# taz.de -- Film über Kindheit in Mexico: Raupen im Bohnenbeet
       
       > In fesselnden Bildern erzählt Tatiana Huezos Dokumentarfilm “El eco“ vom
       > Arbeiten und Aufwachsen in einem mexikanischen Bergdorf.
       
 (IMG) Bild: Die Kinder von El Eco übernehmen früh Verantwortung
       
       Bevor die ersten Bilder von El Eco auf der Leinwand erscheinen, sind schon
       die Stimmen der Kinder, Hunde, Schafe, Pferde und Hühner des kleinen,
       abgelegenen Dorfes aus dem Off zu hören. In dem gleichnamigen
       Dokumentarfilm, der mit den Bewohnern der ländlichen Gemeinde im
       mexikanischen Hochland von Chignahuapan entstand, hält die Regisseurin
       [1][Tatiana Huezo] deren Alltag fest.
       
       Dort auf 2.900 Meter Höhe bestimmen das Hüten der Tiere, die Feldarbeit,
       Jahreszeiten und Niederschläge den Tagesablauf. Früh übernehmen die Kinder
       Fürsorge füreinander und Verantwortung für die Aufgaben, die ihnen von den
       Erwachsenen übertragen wurden.
       
       Ihrer Perspektive und Wahrnehmung widmet die Kamera mit ruhigen
       Einstellungen besondere Aufmerksamkeit. Im Mittelpunkt dieser filmischen
       Erzählung stehen Luz Ma, Sarahi und Montse. Die drei Mädchen
       unterschiedlichen Alters sind wissensdurstig und lebenshungrig. Viel
       Nützliches haben sie bereits von ihren Müttern gelernt, und doch suchen sie
       als junge Frauen ihren eigenen Weg.
       
       Luz Ma´s Vater arbeitet als Tagelöhner auf dem Bau in den USA. Nur
       sporadisch kehrt er erschöpft ins Dorf zurück. Am Tisch wirkt er fast wie
       ein Fremder. Alleine versorgt seine Frau die Kinder, den kleinen Hof und
       die Schafe. Die fehlende Unterstützung und Anerkennung für die harte Arbeit
       der Mutter sowie ihr Hadern mit diesem Schicksal entgehen ihrer Tochter Luz
       Ma nicht.
       
       ## Die Puppen unterrichten
       
       Während Sarahi am liebsten als Lehrerin ihre Puppen und Stofftiere
       unterrichtet und auch die Mitschüler mit Eifer beim Lernen unterstützt, ist
       die etwas ältere Montse in ihrer freien Zeit eine begeisterte Reiterin und
       träumt von einer Zukunft in der Armee – fernab von El Eco. Zuhause ist sie
       für die Pflege der im Sterben liegenden Großmutter zuständig. Nach deren
       Tod trägt die Gemeinde in einem festlichen Trauerzug den Sarg singend zu
       Grabe.
       
       International bekannt wurde Tatiana Huezo 2021 [2][durch “Noche de Fuego“
       (dt.: Feuernacht)]. Ihr beeindruckendes Spielfilmdebut, das seine Premiere
       auf dem Filmfestival in Cannes feierte, erzählt vom Ende der Kindheit in
       einem von Drogenkartellen kontrollierten Dorf in einem Mohn-Anbaugebiet.
       Von Angst und Gewalt umgeben, versuchen die drei heranwachsenden Mädchen zu
       überleben und ihre Freundschaft zu verteidigen.
       
       Die Auseinandersetzung mit dem Trauma von Gewalt und Willkür prägt das Werk
       der 1972 geborenen Filmemacherin, die mit ihrer Familie in den 1980er
       Jahren vor dem Bürgerkrieg in El Salvador nach Mexiko floh.
       
       2016 zeigte das Forum auf der Berlinale ihren bewegenden Dokumentarfilm
       “Tempestad“, der vom organisierten Verbrechen in Mexiko handelt, ohne
       jedoch mediale Darstellungen von Leid und Gewalt zu reproduzieren. „Das
       Kino besteht für mich aus Bildern, Licht, Tempo und Emotionen. Mit Bildern
       konstruiere ich Diskurse. Das ist meine Art, mich den Geschichten zu
       nähern,“ erläuterte [3][Huezo im Interview].
       
       Auch ihr jüngster Film, der dokumentarische und inszenierte Szenen
       kombiniert, überzeugt als bildmächtige, vielschichtige Erzählung. In der
       Höhe von El Eco werfen die Bergwände die Rufe der Kinder zurück und die
       gewalttätigen Konflikte der Drogenkartelle scheinen weit entfernt,
       Nachrichten über Entführungen tauchen in den Gesprächen von Montse und
       ihrer Freundin nur in Nebensätzen auf.
       
       In Gummistiefeln und mit Mützen streifen die Jüngeren durch die noch saftig
       grünen Wiesen, retten ein verunglücktes Schaf aus dem Wasser oder sammeln
       Brennholz im Wald. Doch der Film lässt keinen Zweifel daran, dass die
       Lebensbedingungen in dieser betörend schönen Landschaft extrem
       herausfordernd sind und die Zukunftsperspektiven sehr begrenzt – besonders
       für Mädchen wie Sarahi, Luz Ma und Montse. Auf der Leinwand jedoch sind sie
       und ihre Wünsche präsent.
       
       17 Feb 2023
       
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 (DIR) Eva-Christina Meier
       
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