# taz.de -- Westliche Werte: Zahltag für den Westen
       
       > Die trotzige Zurückweisung berechtigter Fragen funktioniert nicht mehr.
       > Die Verteidigung der Freiheit muss auch Selbstkritik einschließen.
       
 (IMG) Bild: Chinas Präsident Xi Jinping berät mit anderen Staatschefs der BRICS im November 2023 über die Lage in Gaza
       
       Nicht wenige werden der Meinung sein, Bernard Hénri-Levy sei mit seiner
       Eitelkeit, seiner Showmanhaftigkeit und seiner übertriebenen Theatralik
       ein leichtes Opfer für Polemik. Ich hingegen neige zu Charaktergüte und
       schätze bei einigermaßen fähigen Leuten mit den einigermaßen richtigen
       Reflexen primär die Stärken und pflege deren Schwächen gegenüber Milde
       walten zu lassen. Meine Voreingenommenheit gegen BHL hält sich deshalb in
       Grenzen.
       
       Der Mann hat seine Verdienste, komisch sind wir alle auf unsere Weise.
       Möglicherweise wird meine Milde auch durch die Bereitschaft verstärkt, mir
       schmeicheln zu lassen, schrieb BHL doch vor ein paar Jahrzehnten meinen
       Namen und den von einer Reihe von Mitstreiterinnen, Freundinnen und
       Großliteratinnen, um dann hinzuzufügen: „Die Namen und Vornamen Wiens. In
       diesen Namen und Vornamen die Spur jenes Identitätsmosaiks: des Wiens von
       Hermann Broch, Arthur Schnitzler und Karl Kraus.“ Denkbar, dass ich ohne
       diesen kleinen Zucker- und Kitschguss eine Spur strenger wäre.
       
       Aber BHLs Neugierde und sein Ereignisappetit haben auch etwas
       Bewundernswertes. Wo immer sich etwas tut, dort taucht er auf. Er sorgt
       halt stets auch dafür, dass alle Welt erfährt: BHL war da!
       Selbstverständlich war er zuletzt viel in der Ukraine und in Israel. Jetzt
       hat er einen Kommentar geschrieben ([1][deutsch in der Süddeutschen Zeitung
       vom 21. Dezember erschienen]), in dem er proklamiert: Beide Länder seien
       angegriffen worden, das eine aus Russland, das andere aus dem
       Gazastreifen.
       
       Aber es gebe „noch mehr Gemeinsamkeiten“, etwa die Partnerschaft der
       jeweiligen Feinde „mit dem iranischen Regime“. Und: „Es gibt eine direkte
       Verbindung zwischen Putin und der Hamas.“ Henri-Levy: „Auf der einen Seite
       stehen demokratische Staaten. Und auf der anderen Seite steht die große
       Allianz gegen Demokraten im In- und Ausland.“ Gleichsam in einem
       planetarischen Konflikt stünden wir Demokraten gegen die „Internationale
       des Schlimmsten“.
       
       Ich habe das mit wachsendem Widerwillen gelesen. BHL sagt ein paar durchaus
       richtige Dinge, aber eben auf furchtbar falsche Weise. Wir sind die
       absoluten Guten, und alle anderen entweder die absoluten Bösen in diesem
       großen Weltenringen – oder die Doofen, die unser Gutsein nicht zu würdigen
       wissen.
       
       Das Manichäische (ein Weltbild, wonach Gute und Böse in einem scharfen
       Gegensatz zueinander stehen, d. Red.), gewürzt mit Selbstgerechtigkeit, ist
       definitiv mehr Teil des Problems als der Lösung. Und kontraproduktiv, auch
       in Hinblick auf seine eigenen Absichten: Wer die Welt als
       Gut-versus-Böse-Fantasy malt, der wird „den demokratischen Westen“ nicht
       verteidigen, er schadet ihm. Die Manichäiker sind die Totengräber des
       Westens. So wie Benjamin Netanjahu mit seinem Extremismus die schlimmste
       Bedrohung für Israels Sicherheit ist.
       
       Gewiss ist westlicher Selbsthass auch eine Art von Infektion, die Freiheit,
       Demokratie und Liberalität schwächen können. Aber zugleich sind vehemente
       Abwehr und bockige Verdrängung mittels schönfärberischem Selbstlob alles
       andere als empfehlenswert. Bernd Ulrich fragte kürzlich in der Zeit, wie es
       denn eigentlich sein kann, dass der Angriff auf die Ukraine viele
       Demokratien so gleichgültig lässt.
       
       ## Groteske Interpretation
       
       Dass Länder wie Argentinien, Brasilien, Indien und viele andere geradezu
       darauf versessen sind, mit Despotien wie China oder gar Russland
       antiwestliche Allianzen zu schmieden? Zweifelsohne ist die groteske
       Interpretation des Israel-Palästina-Konfliktes, die Israel als weiße,
       [2][kolonialistische Täternation] anprangert, ähnlich verrückt wie der
       skurrile Unfug, dass jedes Entsetzen an den gnadenlosen Bombardements von
       Gaza und einer maßlos-kontraproduktiven „Selbstverteidigung“ antisemitisch
       wäre. Aber wofür ist das denn alles ein Symptom?
       
       Sehen wir die Dinge nüchtern: Selbst befreundete progressive Staatsmänner
       sind der Meinung, der Westen habe es völlig verbockt. Ganze Generationen
       junger Leute haben zudem im Westen seit den neunziger Jahren die Erfahrung
       gemacht, dass nur noch das Geld zählt und jede Art von Gier und
       Bereicherung gerechtfertigt sei. Und dass das Motto regiert: Tanzen,
       solange die Musik spielt – und nach uns die Sintflut. Eine globale
       Wohlstandsschicht lebt auf Kosten der Welt. Junge Leute habe die Verbrechen
       ihrer eigenen Nationen in das gleißende Licht von Aufklärung und Kritik
       gerückt. Sie leben auch gänzlich selbstverständlich mit Freundinnen und
       Kumpels aus allen Ländern zusammen und wissen daher sehr genau, wie die
       subtilen Mechanismen von Abwertung und Rassismus funktionieren.
       
       ## Befohlene Ansichten
       
       Sowohl die Attraktion – die Soft Power – des Westens steht heute zerzaust
       da als auch die ökonomische Dominanz und sein Beherrschungspotential. Der
       Westen „purzelt geradezu“ (Ulrich) aus seiner Übermachtposition. Es
       scheint, es herrscht payback time für den Westen. Da wird die „trotzige
       Dämonisierung“ und die „aggressive Zurückweisung“ berechtigter Kritik an
       westlicher Überheblichkeit, am Verrat der selbst postulierten Werte und an
       bizarrsten Doppelstandards nicht mehr hinhauen. Ulrich: „[3][Der Westen hat
       noch nicht einmal in Ansätzen verstanden, welcher historischen Erwartung
       und Energie er ausgesetzt ist.]“
       
       Es sollten ja eigentlich die Alarmglocken läuten, stattdessen glaubt man
       immer noch, man könnte der Welt befehlen, unsere Ansichten zu haben – und
       sie beschimpfen und verleumden, wenn sie sie sich herausnimmt, die Dinge
       etwas anders als wir zu sehen. Die Verteidigung der Freiheit muss, im
       Gegenteil, alles aufnehmen, was an Kritik am Westen triftig ist. Attraktion
       hätten Gerechtigkeit, Pluralismus, Menschenrechte und ein Lifestyle der
       Freiheit ja immer noch genug. Mahatma Gandhi soll seinerzeit auf die Frage,
       was er denn von der westlichen Zivilisation halte, die schalkhafte Antwort
       gegeben haben: „Ich denke, sie wäre eine sehr gute Idee.“
       
       3 Jan 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.sueddeutsche.de/kultur/bernard-henri-levy-israel-und-ukraine-1.6322881?reduced=true
 (DIR) [2] /Vom-Antisemitismus-zum-Antizionismus/!5979214
 (DIR) [3] https://www.zeit.de/2023/52/globale-machtverschiebung-westen-krieg-respekt/seite-3
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Robert Misik
       
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