# taz.de -- Die Kunst der Woche: Unendliche Wappen
       
       > In der Ausstellung „Erzähl der Zeit“ bei Nagel Draxler zeigt Kalin
       > Lindena ihre Shaped Canvases, einen aufregenden Lampion und neu
       > definiertes Gestänge.
       
 (IMG) Bild: Die BVG dient hier nicht zur Anfahrt: Blick in Kalin Lindenas Ausstellung „Erzähl der Zeit“
       
       Es bedarf schon eines gewissen Maßes an Kühnheit, um seine Shaped Canvases
       wie Wappen aussehen zu lassen, ganz so, als sammelten sich hier die
       Insignien einer privaten Dynastie von bespannten Holzkumpanen. Fragt sich
       nur noch, was zuerst da war, der unerschrocken geformte Rahmen oder die
       frei der Nase nach zugeschnittene Leinwand.
       
       Vielleicht hat Kalin Lindena es der Zeit anvertraut, so deutet es der Titel
       ihrer Einzelschau bei [1][Nagel Draxler] am Rosa-Luxemburg-Platz an, die
       gleichzeitig ihr 20-jähriges Jubiläum mit der Galerie markiert. Für „Erzähl
       der Zeit“ hat sie die Räume der Galerie nicht nur mit ihren aktuellen
       Bildern bestückt, sondern auch bis zur Bürotheke mit skulpturalen
       Wegweisern bedacht. Bei einigen handelt es sich um minimalistische
       Metallskulpturen in kräftigem Gelb.
       
       Und dann ist da noch der Lampion aus Beton, der auf der Theke thront und
       den hiesigen Tanzball zu seinem Höhepunkt geleitet. Bei aller feinstaubigen
       Füllung ist er wunderbar haptisch und er variiert so subtil in den
       Farbverläufen im sonst so neutralen Baustoff, dass man ihn glatt umarmen
       will. Das macht tierischen Spaß. Und wenn dann das Bild dahinter auch noch
       „Tulpen und Narzissen“ heißt, ist klar, das einst Königliche trifft auf
       anarchistische Hoffnung.
       
       Denn bei Kalin Lindena kann alles ein legitimes Material sein. Es wird auf
       Stoff gebeizt: Die dunkel gehaltene Arbeit „den Versuch“ mit der
       wunderbaren orangenen Kante und der sanften Spirale am Rand und ihr rotes
       Pendant „Versuch über“ lassen sich vor dem inneren Auge wie zwei Hälften zu
       einem Emblem zusammenfügen. Statt einer Kutsche rattert hier im Übrigen die
       U-Bahn umher und das Gelb der Metallstangen wirkt plötzlich merkwürdig
       vertraut. Hielten wir uns nicht gerade auf dem unterirdischen Weg hierher
       noch an ihnen fest? Kalin Lindena aber erlaubt es uns mit ihrer Malerei,
       endlich loszulassen.
       
       7 Jan 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://nagel-draxler.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Noemi Molitor
       
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