund 25 Prozent in Umfragen) sind
       fatalistisch geworden. Man muss sich fragen, ob er selber an seine Reden an
       die Nation glaubt, die er weiterhin hält.
       
       Auch in der Europa- und Außenpolitik wird der innenpolitisch geschwächte
       Macron weniger ernst genommen. In seinen Stellungnahmen zum Konflikt
       zwischen Israel und der Hamas hat er zuerst laviert, dann mehrfach variiert
       und letztlich irritiert. Nun hat der Präsident in Frankreich zumindest
       offiziell immer Recht. Ein institutionell zwar möglicher Rücktritt kommt
       für Macron nicht in Frage. Angesichts der derzeitigen Stimmungslage müsste
       man auch mit einem Erdrutsch nach rechts rechnen.
       
       Den Kopf hinhalten muss also jemand anderes. Elisabeth Borne ist am Montag
       mit dem Dank des Staatschefs von ihrem Posten als Premierministerin der
       französischen Republik entlassen worden. Präsident Emmanuel Macron bekam
       damit freie Hand zu einer Regierungsneubildung. Am Dienstagmittag ernannte
       er den vorherigen Bildungsminister und erst 34 Jahre alten Gabriel Attal
       zum neuen Premierminister. Macron dürfte sich mit dem Wechsel einen neuen
       Schwung für den Rest seines zweiten Mandats bis 2027 erhoffen.
       
       ## Premierminister als Prellböcke
       
       Ziemlich formlos hat Macron seine bisherige Regierungschefin [3][mit ein
       paar Zeilen auf X] (vormals Twitter) als „mutige“ und „exemplarische
       Staatsfrau“ gewürdigt. Die im Mai 2022 als Nachfolgerin des farblosen Jean
       Castex in den Matignon-Regierungspalast berufene Borne ist nicht etwa
       abgesetzt worden, weil sie ihrer Rolle nicht gerecht geworden wäre. Ganz im
       Gegenteil hat sie ihre Aufgabe bis zum Gehtnichtmehr erfüllt. An ihr war
       es, sehr unpopuläre Gesetzesvorlage in den beiden Parlamentskammern
       durchzupauken. Keine davon stammt aus ihrer eigenen Feder, die Politik
       wird, wie meistens in Frankreich, und erst recht unter Macron, im
       Präsidentenpalais Elysée entschieden und dem Regierungschef diktiert.
       
       Trotzdem dient nun die Premierministerin – in Frankreich ebenfalls üblich
       ist – als „Sicherung“, um den Apparat am Laufen zu halten. Schon seit
       Monaten war von ihrem möglichen Rücktritt die Rede, doch jedes Mal behielt
       Macron diese Jokerkarte eines personellen Wechsels an der Regierungsspitze
       in der Hand. Borne war es aber Leid, an Macrons Stelle alle Hiebe zu
       bekommen. Mehrere Medien ([4][Libération] oder Médiapart“) schrieben darum
       von einem „Borne out“.
       
       Noch immer, vielleicht auch aus sprachlicher Trägheit, reden die Medien von
       der Regierung mit dem Synonym „Mehrheit“. Das ist eine unhaltbare
       Verfälschung der Tatsachen, denn der Präsident und seine Regierung sind
       seit der Wahl der Abgeordneten der Nationalversammlung in der Minderheit
       und müssen deshalb bei jeder Gesetzesvorlage oder Abstimmung über Anträge
       zittern. Eine „Mehrheit“ ergibt sich bloß punktuell, wenn ein Teil der
       Opposition sich der Stimme enthält oder aus politischem Opportunismus für
       einen Regierungsantrag votiert.
       
       Eigentlich wäre es in einer „normalen“ parlamentarischen Demokratie unter
       solchen Umständen unmöglich, auf Dauer zu regieren. Doch die französische
       Verfassung aus der Zeit von General de Gaulle hat dies vorausgesehen und
       sichert der Regierung die Handlungsfreiheit mit mehreren Tricks. Artikel
       49.3 ermöglicht es der Regierung, eine Vorlage, die keine Mehrheit erwarten
       kann, ohne Votum für angenommen zu erklären. Der frustrierten Opposition
       bleibt dann nur die Möglichkeit, mit einem, gleichwohl meist chancenlosen,
       Misstrauensantrag den Sturz der Regierung zu versuchen.
       
       ## Kein leichtes Erbe
       
       23 Mal musste Elisabeth Borne in weniger als acht Monaten im Amt als
       Premierministerin zu diesem als undemokratisch verpönten Kniff greifen. Sie
       musste aber auch 30 Misstrauensabstimmungen der verschiedenen
       Oppositionsfraktion von links und rechts überstehen. Das vermittelt einen
       Eindruck davon, wie mühsam ihr „Job“ gewesen sein musste. Ihr Nachfolger
       ist nicht zu beneiden. Er erbt von ihr eine politisch nicht minder
       verfahrene Situation.
       
       Während der ersten Jahreshälfte war Frankreich wegen des heftigen
       Widerstands der Gewerkschaften gegen die von Macron gewollte Rentenreform
       blockiert. Alle Versuche der Regierung, entweder einen Teil der Linken oder
       eher „gemäßigte“ Gewerkschaftsverbände von der angeblichen Notwendigkeit
       einer Anhebung des Rentenalters und der Verlängerung der Beitragsdauer zu
       überzeugen, scheiterten an deren Einheit und Entschlossenheit, diese
       soziale Verschlechterung hinzunehmen. Die rechte Opposition wiederum
       verlangte Änderungen der Vorlage.
       
       Auch bei der Diskussion um eine weitere Verschärfung des
       Einwanderungsgesetzes zeigte sich von Beginn an, dass die von Macron als
       „ausgewogen“ bezeichneten Vorschläge der Regierung in der Linken total
       abgelehnt und bei der konservativen Opposition der Partei Les Républicains
       (LR) und der extremen Rechten des Rassemblement National (RN) in dieser
       Form nicht akzeptiert wurden. Das Ergebnis war in diesem Fall, dass eine
       harte Version des mehrheitlich konservativen Senats in der
       Nationalversammlung mit dem Stimmen von LR und RN, aber mit fast 60
       Gegenstimmen oder Enthaltungen von „Macronisten“, verabschiedet wurde.
       
       Das war das Ende der versprochenen Öffnung und ein Schlusspunkt für Macrons
       „Sowohl links wie rechts und in der Mitte“. Seine Regierung schwenkt
       resigniert nach rechts, kann aber nicht einmal darauf hoffen, dass LR sich
       zu einer loyalen Mitarbeit als erklärter Koalitionspartner durchringt. In
       einem Leitartikel bezeichnet Le Monde die Nominierung eines neuen
       Regierungschefs als einen fast verzweifelt wirkenden „Rettungsversuch“
       eines Präsidenten, der sich „weniger als zwei Jahre nach seiner Wiederwahl“
       bereits in einer „großen Einsamkeit“ befinde. Der neue Premierminister
       Gabriel Attal gilt als ein Freund Macrons, das dürfte tröstlich für ihn
       sein.
       
       9 Jan 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Umstrittene-Rentenreform-in-Frankreich/!5938145
 (DIR) [2] /Neues-Immigrationsgesetz-in-Frankreich/!5980949
 (DIR) [3] https://twitter.com/EmmanuelMacron/status/1744404503141441736
 (DIR) [4] https://www.liberation.fr/politique/remaniement-elisabeth-borne-debarquee-et-apres-20240108_G3INBWIPJZCDVITY2HGGKIII64/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rudolf Balmer
       
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