# taz.de -- Psychiater über Prozess um Klinikmorde: Mörderischer Kostendruck
       
       > Mindestens 89 Patienten hat Pfleger Niels Högel getötet. Nun standen
       > seine Vorgesetzten vor Gericht. Psychiater Karl H. Beine über Fehler im
       > System.
       
 (IMG) Bild: Immer in Eile, kaum ein offenes Gespräch mit den Vorgesetzten: Pflegekräfte hetzen durch den Alltag
       
       Oldenburg, Weser-Ems-Halle, gerade ist in einem der Festsäle dieses
       Hallenkomplexes [1][ein wichtiger Strafprozess] zu Ende gegangen. Das
       fünfte Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit der [2][monströsen Mordserie
       des Krankenpflegers Niels Högel], der zwischen 1999 und 2005 an den
       Kliniken Oldenburg und Delmenhorst mindestens 89 Patient*innen ermordet
       hat. In vier Prozessen wurde er mehrfach zu lebenslangen Freiheitsstrafen
       verurteilt.
       
       Vier Prozesse, weil durch neue Ermittlungen immer mehr Todesfälle bekannt
       wurden, die mit Högel in Zusammenhang stehen könnten. Im Rahmen der
       Ermittlungen der Soko „Kardio“ wurden seit 2014 auf Dutzenden Friedhöfen
       134 Leichen exhumiert, um sie auf Rückstände der Medikamente zu
       untersuchen, mit denen Högel gemordet hat. 130 weitere seiner potenziellen
       Opfer waren feuerbestattet worden. Es wird ungeklärt bleiben, ob auch sie
       durch Högels Manipulationen gestorben sind.
       
       Nun waren seit Februar 2022 [3][sieben seiner ehemaligen Vorgesetzten in
       Oldenburg und Delmenhorst angeklagt] – wegen Beihilfe zur Tötung durch
       Unterlassen. Darunter der ehemalige Chefarzt der Herzchirurgie, die
       Pflegedienstleiterin und der damalige Geschäftsführer des Klinikums
       Oldenburg. Begleitet wurde der Prozess von 18 Strafverteidigern,
       Strafkammer und Staatsanwaltschaft. Das Landgericht Oldenburg hatte extra
       eine Außenstelle dafür eingerichtet, in dieser Halle, in der sonst Abibälle
       stattfinden, Konzerte, ursprünglich vor allem Viehauktionen.
       
       17 Jahre nach dem letzten Mord Högels im Klinikum Delmenhorst ist die
       juristische Aufarbeitung dieser beispiellosen Mordserie mit diesem Prozess
       beendet worden. Alle Angeklagten wurden freigesprochen, weil man ihnen
       nicht nachweisen konnte, dass sie von Högels Taten wussten und dennoch
       nichts dagegen unternahmen. Beihilfe zur Tötung durch Unterlassen setzt
       Vorsatz voraus, der konnte ihnen nicht nachgewiesen werden.
       
       An den 29 Verhandlungstagen immer mit im Zuschauerraum: Karl H. Beine, bis
       2021 Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität
       Witten/Herdecke. Beine erforscht Mordserien an Krankenhäusern. Nach dem
       Freispruch sprechen wir in einem Hotel gegenüber der Weser-Ems-Halle über
       mordende Pfleger, das beschädigte Gesundheitssystem in Deutschland und über
       die Bedeutung dieses Prozesses.
       
       taz am wochenende: Herr Beine, seit Februar haben wir uns immer wieder in
       diesem Saal getroffen. Das Verfahren gegen Högels frühere Vorgesetzte ist
       der Schlusspunkt für die Aufarbeitung der Mordserie. Wie wichtig war dieser
       Prozess aus Ihrer Sicht? 
       
       Karl H. Beine: Es war das erste Mal, dass in Deutschland ein Prozess gegen
       Verantwortliche geführt wurde, in deren Bereich solche Tötungsserien
       geschehen sind. Ich halte es für fundamental wichtig, dass er stattgefunden
       hat, weil damit klar geworden ist, dass persönliche Verantwortung für die
       Sicherheit der Patienten auf keiner Hierarchieebene delegierbar ist. Das
       fängt bei den unmittelbaren patientennahen Berufsgruppen an, Pflegern und
       Ärzten, und endet – das sage ich mit Ausrufezeichen – bei der
       Geschäftsführung.
       
       Der Geschäftsführer ist in einem großen Krankenhaus aber doch weit weg vom
       Pfleger am Patientenbett? 
       
       Könnte man denken, und das ist auch das, was die Verteidigung hier immer
       wieder vermittelt hat: Was hat unser Mandant damit zu tun? Dabei hat dieser
       Prozess deutlich gezeigt, wie nah der Mann am Geschehen dran war.
       
       Vor dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft wurde im Gerichtssaal ein Telefonat
       abgespielt, das während der Ermittlungen gegen Pflegestationsleiter Bernd
       N. aufgezeichnet worden war. N., der als Vorgesetzter Högels angeklagt war,
       hatte auf Geheiß des ebenfalls angeklagten Chefs der Herzchirurgie eine
       Liste erstellt – mit den Namen der diensthabenden Pflegekräfte und den
       Todesfällen bei Reanimationen. Högel führte jene Liste mit 18 Todesfällen
       weit abgeschlagen an. 
       
       Seit 1999 hat er Patienten umgebracht, indem er ihnen heimlich nicht
       indizierte Mittel verabreichte. Kalium, Gilurytmal, Sotalex, Xylocain und
       Cordarex: Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen, deren Missbrauch tödlich
       enden kann. Högel spritzte sie und verließ die Zimmer. Sobald die
       Warnsignale der Geräte, an die die Patienten angeschlossen waren, Alarm
       schlugen, versuchte er, die Menschen wiederzubeleben. Gelang das, wurde er
       gelobt. Oft aber gelang es nicht. Das sind Högels Todesopfer. 
       
       In dem abgehörten Telefongespräch erzählt Pflegestationsleiter N. einem
       Bekannten, wie er den Geschäftsführer des Klinikums auf Högel hingewiesen
       und gesagt habe, jetzt müsse man doch die Polizei benachrichtigen. Der
       Geschäftsführer habe das jedoch verhindert. „Jetzt reicht es aber“, habe
       der gesagt, es gebe doch keine Beweise. [4][Der Geschäftsführer war also
       mit den Vorgängen vertraut, hat aber nichts unternommen.] Deshalb war er
       nun angeklagt. Die Staatsanwältin hat in ihrem Plädoyer für Freispruch
       plädiert. Einige der Angeklagten hätten zwar Schuld auf sich geladen, die
       sei aber nicht justiziabel. Fahrlässiges Handeln hätte juristisch bestraft
       werden können, verjährt aber nach fünf Jahren. In diesem Prozess ging es um
       Taten, die sich von 1999 bis 2005 erstreckten. 
       
       Allein das Zustandekommen dieses Prozesses hat klargemacht, dass
       Patientensicherheit in Krankenhäusern absolute Priorität haben muss. Es
       kann und darf nicht primär um die sprichwörtliche schwarze Null und den Ruf
       des Hauses gehen, die qualifizierte Versorgung von Patienten muss im
       Mittelpunkt stehen. Das muss auch demjenigen klar sein, der die Geschäfte
       eines Krankenhauses führt. Auch deshalb dürfte dieser Prozess in vielen
       Chefetagen deutscher Krankenhäuser mit gespanntem Interesse verfolgt worden
       sein. 
       
       Sind Geschäftsführer von Krankenhäusern zu sehr auf die ökonomischen
       Bilanzen bedacht? Und das Patientenwohl bleibt dabei auf der Strecke? Kann
       man das so einfach sagen? 
       
       Krankenhäuser in Deutschland sind primär an der Erlössituation orientiert.
       Der archimedische Punkt an einer Klinik ist die schwarze Null oder der
       Gewinn. Alles andere richtet sich danach aus. Die Personalausstattung
       kommt, was Krankenschwestern und -pfleger angeht, heute der gleich, wie sie
       Mitte der 1990er Jahre gewesen ist, und das mit sehr viel mehr Patienten,
       die bei kürzeren Liegezeiten durch die Krankenhäuser geschleust werden.
       
       Weil ich ja aus dem Ruhrgebiet komme, sage ich immer: Wenn Sie in Essen aus
       dem Zug steigen, 50 Jahre sind oder älter, humpeln Sie nicht, weil sich im
       Umkreis von 25 Kilometern mindestens 60 Kliniken finden, die künstliche
       Hüftgelenke einbauen wollen. Diese Kliniken konkurrieren alle miteinander
       um den gleichen Patienten, weil eine solche Operation lukrativ ist. Die
       einzelnen Krankenhäuser sind durch die Jünger des Marktes in diese
       Situation gezwungen worden. Es geht nicht um eine wissenschaftlich basierte
       oder um eine auf Krankheiten bezogene Planung.
       
       Wie ist das im Zusammenhang mit den Taten Högels und seinen angeklagten
       Vorgesetzten zu betrachten? 
       
       Pflegerinnen und Pfleger müssen ihre Arbeit unter hohem Zeitdruck
       erledigen, dadurch sind sie fehleranfälliger, als wenn sie Muße und Ruhe
       hätten. Möglich, dass es einfach unterging, was sich dort zutrug. Und ein
       eh schon überlasteter Mitarbeiter ist auch nicht scharf darauf, sich
       zusätzlichen Stress ans Bein zu binden, indem er eine suspekte Beobachtung
       weitergibt und einen Kollegen nach oben meldet. Was, wenn sich der Hinweis
       als falsch entpuppt? Das kann sehr unangenehm sein. In Oldenburg standen zu
       der Zeit, als Högel dort tätig war, die Verantwortlichen, insbesondere die
       Geschäftsführung, eh gehörig unter Druck. Das Haus war bereits in einer
       schwierigen Lage wegen mehrerer tragischer Pannen und Unglücke.
       
       Nämlich? 
       
       Es gab das Oldenburger Baby, einen Jungen, der 1997 im Klinikum eine
       misslungene Abtreibung überlebte und anschließend mehrere Stunden ohne
       medizinische Versorgung blieb. Damit machte das Klinikum bundesweit
       Schlagzeilen. Dann kam es 2001 zu einem Hygiene-Skandal, Patienten starben
       durch verkeimtes Kontrastmittel, und wieder machte das Klinikum
       Schlagzeilen. Beide Male gingen die Belegungszahlen zurück, die
       Erlössituation verschlechterte sich. Und dann verhält sich genau in dieser
       Krise ein Pfleger gefährlich. Alle sehen es, es gibt Gerüchte, es gibt
       Hinweise. Aber niemand von den hochdotierten Führungsleuten redet offen mit
       diesem Mann. Nicht der Chefarzt, der etwas wittert, nicht der
       Geschäftsführer, nicht die Pflegedienstleiterin.
       
       Eine Schlüsselszene in diesem Prozess war der Moment, als sich die
       Pflegedirektorin an Niels Högel wandte, der als bereits verurteilter Mörder
       eine Zeugenaussage machte. Es war das einzige Mal, dass sich jemand von den
       Angeklagten vor Gericht überhaupt zu Wort meldete. Högel schilderte gerade,
       welche Probleme er seinerzeit hatte: die Trennung von seiner Frau,
       Einsamkeit, Alkohol, Überlastung. Da meldete sich die Pflegedirektorin, die
       Chefin aller Pflegerinnen und Pfleger, also auch Högels damalige
       Vorgesetzte, und sagte: „Aber ich bin doch die Schwester der Schwestern.
       Sie hätten jederzeit zu mir kommen können. Warum sind Sie denn nicht zu mir
       gekommen? Wir hätten eine Lösung gefunden.“ Was kann man an diesem Einwurf
       im Gerichtssaal erkennen? 
       
       Bitte beachten Sie, wie Högel reagierte. Er drehte sich zu der Frau um und
       sagte: „Sollte ich zu Ihnen kommen und sagen, dass ich Leute umbringe?“ Ich
       hatte in jenem Moment den Eindruck, dass diese Pflegedienstleitung ihre
       Aufgabe ebenso wohlmeinend wie naiv erledigte, dabei aber nicht gesehen und
       nicht gespürt hat, wie riesengroß ihre Distanz zur realen Lebenswelt ihrer
       Untergebenen war, als deren fürsorgliche Schwester sie sich sah. „Schwester
       der Schwestern“, damit meinte sie ja: eine von ihnen, den Pflegerinnen und
       Pflegern.
       
       Aber Högel hätte ja tatsächlich zu ihr kommen können. 
       
       Da wird aber doch Verantwortung delegiert! Der Betroffene soll Rat suchen –
       warum kommt er denn nicht? Vorgesetzte müssen erst einmal Strukturen und
       eine Atmosphäre schaffen, in der das überhaupt denkbar ist. Allein zu
       sagen, „Sie hätten doch zu mir kommen können“, hilft höchstens der
       Vorgesetzten weiter.
       
       Sie sagten eben, Verantwortliche müssten in solchen Situationen ihrer
       Verantwortung gerecht werden und handeln. Aber wie denn? 
       
       Indem sie nicht wegsehen oder unangenehme Gespräche wegdelegieren, sondern
       Hinweisen nachgehen, von sich aus nachfragen, mit ihrem Personal reden,
       aufklären.
       
       Was wäre denn konkret im Fall Niels Högel richtig gewesen, nachdem es erste
       Auffälligkeiten gab, etwa die hohe Zahl an Todesfällen in seinen Schichten? 
       
       Nicht warten, bis der Pfleger selbst kommt und reden möchte, sondern das
       direkte Gespräch suchen, die Auffälligkeiten behutsam ansprechen, Hilfe
       anbieten. Schon alleine eine Rückmeldung wie „Niels, uns ist da dieses und
       jenes aufgefallen – können wir, müssen wir, sollen wir irgendwas tun?“
       hätte vielleicht schon etwas bewirkt. Das wäre eine Hemmschwelle gewesen,
       weil er registriert hätte: Oh, ich bin aufgefallen. Stattdessen werden
       solche Ahnungen unter den Teppich gekehrt, um nicht neue Schlagzeilen zu
       produzieren.
       
       Högel wurde zur Kündigung gedrängt, bekam ein gutes Zeugnis, bewarb sich
       damit in Delmenhorst – und mordete dort weiter. 
       
       Erst wurde er auf eine andere Station im Oldenburger Klinikum verschoben,
       weg aus der Herzchirurgie, weil der Chefarzt ihn nicht mehr um sich haben
       wollte, dann wurde er aus dem Klinikum gedrängt. Also: Weg von mir, weg von
       uns!
       
       Ist möglicherweise die Angst bei diesen Führungskräften zu groß, jemandem
       etwas Falsches anzulasten? 
       
       Ja, sicher. Es ist die Frage, wie ich ein solches Gespräch führe. Das muss
       ja nicht konfrontativ-vorwurfsvoll sein. Wenn man das macht, ohne
       Verdächtigungen auszustoßen, wenn man dem Gesprächspartner signalisiert,
       dass man sich für sein Befinden interessiert, wird es häufig gelingen, eine
       Verhärtung zu verhindern. Und es wird in vielen Fällen gelingen, einen Weg
       zu finden, den man gemeinsam gehen kann und der verantwortlich ist im Sinne
       der Patientensicherheit.
       
       Solche Gespräche muss man führen können. Lernen Führungskräfte in
       Krankenhäusern so etwas? 
       
       Nein, das lernen sie nicht. Entweder man bringt dieses Talent mit oder
       nicht. Besonders gefährlich sind die, die es nicht können, aber meinen, es
       zu können, und dann Gespräche führen, die besser unterblieben wären. Aber
       man kann auch auf die Idee kommen, sich beraten zu lassen – wenn die Bilanz
       nicht stimmt, machen sie das ja sofort.
       
       In diesem Fall war es ein Chefarzt, der etwas spürte und, anstatt mit dem
       Pfleger zu reden, den Mann loswerden wollte. Nach welchen Kriterien werden
       Chefärzte eigentlich ausgewählt? 
       
       „Der kann gut operieren“: Das ist das Kriterium. Die von Rudolf Virchow
       stammende Weisheit, dass die Medizin eine soziale Wissenschaft ist, ist
       ziemlich ins Hintertreffen geraten in den letzten 30, 40 Jahren. Die
       Führungskompetenz von Chefärzten ist ein Einstellungskriterium, das relativ
       wenig Beachtung findet. Aber ich will es nicht verhehlen: Auch ich will
       mich lieber von einem unsympathischen, technisch hochversierten
       Kardio-Chirurgen operieren lassen, als von jemandem, der völlig empathisch
       ist, aber nicht operieren kann.
       
       Empathie hätte hier aber vielleicht geholfen. Gibt es für Leute, die
       aufgrund ihrer herausragenden operativen Fähigkeiten ausgewählt werden,
       denn nicht Fortbildungsmöglichkeiten auf diesem ganz anderen, weicheren
       Sektor? 
       
       Die gibt es reichlich. Aber es sind freiwillige Veranstaltungen, die man
       nicht besuchen muss. In heutigen Krankenhäusern sind andere Dinge gefragt
       als die, über die wir jetzt hier reden. In dem Augenblick, in dem ich ein
       Krankenhaussystem dem Markt überantworte und aus einem Phänomen, das früher
       mal Gesundheitswesen hieß, eine Gesundheitswirtschaft mache, muss ich mich
       nicht wundern, dass die Geister, die ich gerufen habe, auch wirklich
       kommen. Und die sind jetzt da. Mehr als 30 Prozent der Krankenhäuser in
       Deutschland sind mittlerweile privatisiert und auf ökonomische Leistung
       getrimmt.
       
       Lassen Sie uns über Ihre Forschung zu dem Thema sprechen. Sie haben sich
       intensiv damit beschäftigt, warum Pfleger und Pflegerinnen morden. In einem
       Aufsatz, den Sie neulich publiziert haben, geht es um zwölf Mordserien in
       Deutschland. Welche Typen von Pflegern begehen solche Mordtaten? Warum
       passiert das immer wieder? 
       
       Was alle Täter eint, ist eine weit überdurchschnittlich hohe
       Selbstunsicherheit. Sie sind wenig überzeugt vom eigenen Wert, zweifeln an
       sich selbst und sind demzufolge stark angewiesen auf Lob, auf Anerkennung
       von außen. Zugleich genießen helfende Berufsgruppen ein vergleichsweise
       hohes Ansehen. Und junge Leute, die mit wenig Selbstbewusstsein
       aufgewachsen sind, hoffen unbewusst darauf, dass auch sie ein bisschen von
       dem Glanz, der auf Mutter Teresa gestrahlt hat, abkriegen.
       
       Eine Hoffnung, die im Arbeitsalltag enttäuscht wird? 
       
       Die Realität ist das krasse Gegenteil davon. Nicht alle Patienten sind nett
       und freundlich und dankbar. Nicht alle Kollegen sind kollegial. Es gibt
       Konflikte und Belastungen. In dieser Lage vermengt sich das
       Selbstwert-Problem mit der eigenen Scham wegen dieses Defizits. Solche
       Menschen öffnen sich für gewöhnlich nicht, suchen keine Hilfe, nicht das
       Gespräch. Und dann kann sich im Laufe der Zeit diese Selbstunsicherheit so
       auswirken, dass sich jemand Sensationen verschafft. Das ist der Typ Niels
       Högel. Das hat es in diesem Ausmaß vorher nicht gegeben. Er suchte Glanz,
       indem er Menschen in die Lage versetzte, von ihm wiederbelebt zu werden.
       Das ist ein Mensch, der diesen Beruf nicht zuletzt deshalb ergriff, um
       seinen eigenen labilen, unzureichend ausgewickelten Selbstwert zu
       stabilisieren und sich groß zu fühlen.
       
       Sie sprechen hier also konkret von Niels Högel? 
       
       Konkret von Niels Högel. Diese vordergründige, flüchtige
       Selbstwert-Stabilisierung, die hat er über erfolgreiche Reanimationen
       erfahren, die er selbst zuvor provoziert hatte.
       
       Wie ist es sonst, bei anderen? 
       
       Der wesentlich häufigere Typ ist der, der nicht gesehen wird von
       Kolleginnen und von Vorgesetzten. Meldungen über absonderliches Verhalten
       versickern, und diese Menschen geraten dann über lange Zeit in eine
       Situation, in der sie das eigene Leiden an sich selbst in Konfrontation mit
       dem Leiden des Patienten, dem es schlecht geht, nicht mehr
       auseinanderhalten können. So verschmilzt das eigene Leiden mit dem fremden
       und das fremde mit dem eigenen. Eine Krankenschwester, die in Berlin
       Patienten ermordet hat, hat es so ausgedrückt: Mir geht es schlecht und Dir
       geht es schlecht, und bei Dir mache ich damit nun Schluss. Das ist
       prototypisch für diesen Tätertypus.
       
       Als Patient oder Angehöriger kriegt man das gedanklich nicht zusammen, man
       denkt: Das sind doch die, die helfen wollen. 
       
       Das trifft ja auch auf fast alle Pflegekräfte zu. Einen Generalverdacht
       kann und darf es nicht geben. Umso wichtiger, dass diejenigen, die aus dem
       Ruder laufen, frühzeitig gesehen und gestoppt werden. Es sind eben nicht
       alle Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten, direkte Nachfahren von
       Florence Nightingale oder Albert Schweitzer. Da laufen nicht nur gute und
       edle Menschen rum – wie überall. Aber guten und kompetenten Menschen
       vertrauen wir unsere Angehörigen an, und im Krankheitsfall gehen wir selber
       dahin.
       
       Diese Berufsgruppen sind diejenigen, von denen ich am wenigsten erwarte,
       dass sie mir Leid zufügen. Die Arglosigkeit von Patientinnen und Patienten
       und Angehörigen ist in einem Krankenhaus größer als an jedem anderen Ort.
       Auch deshalb gibt es keinen idealeren Tatort. Gestorben wird da sowieso,
       Tode fallen nicht weiter auf. Die Tatausführung sieht aus wie eine
       pflegerische oder medizinische Verrichtung und die Mordwerkzeuge liegen
       überall herum.
       
       In dem Moment, in dem sie diese Mordwerkzeuge anwenden, sind die Pfleger
       Einzeltäter. Wie Niels Högel. Was müsste sich ändern, um so etwas zu
       verhindern? 
       
       Die Grundvoraussetzung ist das Wissen um solche Morde, also Aufklärung, und
       vor allem auch Zeit. Zeit, die Pflegerinnen und Pfleger brauchen im Umgang
       mit Patientinnen und Patienten, und Zeit, die sie brauchen für
       Beobachtungen und zum kollegialen Austausch. Zeit für Fortbildungen, Zeit
       zum Durchatmen. Zeit auch für Verantwortliche, für ihre Leute da zu sein.
       Das ist das, was fehlt.
       
       Stand früher mehr Zeit für all das zur Verfügung? 
       
       Natürlich, das hat sich zurückentwickelt. Fragen Sie mal Ärzte oder
       Pflegerinnen im Ruhestand. Die sagen eigentlich alle, dass Krankenhäuser
       heute Orte sind, an denen es nicht mehr um den Menschen und seine
       Bedürfnisse geht. Patienten sind Fälle, die abgearbeitet werden müssen.
       Solange die Pflege und die Medizin so entwertet werden und Pflegerinnen und
       Pfleger das Gefühl haben, sie sind nichts anderes als Kostenfaktoren auf
       zwei Beinen, solange wird sich das nicht ändern.
       
       Der Beifall von den Balkonen in Zeiten der Pandemie ist schön und nett,
       aber das, was de facto jeden Tag vor Ort passiert, das will niemand sehen
       und hören. Katastrophale Arbeitsbedingungen sind das, und die Beschäftigten
       laufen reihenweise weg aus den Krankenhäusern, weil sie es nicht aushalten.
       Unsere Gesundheitspolitik versagt erbärmlich. Wenn die Kommunen im
       Angesicht von Defiziten ihre Krankenhäuser verkaufen, weil sie die
       Daseinsfürsorge nicht mehr leisten wollen, dann ist es so wie das Verhalten
       des Geschäftsführers des Oldenburger Klinikums in Sachen Niels Högel: Bloß
       weg von uns, wir wollen das Problem aus unserer Welt schaffen.
       
       In diesem Prozess wurde wenig über Angehörige und Hinterbliebene
       gesprochen, von denen einige im Saal saßen. Was meinen Sie, wie gehen die
       damit um, dass das Verhalten der Angeklagten ungesühnt bleibt? 
       
       Manche werden den Glauben an die Justiz verloren haben. Ich kenne mehrere,
       die sich verbittert abgewendet und die Verhandlungen nicht mehr verfolgt
       haben. Und es wird welche geben, die sagen: „Gott sei Dank, dass das
       wenigstens stattgefunden hat, dass die sich hier rechtfertigen mussten“.
       Das sind Erfahrungen, die wir alle nicht kennen. Stellen Sie sich eine
       Witwe vor, Mutter dreier Kinder, deren Mann in einem Bremer Krankenhaus lag
       und dort nicht gut behandelt wurde. Sie sorgt dafür, dass ihr Mann nach
       Delmenhorst kommt – und dann wird der dort umgebracht. Man kann nicht
       ermessen, was in dieser Frau vorgeht, wie alleingelassen sie ist mit ihrem
       Leid. Wenn sie nun sieht, dass die Verantwortlichen straffrei ausgehen,
       wird sie wohl keine Lobeshymnen auf die deutsche Justiz und die
       Krankenhäuser singen.
       
       30 Oct 2022
       
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       Schmerz- und Beruhigungsmitteln getötet haben, um ruhigere Nachtschichten
       zu haben.
       
 (DIR) Dokumentarfilm „Jenseits von Schuld“: Wenn das eigene Kind getötet hat
       
       Niels Högel tötete als Krankenpfleger mindestens 87 Menschen. Der Film
       „Jenseits von Schuld“ portraitiert seine Eltern und ihren Umgang mit den
       Taten.
       
 (DIR) Gedenken an Niels Högels Opfer: Christian Marbach will Aufarbeitung
       
       Sein Großvater wurde 2003 im Klinikum Delmenhorst ermordet. Über 20 Jahre
       später weiht Christian Marbach ein Denkmal vor der Klinik ein.
       
 (DIR) Prozess um Morde an Patienten: Ein Lügner als wichtigster Zeuge
       
       Im Prozess gegen seine Ex-Vorgesetzten sagt Niels Högel aus. Sie sollen
       Mitschuld an den Morden an 85 Patienten tragen, für die er verurteilt
       wurde.
       
 (DIR) Mordender Krankenpfleger Högel: Ein paar Morde übersehen
       
       Das Landgericht Oldenburg verhandelt gegen die ehemaligen Vorgesetzten des
       Krankenpflegers Niels Högel, der eine Vielzahl von Patienten ermordete.
       
 (DIR) Vorgesetzte von Serienmörder Niels Högel: Anklage nur in drei Fällen
       
       Ehemalige Vorgesetzte des Serienmörders sind wegen Totschlags angeklagt.
       Das Oberlandesgericht Oldenburg lässt aber nur wenige Fälle zur Klage zu.