# taz.de -- Polizeipräsident über Bauernproteste: „Auch hier zeigen wir Grenzen auf“
       
       > Allein in Oldenburg waren 5.000 Traktoren unterwegs. Polizeipräsident
       > Johann Kühme über friedliche Bauern, bedrohte Politiker und hilflose
       > Polizisten.
       
 (IMG) Bild: Aufgehängte Ampel beim Bauernprotest am Montag: Ob das wohl wörtlich verstanden werden soll?
       
       taz: Herr Kühme, Straßenblockaden, Hupkonzerte, Schleichfahrten mit
       Bannern, markige Reden – die Landwirte protestieren. Wie bewerten Sie diese
       Proteste aus polizeilicher Sicht generell? 
       
       Johann Kühme: Im Bereich unserer Oldenburger Polizeidirektion sind gut
       5.000 Traktoren unterwegs gewesen, ungefähr 2.800 bei 100 Blockadeaktionen,
       rund 2.400 auf 77 sogenannten Schleichfahrten mit jeweils 20, 30 oder 40
       Traktoren. Das ist schon eine erhebliche Anzahl.
       
       War der Protest friedlich? 
       
       Friedlicher Protest ist natürlich legitim. Die Versammlungsfreiheit ist in
       Deutschland zu Recht ein hohes Gut, und sie wird von der Polizei geschützt.
       Das ist unser Job, das machen wir seit Jahrzehnten. Aber es gibt natürlich
       auch Problemsituationen – und zwar immer dann, [1][wenn der legitime Rahmen
       verlassen wird.]
       
       Ist das geschehen? 
       
       Ja, in Einzelfällen. Wenn es im laufenden Betrieb auf den Autobahnen zu
       Blockaden kommt, dann kann es Gefahrensituationen geben. Ein weiteres
       Problem ist die Bedrohung und Beleidigung von Amts- und Mandatsträgern.
       Hinzu kommt [2][das Zeigen von verfassungsfeindlichen Symbolen, eine
       mögliche Beteiligung rechtsextremer Gruppierungen.]
       
       Es gibt die Aussage von Bauernverbandspräsident Joachim Ruckwied, er wolle
       nicht, dass Rechte bei den Protesten dabei sind und sie
       instrumentalisieren. Sieht die Praxis anders aus? 
       
       Ich begrüße, dass der Bauernverbandspräsident das so deutlich gesagt hat.
       Bei uns gab es in einem Fall einen Ausschluss von der Demonstration, durch
       die Landwirte selbst, in einem anderen Fall ist die Teilnahme einer Person
       geduldet worden.
       
       Gab es Härten in der Auseinandersetzung? 
       
       Ganz weit überwiegend handelte es sich um einen friedlichen Verlauf, die
       Landwirte waren weitgehend kooperativ. Im Landkreis Oldenburg allerdings
       wurde heute Morgen ein Galgen errichtet, an dem eine Ampel hing. Daneben
       brannte ein Heuhaufen. Damit soll natürlich auch eine Botschaft platziert
       werden. So etwas ist schlimm, einfach widerlich. Das soll manipulieren und
       das finde ich ganz problematisch. Wenn wir so etwas feststellen, leiten wir
       konsequent Strafverfahren ein.
       
       Es geht bei diesen Protesten also nicht nur um die Abwehr von
       Subventionskürzungen, sondern da mischt sich anderes bei, antidemokratische
       Tendenzen von Verschwörungsideologen oder die Umsturzfantasien von
       Querdenkern? 
       
       Der Schwerpunkt sind [3][schon die Belange der Landwirte.] Und die
       Landwirte verhalten sich insgesamt wirklich kooperativ. Aber es gibt klar
       erkennbare Versuche, die Proteste von außen zu beeinflussen.
       
       Wenn die Letzte Generation eine Straße blockiert, wird ja schnell von
       Terrorismus gesprochen, da wird schnell ein Verfahren eingeleitet, auch von
       Seiten der Polizei. Müsste das nicht eigentlich auch bei den Landwirten
       geschehen, die ja im Grunde dasselbe tun, nur aggressiver, massiver? 
       
       Wenn ich mir vorstelle, dass alle, die eine Versammlung unter freiem Himmel
       durchführen wollen,einen Traktor nutzen würden, hätten wir sicher ein
       Problem. Was wollen Sie machen, wenn 100 Traktoren einen Tunnel blockieren?
       Aber auch bei den Landwirten zeigen wir Grenzen auf. Wir haben heute bisher
       35 Strafverfahren eingeleitet, weit überwiegend wegen der Blockaden auf den
       Autobahnen. Da gibt es also keine Ungleichbehandlung. Der Unterschied ist:
       Traktoren kann man nicht einfach so beseitigen. Die können wir nicht von
       der Straße tragen.
       
       Wie beurteilen Sie die derzeitige Diskurskultur unserer Gesellschaft? Da
       ist ja viel Demagogie im Spiel, viel Manipulation. Wirkt sich das auch auf
       die Proteste aus? 
       
       Bei den Versammlungen selbst ist das nicht so sehr zu spüren. Aber in der
       Anonymität der sozialen Medien, denn da ist man ja im Grunde nicht
       angreifbar.
       
       Ist es im Vorfeld der Proteste zu Drohungen gegen lokale oder regionale
       Politiker gekommen? 
       
       Ja. Da ging es zwar um eine Klinikschließung, aber die Demonstration heute
       sollte instrumentalisiert werden: Fahrt da doch auch mal hin, hieß es.
       
       Ist das geschehen? 
       
       Nein, bisher nicht.
       
       Wie groß war die Bandbreite der Demonstrationen? Ideologisch? 
       
       Das ist schwer zu sagen. Das hat man ja auch gesehen, als Minister Habeck
       auf der Fähre drangsaliert wurde. Da waren 150 Landwirte vor Ort, und dann
       kam offensichtlich eine kleine Gruppe von außen dazu, die keiner kannte. Ob
       von dieser Gruppe allerdings die Gewalt ausging, steht zurzeit nicht fest.
       Ich glaube, vielen Landwirten ist eine solche Eskalation nicht recht.
       
       8 Jan 2024
       
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