# taz.de -- Wahlen in der Türkei: Zwei Stempel für den Wandel
       
       > Bis Dienstag können 95.000 in Berlin lebende Türk*innen über Präsident
       > und Parlament der Türkei abstimmen. Nicht wenige hoffen auf Erdoğans
       > Abwahl.
       
 (IMG) Bild: Auf dem Weg zum Wahlzettel stempeln
       
       Berlin taz | Stolz posieren zwei junge Frauen vor einer meterhohen
       Türkei-Flagge, die am Zaun des türkischen Generalkonsulats hängt. Beide
       haben eben die Stimmzettel zu den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in
       der Türkei gestempelt. Wenige Meter weiter warten Wähler*innen vor dem
       Hof des Konsulats, wo die Wahlkabinen stehen. Obwohl es zügig vorangeht,
       hat sich eine etwa 100 Meter lange Schlange durch die Charlottenburger
       Alemannenstraße gebildet.
       
       Feride Omar hat Glück, bis sie am Eingang steht, sind gerade mal zehn
       Minuten vergangen. „Ich bin hier mit Hoffnung und Sorge“, sagt sie. „Ich
       habe Angst, dass es so ausgeht wie bei vergangenen Wahlen, bei denen
       Stimmen nicht richtig ausgezählt wurden.“
       
       Omar ist eine von rund 100.000 wahlberechtigten türkischen
       Staatsbürger*innen, die in Berlin seit dem vergangenem Donnerstag bis zum
       9. Mai ihre Stimme für die Wahlen abgeben können. Insgesamt können 1,4
       Millionen Wahlberechtigte bundesweit abstimmen.
       
       Sie alle fiebern den Wahlen am 14. Mai in der Türkei entgegen. Und alle
       treibt die Frage um, ob der autoritäre Präsident Recep Tayyip Erdoğan und
       die AKP ein weiteres Mal gewählt werden. Neben ihm stehen drei weitere
       Kandidaten zur Wahl. [1][Chancen auf einen Sieg] rechnet sich [2][Kemal
       Kılıçdaroğlu] aus. Er ist Vorsitzender der
       kemalistisch-sozialdemokratischen CHP und Gegenkandidat eines politisch
       breiten Oppositionsbündnisses.
       
       ## Zum Abstimmen einmal Stemplen
       
       Geduldig halten die Wartenden am Eingang ihre Pässe und ID-Karten bereit,
       um von den Sicherheitskräften aufs Gelände gelassen zu werden. Nachmittags
       um 15 Uhr sei am meisten los, erzählt eine Sicherheitsdienstmitarbeiterin.
       
       Die vier Präsidentschaftskandidaten sind mit Namen und Bild auf einem
       Stimmzettel abgebildet. Auf einem zweiten, über einen Meter langen
       [3][Wahlbogen] stehen aufgereiht alle antretenden Parteien mit Symbol,
       Namen und Bündnispartnern. Im Gegensatz zu deutschen Wahlzetteln setzen die
       Wahlberechtigen hier keine Kreuze: Um ihre Stimmen abzugeben, stempeln die
       Wähler*innen „Evet“, also „Ja“, unter ihren Kandidaten oder ihre Partei.
       
       ## Wahlwerbung im Bus zum Konsulat
       
       Nahe des Eingangs fährt ein Kleinbus vor, aus dem zwei Frauen aussteigen,
       die sich beide in die Schlange eingliedern. An der Tür und am Rückfenster
       des Autos prangt das Gesicht von Kılıçdaroğlu. Daneben steht auf Türkisch:
       „Ich verspreche dir, der Frühling wird wiederkommen.“ Es ist nicht der
       einzige Kılıçdaroğlu-Bus: Aus Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln
       bringen solche Busse Wähler*innen bis zum Konsulat und wieder zurück.
       
       Cumali Kangal fährt einen der Transporter. Früher war er selbst in der
       Berliner SPD und ist auch bei der CHP engagiert. Während der Fahrt erklärt
       er den Vorgang der Wahl. Dafür kleben die Stimmzettel an der Rückwand des
       Fahrers. Groß und rot prangt „Evet“ unter der CHP. „Wir appellieren dafür,
       unseren Kandidaten zu wählen“, sagt er.
       
       Ebenfalls sollen solche Transporte auch von AKP-Befürworter*innen
       stattfinden. Nur sei es weniger offensichtlich, da die Transporter und
       Limousinen nicht mit Aufklebern bedruckt seien, sagt der linke Politiker
       Hakan Taş. Er kritisiert, dass die AKP direkt vor Ort Wahlgeschenke
       verteilt habe.
       
       Auf Twitter habe er ein Foto veröffentlicht, das laut ihm eine Frau zeigt,
       die eben das Wahllokal verlässt und dabei eine AKP-Tüte hält. „Die
       abgebildete Glühbirne ist eindeutig das Symbol der AKP“, sagt Taş. Ihm
       wurde gesagt, dass die Partei Nudeln oder Kopfhörer verteile, je nach
       Personengruppe, ob Hausfrau oder Jugendliche. „Das sehe ich kritisch, da
       unmittelbar im Wahlbereich keine Wahlwerbung erlaubt ist“, sagt er.
       
       ## Jede Stimme zählt
       
       Über ihre Wahlentscheidung schweigen die meisten. Manche winken ab, andere
       geben kryptische Antworten, sie wollen: „Das Beste für die Türkei“ oder
       dass endlich „das Gute an die Macht komme“, dass es „der Türkei besser geht
       als jetzt“. Ein mittelalter Mann sagt dagegen nur „Drei Halbmonde und Graue
       Wölfe“, ein klarer Bezug auf die rechtsextreme MHP, die die AKP
       unterstützt. In einem sind sich alle einig: Jede Stimme zählt.
       
       Ein älteres Paar konnte ihre Stempel nicht setzen. Sie hätten sich für die
       Wahl im Generalkonsulat in Berlin vorab registrieren müssen. Das wussten
       sie nicht. Nun wollen sie in die Türkei fliegen und dort wählen, sagen sie.
       
       4 May 2023
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Adefunmi Olanigan
       
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