# taz.de -- Kunsthistorische Ausstellung in Wien: Möglichst echte alte Meister
       
       > Die frühe Reproduktionsfotografie schuf Ende des 19. Jahrhunderts einen
       > neuen Erwerbszweig und sie bedeutete einen Wendepunkt der
       > Kunstgeschichte.
       
 (IMG) Bild: „Die Jäger im Schnee“ (Pieter Bruegel d. Ä., 1565), Glasnegativ von Josef Löwy, 1889 (Ausschnitt)
       
       In vielen Museen ist es erlaubt, ein Smartphone mit in die Ausstellung zu
       nehmen. Warum auch nicht? Mögen die eingebauten Kameras inzwischen sehr gut
       sein, für eine kommerzielle Auswertung der damit erstellten Bilder bedarf
       es vor allem fachlicher Kenntnis. Das war Ende des 19. Jahrhunderts nicht
       anders. Eine feine Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien widmet
       sich den Anfängen der Reproduktionsfotografie als neuem Erwerbszweig und
       Wendepunkt der Kunstgeschichte.
       
       Vor Erfindung der Fotografie erfassten Gemäldesammlungen ihre Bestände
       meist ohne Illustrationen. In den Katalogen wurden nur ausgewählte Werke
       mit Holzschnitten und Kupferstichen reproduziert. Erst das Verfahren mit
       der Kollodium-Nassplatte machte es um 1850 möglich, viele Abzüge von einem
       Negativ zu erstellen und als Einzelbilder oder in Publikationen zu
       vermarkten.
       
       Der Umzug der kaiserlich-österreichischen Gemäldesammlung vom Schloss
       Belvedere in das damals von Gottfried Semper und Carl von Hasenauer [1][am
       Wiener Ring] errichtete neue Kunsthistorische Museum gab Anlass, Werke von
       Alten Meistern wie Caravaggio, Tintoretto und Rubens systematisch zu
       erfassen und dem breiten Publikum zugänglich zu machen.
       
       Tageslicht bot beste Bedingungen für perfekte Aufnahmen. Damit die Bilder
       beim Transport möglichst wenig Schaden nehmen, richtete der beauftragte
       Hoffotograf Josef Löwy im Garten vor dem Belvedere von 1888 bis 1891 ein
       temporäres Atelier ein.
       
       ## Die optimale Sonneneinstrahlung
       
       Wie der Pavillon ausgesehen hat, davon vermitteln in der Ausstellung
       technische Zeichnungen und ein Modell einen Eindruck. Eine große
       Balgenkamera war auf einer Drehscheibe montiert, sodass die zu
       fotografierenden Bilder nach der optimalen Sonneneinstrahlung ausgerichtet
       werden konnten. Zugleich ließ sich das Aufnahmegerät bei kleineren Gemälden
       oder für Detailaufnahmen näher an das Kunstwerk heranschieben.
       
       Zwei feuerfeste und ineinander verschiebbare Holzhütten überdachten die
       Kamera und dienten als Dunkelkammer, in der die lichtempfindlichen
       Fotoplatten unmittelbar vor und nach der jeweiligen Aufnahme präpariert
       wurden.
       
       Den qualitativen Unterschied zwischen Innen- und Außenaufnahmen
       veranschaulichen in der Ausstellung zahlreiche Gegenüberstellungen.
       Besonders gut zeigen sich die Unterschiede anhand zweier Aufnahmen von
       Michiel Coxcies Altarflügel „Vertreibung aus dem Paradies“ aus der Mitte
       des 16. Jahrhunderts. Auf der einen sind Partien der Oberkörper von Adam
       und Eva überbelichtet, während die Tiere zu ihren Füßen ebenso wie die
       Baumkronen durch flächiges Dunkel an Kontur verlieren. Die andere, am
       gleichen Tag entstandene Außenaufnahme zeichnen differenzierte
       Helligkeitswerte und Schärfe aus.
       
       Josef Löwy hatte ein Verfahren entwickelt, das die Farben eines Gemäldes in
       adäquaten Schwarzweißtönen wiedergab. Zudem ermöglichte die erzielte
       Tiefenschärfe Vergrößerungen von Details, die heute mit denen
       hochauflösender Digitalbilder vergleichbar sind. Eine Vorreiterrolle in der
       damaligen Reproduktionsfotografie nahm übrigens das Militär ein, es musste
       bei der Vervielfältigung von Karten schließlich besonders präzise arbeiten.
       
       Der besseren Verkäuflichkeit wegen war es üblich, offensichtliche Mängel
       auf Reproduktionen zu retuschieren. Hingegen lehnten die Kunsthistoriker
       jede Nachbearbeitung ab. Sie legten Wert auf exakte Kopien. Da nicht jedem
       Kunstwissenschaftler das Studium großer Sammlungen vor Ort möglich war,
       boten Fotografien von Exponaten nun eine gute Alternative.
       
       Die Kunstgeschichte verdankt der fotografischen Entwicklung wichtige
       Diskussionen zur Rezeption von Kunst und dem Medium. Bis [2][heute gilt
       etwa Walter Benjamins Aufsatz] über das Kunstwerk im Zeitalter seiner
       technischen Reproduzierbarkeit von 1935 als eine der maßgeblichen
       Untersuchungen zum Thema.
       
       Sämtliche Kosten für die dreijährige Kampagne oblagen übrigens Josef Löwy.
       Lediglich für das Wasser, das zum Entwickeln benötigt wurde, durfte er eine
       kaiserliche Leitung anbohren.
       
       18 Jan 2023
       
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