# taz.de -- Braunkohleförderung in NRW: Das Dorf kommt weg
       
       > Lützerath im Braunkohlerevier Garzweiler wird nun doch abgegraben. In die
       > Enttäuschung vor Ort mischt sich vor allem Wut auf die Grünen.
       
 (IMG) Bild: Die Wüste rückt näher: Blick auf die verbliebenen Häuser der Ortschaft Lützerath im Oktober 2021
       
       Lützerath und Aachen taz | Was wird aus Lützerath, dem winzigen Ort und
       gleichzeitig riesigen Klimaschutz-Symbol? Die Vorhersagen waren über Monate
       unklar. Am Wochenende hat der Landwirt Eckhard Heukamp nach dem
       Zwangsverkauf seines Hofes dann die Schlüssel abgeben müssen. RWE ist jetzt
       Eigentümer des gesamten Ortes und hat ab sofort das Recht zur
       Inbesitznahme, wie das auf Juradeutsch heißt.
       
       Am Dienstagmorgen kam die Entscheidung der Politik: Kohleausstieg wie
       vielfach erwartet bis 2030 statt 2038, aber Lützerath muss dann doch weg,
       wegen Energiesicherheit und Gaskrise. RWE feiert sich dafür als eine Art
       Klimahelden: „Die langfristige CO2-Bilanz des Unternehmens wird sich so
       noch einmal erheblich verbessern“, schreibt Vorstandschef Markus Krebber.
       
       Der indirekte Kriegsgewinnler ergänzt: Die Kohle unter Lützerath werde
       benötigt, „um die Braunkohlenflotte in der Energiekrise mit hoher
       Auslastung zu betreiben“. Dabei ist nach jetzigem Stand gar nicht die
       klimakillende Kohle so wichtig, sondern der Abraum. Damit müssen die
       Böschungen auf viele Kilometer Breite wie Länge weit abgeflacht werden.
       
       Es sind Böschungen, die der Konzern in den vergangenen Monaten ohne
       erkennbare Not auffallend nah und steil von zwei Seiten um den Ort
       Lützerath herumgegraben hat. „Eine Machtdemonstration“, sagt
       Antikohleaktivist und Naturführer Michael Zobel, „von wegen: Es werden bis
       zur Entscheidung keine Fakten geschaffen, wie alle immer sagten. Das
       Gegenteil war der Fall.“
       
       ## Enttäuscht von den Grünen
       
       Die [1][Mahnwache Lützerath twitterte umgehend], die Grünen Robert Habeck
       und Mona Neubauer, Wirtschaftsminister in Bund und -ministerin im Land,
       hätten „endgültig ihre Masken fallen gelassen und zusammen mit ihren
       NRWE-Buddy Krebber die Zerstörung von Lützerath verkündet“. NRWE ist die
       Szeneabkürzung für den Zusammenschluss von NRW und dem Essener Unternehmen.
       
       Andrea von der Mahnwache sagt der taz, man habe immer damit rechnen müssen,
       „aber in dem Moment, wo du die Entscheidung vorgesetzt bekommst, ist das
       schon ein Schlag ins Gesicht“. Die Stimmung sei „sehr bedrückt,
       mindestens“. Sie selbst habe, fügt sie mit ironischer Bitterkeit hinzu,
       „jetzt gleich die ehrenvolle Aufgabe, eine Schulklasse hier herumzuführen.
       Aber eigentlich hab ich dafür gar keinen Kopf.“
       
       Dass grüne Amtsträger jetzt Lützeraths Ende mitverantworten, stößt
       besonders auf. Dass einige vereinzelte Höfe am hinteren Rand der Gemarkung
       Lützerath erhalten bleiben, „feiern die Grünen jetzt noch als Erfolg“,
       schimpft ein anderer vom Team Mahnwache, „dabei waren diese Höfe ohnehin
       nie im genehmigten Betriebsplan III“. Somit würden Habeck, Neubaur & Co
       sich etwas ohne Bedeutung gutschreiben.
       
       Michael Zobel sagt, er sei „maßlos enttäuscht“ und erwäge seine grüne
       Parteimitgliedschaft aufzukündigen. „Ich ringe noch mit mir.“ An dem „Ort,
       den Greta Thunberg heiliggesprochen hat“, so der Spiegel über den
       [2][Besuch der schwedischen Klimakämpferin] in Lützerath 2021, stünden
       jetzt „ausgerechnet die Grünen auf der anderen Seite“.
       
       ## Gradmesser für grüne Glaubwürdigkeit
       
       Wie nachhaltig wird ein Crash zwischen Grünen und der Klimabewegung? Buirer
       für Buir, jene Initiative, die 30 Kilometer südlich so aufopfernd und
       erfolgreich für den Hambacher Wald kämpfte, schreiben: Lützerath bleibe
       Gradmesser für grüne Glaubwürdigkeit.
       
       Halt, ist nicht Antje Grothus eine der Gründerinnen von Buirer für Buir und
       jetzt grüne Abgeordnete in Düsseldorf? „Wirklich kein einfacher Tag für
       mich. Das hat mich kalt erwischt. Der endlich gesicherte Kohleausstieg 2030
       ist eine gute Nachricht. Für Lützerath haben wir immer gekämpft. Die
       Thematik bleibt unglaublich komplex, auch für mich selbst.“
       
       Todde Kemmerich, lange Jahre im rheinischen Braunkohlekampf aktiv und
       Mitglied der Aachener Gruppe Artists for Future, ist empört vor allem über
       die grüne Wortwahl: „Das ist kein Meilenstein für den Klimaschutz, sondern
       ein Einknicken vor Großkonzernen wie RWE und Co. Dass Bundes- und
       Landesministerien mit Rechtslagen, Genehmigungen und Realitäten
       argumentieren, ist kaum auszuhalten.“ Entscheidende Realität sei die
       anstehende Klimavernichtung.
       
       Auch Kathrin Henneberger, die junge Mönchengladbacher Grünen-Abgeordnete im
       Bundestag, früher Sprecherin des Aktionsbündnisses Ende Gelände, schimpft
       auf RWE. Dieses sei nicht wirklich verhandlungsbereit gewesen, schreibt sie
       auf Twitter. Es gelte weiter, um jede Tonne nicht verbrannte Kohle zu
       kämpfen. Und, klar sei sie enttäuscht: „Was bleibt, ist nun den Staub von
       meinem Klettergurt zu pusten und weiterzumachen“ – vor allem auch in der
       internationalen Klimagerechtigkeitsbewegung.
       
       ## Vermummte auf den Hinterhofwiesen
       
       Alle Dörfer Bleiben, der Zusammenschluss der verbliebenen
       Garzweiler-Gemeinden, hat derweil [3][diese Rechnung aufgemacht]: 570
       Millionen Tonnen Kohle sind noch unter den Dörfern, 280 Millionen sollen
       nun bleiben. Und der Rest von 290?
       
       Das DIW Berlin hatte kürzlich ausgerechnet, dass für eine 50-Prozent-Chance
       auf Erreichen der Klimaziele höchstens noch 70 Millionen Tonnen davon
       verfeuert werden dürfen. „Die Grünen lächeln 220 Millionen Tonnen weg“,
       dieser „Hinterzimmerdeal“ sei ein Bruch „der Grünen mit der Wissenschaft
       und damit auch mit der Klimabewegung“.
       
       Heukamps denkmalgeschützer Hof von 1763 steht seit dem Auszug des Landwirts
       nicht etwa leer. Umgehend sind am Wochenende einige Menschen vom
       Baumhaus-Camp auf den Hinterhofwiesen eingezogen und posieren kampfeslustig
       und teilvermummt in den Fenstern.
       
       Sicher ist: Es wird teuer für Land und Konzern, das Gelände menschenfrei
       und abrissfähig zu bekommen. Zudem haben fast zehntausend SympathisantInnen
       der Region unterschrieben, sich am Tag X den Baggern entgegenzustellen.
       „Wir machen die Räumung zum Desaster“, schreibt Ende Gelände. Michael
       Zobel: „Ich mache mir große Sorgen, dass das eskaliert.“
       
       5 Oct 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://twitter.com/MaWaLuetzerath/status/1577215124280336389?s=20&t=3vZFBabc8_DsEorkjFFlLw
 (DIR) [2] /Greta-Thunberg-im-Braunkohlerevier/!5803568
 (DIR) [3] https://twitter.com/AlleDoerfer/status/1577242920146509825?s=20&t=QAHeFFYkCa3camcuKPTgTg
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Müllender
       
       ## TAGS
       
 (DIR) RWE
 (DIR) Braunkohledörfer
 (DIR) Kohleausstieg
 (DIR) GNS
 (DIR) Lützerath
 (DIR) taz Plan
 (DIR) Braunkohledörfer
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Braunkohletagebau
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Schwerpunkt Fridays For Future
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Drohende Räumung: Auf nach Lützerath
       
       An der Zerstörung des kleinen Dorfes in NRW zeigt sich der ganze Wahnsinn
       der deutschen Klimapolitik. Nun gilt es die Räumung zu verhindern.
       
 (DIR) Faktencheck Lützerath: „Ein Erhalt ist nicht möglich“
       
       Der Ort Lützerath soll den Kohlebaggern weichen. NRW sagt, die
       Versorgungssicherheit sei sonst gefährdet. Stimmt das?
       
 (DIR) Kohlepolitik in NRW: Wo bleibt die CO2-Minderung?
       
       NRW will acht Jahre früher aus der Kohle aussteigen. Zugleich sollen
       Braunkohlekraftwerke länger laufen. Wie man das nennt? Eine unschöne
       Mogelei.
       
 (DIR) Energiepolitik in NRW: Grünes Licht für Kohlebagger
       
       Der Kohleausstieg in NRW kommt 2030 statt 2038. Dafür laufen zwei
       Braunkohlekraftwerke länger. Die Grünen versuchen ihre Glaubwürdigkeit zu
       retten.
       
 (DIR) Erweiterung des Kohle-Tagebaus: RWE darf Lützerath weiter räumen
       
       Schlappe vor Gericht für den letzten verbliebenen Landwirt des rheinischen
       Orts, der dem Tagebau weichen soll. Die Klimabewegung will protestieren.
       
 (DIR) Protest in NRW-Braunkohlegebiet: Betend gegen die Bagger
       
       Die Entwidmung von drei bedrohten Gotteshäusern in Keyenberg, Kuckum und
       Berverath sollte still erfolgen. Doch daraus wurde nichts.
       
 (DIR) Braunkohlerevier in NRW: Proteste an der Abrisskante
       
       Am Tagebau Garzweiler ist Demo-Saison. Außerdem gibt es Erfolge bei der
       autarken Energieversorgung. Ob die Anwohner bleiben dürfen, bleibt unklar.