# taz.de -- Rammstein-Fans im Zeitgeist: Die Verwahrlosten
       
       > Mit ihrer emotionalen Verwahrlosung stehen Rammstein-Fans keineswegs
       > allein. Sie repräsentieren eine Minderheit, die immer weitermarschieren
       > will.
       
 (IMG) Bild: Nichterscheinen würde genügen, um bisschen Anstand zu zeigen: Rammstein-Fan am 15. Juli in Berlin
       
       „Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die
       Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die
       Rock-’n’-Roll’Sänger machen weiter“ – [1][ja gerade die eben, last not
       least.]
       
       Wenn man das Gefühl, das das gegenwärtige Deutschland ausstrahlt, fassen
       möchte, dann ist der Dichter mit dem überaus deutschen Namen Rolf Dieter
       Brinkmann [2][mit diesem Auszug aus seiner sehr viel längeren Litanei] des
       ewigen Weitermachens vielleicht ein Ausgangspunkt. Es hat etwas
       Besinnungsloses, etwas Selbstvergessenes wie im Spiel, aber auch etwas
       Trotziges und Rotziges: Wie Kinder eben kommen einem die Rammstein-Fans
       vor, die einfach nicht glauben wollen, dass Papi Mami schlägt, weil ja noch
       kein Urteil gesprochen ist, das sie in ihrer geistigen Unreife und
       emotionalen Abhängigkeit selbst nicht zu fällen in der Lage sind.
       
       Nicht mal durch ein schlichtes Fernbleiben vom Spektakel schaffen sie es,
       Respekt und Mitgefühl zu zeigen, für die und mit denen, [3][die
       unzweifelhaft gelitten haben und leiden], die verletzt wurden – jenseits
       der Frage ihrer eigenen Mitverantwortung und der strafrechtlichen Relevanz
       der Vorgänge. Im Wortsinn nichts müssten die Fans tun, um für Stadien und
       Arenen zu sorgen, in denen sich das Unternehmen Rammstein mit seiner
       eigenen Leere auseinandersetzen dürfte.
       
       Ein einfaches, gern auch freundlich-abwartendes Nichterscheinen würde
       genügen, um ein wenig Bewusstsein, ein bisschen Anstand zu zeigen und ein
       klitzekleines Verlangen auszudrücken, dass die Mitglieder von Rammstein
       mehr tun, [4][als sich hinter Anwälten zu verschanzen] wie hinter der
       Berliner Mauer [5][und höhnische Anspielungen in ihre Texte einflechten].
       Nichts müssten diese Fans tun – aber nicht mal dazu sind sie in der Lage.
       Man mag diese Gefühlskälte auf den Neoliberalismus zurückführen oder aufs
       Neandertaler-Gen – entscheidend ist, den Realitäten in die toten Augen zu
       schauen.
       
       ## Die Zukunft interessiert sie nicht
       
       Denn diese Fans stehen mit ihrer emotionalen Verwahrlosung ja keineswegs
       allein. Sie repräsentieren eine Stimmung im Land, eher nicht die der
       Mehrheit, aber einer sehr starken Minderheit, die – dazu passt die Musik
       von Rammstein sehr gut – immer weitermarschieren will, komme, was da wolle.
       Früher hätte man sie Mitläufer genannt, Aber der Mitläufer erhofft sich ja,
       aus einem gesellschaftlichen Schlamassel persönlich heil herauszukommen,
       indem er sich in der Masse versteckt.
       
       Das Rammstein-Konzertpublikum, die vermeintliche Protest-AfD-Wählerschaft,
       die Verbrennerfanatiker: Sie alle eint, dass sie eine Art Avantgarde der
       Gemeinheit bilden, [6][die eines nicht mehr interessiert – die Zukunft;]
       nicht die ihrer Söhne und schon gar nicht die ihrer Töchter, aber auch
       nicht ihre eigene. Sie wollen die finale Party mit Rums und Brumm-brumm zu
       Ende feiern, rationale Einwände und moralische Erwägungen stören da nur.
       
       Der Kollege Andreas Rüttenauer hat diese Klientel [7][kürzlich das
       „Normalitariat“ genannt], also jene Menschen, die bei der Erdinger
       Heizungsdemo sich tummelten und lustvoll juchzend der Hetzrede gegen die
       Demokratie des stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten Hubert
       Aiwanger lauschten. Zitat Rüttenauer: „Und die anderen? Die sind
       ‚unnormal‘, wie Hubert Aiwanger gesagt hat. Was würde er wohl mit den
       Unnormalen machen, wenn er sich wie angekündigt die Demokratie zurückgeholt
       hat? Man möchte es nicht wissen. Erding macht Angst.“
       
       Rammstein macht keine Angst. Rammstein ist nur eine abgerockte Partycombo,
       die auf ihrer ironisch begonnenen und ökonomisch überaus erfolgreichen
       Rundreise durch die deutsche Vergangenheit nun den Kreis geschlossen haben:
       Ganz unironisch kalt und höhnisch wie SS-Männer treten sie jetzt auf, sich
       verkniffen-feige zu Opfern stilisierend. Und der knuffige Keyboarder
       [8][spielt halt einfach immer weiter den Tastenficker], am innigsten mit
       fest zugedrückten Augen. Angst machen die Leute, die es nicht hinbekommen,
       sich – ja warum denn nicht – traurig und enttäuscht abzuwenden, die
       Richtung zu wechseln.
       
       ## Die Antwort: 51 Prozent
       
       Und was, ist da die logische Frage, wäre einer möglichen ‚Diktatur des
       Normalitariats‘ entgegenzusetzen? Die Antwort ist ernüchternd, weil sie
       nüchtern ist. Sie lautet: 51 Prozent. Wir können nicht darauf setzen, dass
       Menschen, denen ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder egal ist – denn so
       handeln sie und handeln ist ja bekanntlich wie reden, nur krasser –, durch
       Argumente überzeugt werden. Wir können sie auch nicht systematisch
       verändern oder totalitär zu einem Glück zwingen, das sie ja genau nicht
       wollen. Wir können ihnen nur auf demokratischem Weg einen unattraktiven
       Platz zuweisen – den der Minderheit.
       
       Damit haben wir genug zu tun und dazu brauchen und haben wir auch
       Vorbilder: Alle betroffenen Frauen, [9][die sich in der Causa Rammstein zu
       Wort gemeldet haben], den Schrecken noch einmal durchlebend und Scham
       überwindend, sind Heldinnen der Mehrheit, die leben und die Idee des guten
       Lebens weitergeben will. Wir müssen attraktiv, mutig und offen sein, obwohl
       der Blick in die Welt dazu wenig Anlass gibt. Wir müssen der Versuchung
       widerstehen, die Dinge einfach laufenzulassen und sich mit einem großen
       Bäng als Gattung Mensch zu verabschieden, obwohl das manchmal so verlockend
       erscheint: Eben das macht ihn ja aus, den – hatte ich das schon erwähnt? –
       durchaus suggestiven Rammstein-Sound.
       
       21 Jul 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Rammstein-Konzerte-in-Berlin/!5944959
 (DIR) [2] http://www.planetlyrik.de/rolf-dieter-brinkmann-westwarts-1-2/2010/11/
 (DIR) [3] https://www.ndr.de/kultur/musik/pop/Rammstein-Recherche-Eine-andere-Dimension-an-Vorwuerfen,rammstein208.html
 (DIR) [4] /Vorwuerfe-gegen-Rammstein/!5937556
 (DIR) [5] https://www.watson.de/unterhaltung/musik/854900000-rammstein-in-berlin-sex-ansage-von-till-lindemann-empoert
 (DIR) [6] /Berlin-Klimaneutral-2030/!5923766
 (DIR) [7] /Die-Wahrheit/!5937727
 (DIR) [8] https://www.rollingstone.de/rammstein-vorwuerfe-flake-s-fischer-verlag-2613351/
 (DIR) [9] https://www.ndr.de/kultur/musik/Neue-Vorwuerfe-gegen-Rammstein-Worum-gehts,rammstein172.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ambros Waibel
       
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