# taz.de -- Sexueller Missbrauch im US-Frauenfußball: Vertuschen mit System
       
       > Eine Studie zum sexuellen Missbrauch in der höchsten US-Frauenfußballliga
       > stellt Verbänden und Vereinen ein miserables Zeugnis aus.
       
 (IMG) Bild: Das Wohl der Profifußballerinnen war für die Funktionäre in den USA zweitrangig
       
       Mehr als 89.000 Dokumente sind für diese Studie gesichtet worden. Die
       Hinweise auf sexuellen Missbrauch in der National Women’s Soccer League
       reichen schließlich weit zurück. [1][Und so ist die Studie], die vom
       nationalen Verband, der United States Soccer Federation (USSF), vor einem
       Jahr in Auftrag gegeben und nun am Montag vorgestellt wurde, auch ein
       Dokument dafür, wie zäh, langwierig und hindernissreich die Aufarbeitung
       von sexualisierter Gewalt im Sport ist.
       
       Sechs Jahre hat es etwa gedauert, bis die Vorwürfe gegen den Trainer Paul
       Riley, der den zweimaligen Titelträger North Carolina Courage betreute,
       ernst genommen wurden. Erst als zwei Spielerinnen sich im Herbst
       vergangenen Jahres an die Presse wandten, wurde vom Fußballverband und der
       Liga Handlungsbedarf erkannt. Zumal unmittelbar danach Spielerinnen anderer
       Vereine Anklagen wegen missbräuchlichen Verhaltens erhoben. Fünf von zehn
       Trainern in der NWSL wurden wegen entsprechender Vorwürfe entlassen. Die
       Liga-Chefin Lisa Baird trat zurück, nachdem ihr vorgeworfen wurde, Hinweise
       nicht beachtet zu haben.
       
       Sally Yates, die ehemalige, 2017 von Trump entlassene Justizministerin,
       welche mit der Leitung der Studie beauftragt wurde, schrieb im Resümee:
       „Unsere Untersuchung hat eine Liga in Augenschein genommen, in der
       Missbrauch und Fehlverhalten – verbaler und emotionaler Missbrauch und
       sexuelles Fehlverhalten – systemisch geworden waren und mehrere Teams,
       Trainer und Opfer umfassten.“
       
       Diese Erkenntnis allein mag diejenigen, die sich mit der Liga näher befasst
       haben, kaum überraschen. [2][Bereits die Spielerinnengewerkschaft NWSLPA
       sprach vor einem Jahr] angesichts des Ausmaßes der Vorwürfe
       naheliegenderweise von „systemischem Missbrauch“. Die Auswertung der
       Gespräche mit über 200 befragten Personen sind zweifellos „herzzerreißend“,
       wie es die Fußballverbandspräsidentin Cindy Parlow nun in einer ersten
       Stellungnahme formulierte. Besonders alarmierend jedoch ist die jahrelange
       Ignoranz der Vereine, der Liga und des Fußballverbandes.
       
       ## Verweigerte Kooperation
       
       Wie die Studie feststellt, sorgten sich die Verantwortlichen trotz
       konkreter Hinweise auf sexuelle Gewalt nicht um das Wohl ihrer
       Spielerinnen, sondern um die Vermeidung von Verleumdungs- und
       Arbeitsrechtsklagen. So konnten Trainer, die Spielerinnen vergewaltigten,
       von Team zu Team wechseln „getarnt durch Pressemitteilungen, in denen ihnen
       für ihre Dienste gedankt wurde“. So steht im Empfehlungskatalog der Studie
       nicht zufällig an erster Stelle die Forderung, die Klubs sollten dazu
       verpflichtet werden, Fehlverhalten von Trainern gegenüber der NWSL und dem
       nationalen Verband offenzulegen, damit diese nicht an anderer Stelle ihre
       Verbrechen fortsetzen können.
       
       Das dafür nötige Problembewusstsein in den Vereinen scheint aber gerade
       dort nicht vorhanden zu sein, wo es besonders wichtig wäre. Wie die Studie
       hervorhebt, hätten mit den Portland Thorns, Racing Louisville FC und die
       Chicago Stars drei Vereine nicht mit den Ermittlern kooperiert. Die
       genannten Klubs standen wegen besonders schwerer Vorwürfe im Fokus.
       
       Beim nationalen Verband dagegen ist man bemüht, den Willen zum Handeln zu
       demonstrieren. Die US Soccer Federation kündigte als Sofortmaßnahme unter
       anderem die Eröffnung eines Büros an, das die Sicherheit der Spielerinnen
       überwachen soll. In einer zentralen Datenbank sollen zudem Personen erfasst
       werden, gegen die Disziplinarverfahren, Suspendierungen oder Sperren
       ausgesprochen werden. Zuverlässigkeitsüberprüfungen soll es künftig auch im
       Jugendfußball geben.
       
       Freilich ist sexuelle Gewalt [3][kein ligaspezifisches Problem] der
       National Women’s Soccer League. In der Studie heißt es: Einige der Trainer,
       deren Verhalten wir untersucht haben, hatten bedeutende Verbindungen zum
       Jugendfußball. Der Missbrauch im Frauenfußball sei tief verwurzelt.
       
       4 Oct 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://int.nyt.com/data/documenttools/full-report-soccer-abuse/91e8cbcf0cd27905/full.pdf
 (DIR) [2] /Sexualisierte-Gewalt-im-US-Fussball/!5801524
 (DIR) [3] /Frauenfussball-und-sexuelle-Gewalt/!5866324
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johannes Kopp
       
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