# taz.de -- Krieg in Gaza: Es muss auch ohne Israel gehen
       
       > Mit Netanjahu wird es keinen Frieden im Nahen Osten geben. Nötig ist
       > jetzt eine Initiative der internationalen Staatengemeinschaft.
       
 (IMG) Bild: Benjamin Netanjahu bei einer Sicherheitsunterweisung in Nord-Gaza, 25.12.2023
       
       Zum Jahreswechsel wartet die Welt auf Zeichen aus dem Nahen Osten: dass der
       von der Hamas provozierte Krieg bald beendet wird; dass Israel den
       Gazastreifen nicht mehr wie bisher flächendeckend bombardiert; dass
       Israelis und Palästinenser bereit sind, zu einer politischen Lösung zu
       kommen. Doch bislang wartet die internationale Staatengemeinschaft
       vergeblich.
       
       Stattdessen gab Israels Premier Benjamin Netanjahu [1][via Wall Street
       Journal weiterhin eine harte Linie vor]: Die Hamas müsse vernichtet, Gaza
       entmilitarisiert und die palästinensische Gesellschaft entradikalisiert
       werden. Erst dann seien die Kriegsziele seines Landes erreicht. 
       
       Netanjahu geht es um sein politisches Überleben. Seine Worte sind gerichtet
       an seine rechtsextreme Klientel im Land und an jene Teile seiner Regierung,
       die dem Dogma anhängen, es könne ein sicheres Israel ohne einen eigenen
       palästinensischen Staat geben. Aber wenn das die Positionierung ist, wird
       es mit dem Israel Netanjahus absehbar nicht den Hauch einer politischen
       Lösung geben.
       
       Denn die Hamas kann vielleicht im Gazastreifen militärisch niedergerungen,
       absehbar aber nicht als Organisation zerstört werden. Als Ableger der
       ägyptischen Muslimbruderschaft existiert sie unabhängig von der
       militärischen Struktur. Die politische Führung der Hamas sitzt weitgehend
       ungefährdet und auskömmlich finanziert in Katar. Und selbst wenn es der
       israelischen Armee tatsächlich gelingen sollte, die Führung der Hamas um
       Jahja Sinwar zu töten, würde sich daran nichts ändern. Hamas als Idee einer
       religiösen, dschihadistischen Bewegung wird für eine lange Zeit
       weiterleben.
       
       Eine Entmilitarisierung von Gaza, Netanjahus zweite Bedingung, würde selbst
       beim derzeitigen israelischem Kriegskurs noch viele Monate, vielleicht
       Jahre dauern. Die militärische Kapazität der Hamas ist angegriffen, aber
       nicht vernichtet. Und da die israelische Armee unter gefühlt jedem zweiten
       Gebäude in Gaza militärische Strukturen oder Waffendepots findet, wäre eine
       vollkommene Entmilitarisierung nur dann möglich, wenn man den ganzen
       Küstenstreifen [2][dem Erdboden gleichmachte] und danach auch noch umgrübe,
       um alle Tunnel zu vernichten.
       
       Entmilitarisierung kann also nur eine Metapher dafür sein, die militärische
       Befehlsstruktur der Hamas zu zerstören. Im Büro von Joaw Galant, dem
       israelischen Verteidigungsminister, hängt angeblich ein Poster: Mit
       Fahndungsfotos soll die militärische Struktur der Hamas in Gaza dargestellt
       sein.
       
       Diejenigen, die die israelische Armee seit dem 7. Oktober getötet oder
       gefangen genommen hat, sind demnach mit einem X markiert. Auf diesem Poster
       ist das eigentliche Kriegsziel Israels in wenigen Bildern verdichtet: Es
       geht darum, so viele Köpfe aus der Spitze der Hamas wie möglich zu töten –
       natürlich auch die beiden militärischen Köpfe der Hamas in Gaza, Jahja
       Sinwar und Mohammed Deif. Dass Israel den Krieg in Gaza beendet, bevor
       Sinwar und Deif gefangen oder getötet sind, ist unwahrscheinlich. Doch
       selbst dieses Ziel liegt noch in ungewisser Ferne, auch wenn Israels
       Militär jetzt Chan Junis und den südlichen Gazastreifen ins Visier genommen
       hat.
       
       ## Neuer Hass wird gesät
       
       Und wie ist es um das dritte Kriegsziel, der Deradikalisierung der
       palästinensischen Gesellschaft, bestellt? In den palästinensischen Gebieten
       wie in der Unterstützungsbewegung weltweit tönt der Schlachtruf des
       globalisierten Antisemitismus „From the river to the sea“. Es ist diese
       Gesinnung, aus der der 7. Oktober folgte.
       
       Ohne eine Deradikalisierung der palästinensischen Gesellschaft kann es ganz
       offenkundig keine politische Lösung geben. Aber der Krieg in Gaza bewirkt
       nur eines: Der Schlachtruf schwillt an. Das Israel Netanjahus ist an einem
       Prozess der Deradikalisierung auf absehbare Zeit nicht beteiligt. Wohl nur
       dessen Sturz könnte Hoffnung darauf bergen.
       
       Die Welt kann weiter lange auf Zeichen aus Israel warten. Nentanjahu hat
       vielfach dokumentiert, wie er sich eine politische Lösung vorstellt: ohne
       Palästinenser. Das neue Jahr braucht deshalb möglichst schnell eine
       Initiative der internationalen Staatengemeinschaft, [3][die über folgenlose
       UN-Resolutionen hinausgeht], einem angegriffenen Israel Solidarität
       zusichert und deutlich macht, dass eine politische Lösung nur darin
       bestehen kann, beiden Völkern Raum zu geben. Sie muss konkrete Schritte
       beinhalten. Man kann der Welt Härte und Konsequenz gegen die Hamas
       vermitteln, aber nur, wenn es für alle anderen Palästinenser Hoffnung und
       eine Perspektive gibt.
       
       Erst wenn dieser Prozess – im Zweifel zunächst auch ohne israelische
       Beteiligung – durch die internationale Staatengemeinschaft in Gang gesetzt
       ist, wird aus Netanjahus Dreiklang eine Politik, die die Idee eines
       Friedens im Nahen Osten in sich trägt.
       
       29 Dec 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.wsj.com/articles/benjamin-netanyahu-our-three-prerequisites-for-peace-gaza-israel-bff895bd
 (DIR) [2] /Israelische-Geiseln/!5980359
 (DIR) [3] /Resolution-gegen-den-Krieg-in-Nahost/!5981754
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Junge
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Israel Defense Forces (IDF)
 (DIR) Benjamin Netanjahu
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Schlagloch
 (DIR) Israel
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Schwerpunkt Nationalsozialismus
 (DIR) Israelische Armee
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Völkermord-Verfahren gegen Israel: Die Botschaft aus Den Haag
       
       Der Internationale Gerichtshof hat Israel zur Beendigung der Blockade Gazas
       aufgefordert. Der Genozid-Vorwurf kann nicht einfach abgetan werden.
       
 (DIR) Israels Krieg in Gaza: Das laute Schweigen der Deutschen
       
       Mit der Haltung zum Nahost-Krieg verrät Deutschland seine Werte. Statt den
       Kurs zu hinterfragen, verstehen sich Medien als Hüter der „Staatsräson“.
       
 (DIR) Kampf gegen Hamas im Libanon: Sorge vor Eskalation
       
       Im Libanon wurde der Hamas-Vizechef getötet. Er war auch für den Aufbau
       eines militärischen Netzwerks im Westjordanland zuständig.
       
 (DIR) Westliche Werte: Zahltag für den Westen
       
       Die trotzige Zurückweisung berechtigter Fragen funktioniert nicht mehr. Die
       Verteidigung der Freiheit muss auch Selbstkritik einschließen.
       
 (DIR) Iran und der Westen: Säbelrasseln im Roten Meer
       
       Die Spannungen zwischen dem Westen und Iran sowie seinen Verbündeten
       steigen. Großbritannien droht, Iran verlegt ein Kriegsschiff vor den Jemen.
       
 (DIR) +++ Nachrichten im Nahost-Krieg +++: Angriff auf Hamas-Büro in Beirut
       
       Bei einem israelischen Drohnenangriff in einem Beiruter Vorort werden vier
       Menschen getötet, darunter laut Sicherheitskreisen auch der Vize-Chef des
       Hamas-Politbüros.
       
 (DIR) +++ Nachrichten im Nahost-Krieg +++: Südafrika wirft Israel Genozid vor
       
       Israel steht angesichts der hohen Zahl ziviler Opfer im Gaza-Krieg
       international zunehmend in der Kritik. Jetzt wird sogar das Weltgericht
       angerufen.
       
 (DIR) Resolution gegen den Krieg in Nahost: Bisher ohne Wirkung
       
       Laut humanitären Helfern verschlechtert sich die Lage in Gaza – trotz
       UN-Sicherheitsratsresolution. Israel sieht die Schuld bei
       Hilfsorganisationen.
       
 (DIR) NS-Geschichte und Gaza: Wer Gaza sagt, muss Dresden sagen
       
       Deutsche Täter sind keine Opfer, hieß es nach den Bombardements deutscher
       Städte 1943. Wie hängt das mit der Wahrnehmung von Gaza zusammen?
       
 (DIR) +++ Nachrichten im Nahost-Krieg +++: IDF durchsucht Schifa-Klinik
       
       Die israelische Armee rückt ins Innere des Schifa-Krankenhauses in Gaza
       vor. Laut den USA nutzt die Hamas Krankenhäuser für militärische Zwecke.