# taz.de -- Vorlesungsmitschriften aus dem 19. Jh.: Naturforscher und Antirassist
       
       > Die Mitschriften des Naturforschers Miklucho-Maclay geben einen
       > einzigartigen Einblick in den Lehrbetrieb der Universität in der 1860er
       > Jahren.
       
 (IMG) Bild: Der Naturforscher Nikolai Nikolajewitsch Miklucho-Maclay auf Expedition auf Lanzarote (1866/67)
       
       „Die Blätter athmen nicht weil sie Blätter sondern weil sie grünn sind.“
       Was wie ein philosophischer Kalenderspruch anmutet, galt als
       wissenschaftliche Formulierung. Nikolai Nikolajewitsch Miklucho-Maclay,
       Student der Naturwissenschaften in den 1860er Jahren in [1][Jena], schrieb
       diesen Satz in seine Studienmitschriften, die einen Blick auf eine andere
       Zeit der Hochschullehre ermöglichen.
       
       Manche Dinge ändern sich, manche andere überdauern Jahrhunderte. Die
       Grundstruktur eines Hörsaals hat sich in den letzten 160 Jahren kaum
       geändert. Nach unten abfallende Reihen von Holzbänken und eine grüne Tafel
       an der Rückseite des Raumes bilden seit Langem die Kernstücke der Säle,
       inzwischen oft durch ein Whiteboard, einen Beamer und Lautsprecher ergänzt.
       Die Tintenfasshalter sind dafür verschwunden.
       
       Die Änderung der Raumausstattung zeugt nicht nur von einer Modernisierung
       der Universitäten, sondern weist auch auf eine veränderte Lehre hin. Dank
       Powerpoint und Handy gibt es kaum noch Tafelbilder und zumeist eher
       sparsame Mitschriften der Studenten.
       
       So weit wenig überraschend, doch genauere Vergleiche ließen sich
       beispielsweise in den Fächern Anatomie, Morphologie und Zoologie bis vor
       Kurzem kaum machen – bis der Jenaer Professor Uwe Hoßfeld 2018 eine
       einmalige Entdeckung in Sankt Petersburg machte. Eine Tagung der Akademie
       der Wissenschaften führte Hoßfeld und seinen Kollegen Georgy S. Levit nach
       Russland.
       
       Ein Kollege dort, der von ihrem Interesse für die
       [2][Wissenschaftsgeschichte] der Zoologie wusste, brachte sie zu einer
       Ausstellung der russischen geografischen Gesellschaft. Bei dem Betrachten
       der Stücke in den Vitrinen stutzte Hoßfeld, als ihn unvermutet ein Stück
       Jena anguckte: Eine Zeichnung des Kollegienhofes, dem Gründungsort der
       Jenaer Universität.
       
       ## Mikluchos Nachlass
       
       Es handelt sich um den Nachlass des Forschungsreisenden Nikolai
       Nikolajewitsch Miklucho-Maclay (1846–1888). Aus diesen Unterlagen bekommen
       Hoßfeld und Levit die Mitschriften Mikluchos zu den Vorlesungen über
       Zoologie von Ernst Haeckel und über die Menschliche Anatomie von Carl
       Gegenbaur.
       
       „Diese Mitschriften sind einzigartig“, erklärt Hoßfeld. „Weder in Jena noch
       weltweit gibt es bisher weitere.“ Und genau das mache es so spannend, zumal
       es sich um zwei Fächer handelt, die von zwei Heroen unterrichtet wurden.
       
       „Man sieht fast haargenau, was in den Vorlesungen gemacht worden ist“, hebt
       Hoßfeld hervor. Natürlich gibt es einige überlieferte Lehrbücher aus der
       zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber die lassen nur bedingt
       Rückschlüsse auf die Didaktik und den Ablauf der damaligen Lehre zu. Die
       Mitschriften sind hintereinander weggeschrieben und sehr detailgetreu.
       Augenfällig und wirklich bemerkenswert sind die zahlreichen Zeichnungen,
       die Miklucho in seine Mitschriften einbaut. Nahezu jede Seite zeigt
       kunstvolle anatomische beziehungsweise zoologische Zeichnungen.
       
       „Da konnten die Studenten oder die Lehrenden noch gut malen“, meint
       Hoßfeld. Und dabei muss noch berücksichtigt werden, dass augenscheinlich
       sowohl Haeckel und Gegenbaur als auch Miklucho sämtliche Zeichnungen aus
       dem Stegreif anfertigten und nicht nachbearbeiteten. Es mag sein, dass es
       für die Vorlesungen vereinzelt Rollbilder gab, die der Visualisierung
       dienten, wenn bisher auch noch keine gefunden wurden. Hoßfeld geht
       entsprechend davon aus, dass die Lehrenden die Zeichnungen im Augenblick
       der Vorlesung an die Tafel brachten und die Studenten sie umgehend
       abzeichnen mussten. „Eine Nachbearbeitung der Mitschriften würde man an
       einer anderen Tinte oder einem anderen Stift erkennen“, erklärt Hoßfeld.
       
       Vor 160 Jahren scheint auch für die Naturwissenschaftler ein zeichnerisches
       Talent wichtig gewesen zu sein. Haeckel, Gegenbaur und Miklucho hatten es
       zweifelsohne. Heute sieht das doch etwas anders aus. Hoßfeld gibt zu: „Ich
       habe mein zeichnerisches Talent im Laufe der Jahre verloren. Ich hätte mir
       das nie zugetraut.“
       
       Es ist sicher ein Verlust, dass Studenten und Lehrende nicht mehr
       künstlerisch unterwegs sind und für manch einen wohl eine Erleichterung,
       obwohl es sicherlich auch eine Frage der Übung ist. Mit den heutigen
       Methoden der Visualisierung ist es schlichtweg nicht mehr nötig, alles
       selbst zu zeichnen. Doch im 19. Jahrhundert gab es nur vereinzelt
       Lehrbücher, für diejenigen, die es sich leisten konnten, wenige Rollbilder
       und auch sehr wenige Präparate. Zu der Zeit gerade mal drei menschliche
       Embryonen in Leipzig und in Jena gar keine. „Visualisierung hat eine ganz
       starke Rolle gespielt.“
       
       Miklucho war mittellos, er konnte sich keine Bücher leisten und war darauf
       angewiesen, mit dem Skript zu lernen. Dennoch: „Er ist ein bisschen ein
       Hallodrie gewesen, der Miklucho“, schmunzelt Hoßfeld.
       
       Die Aufarbeitung der Mitschriften sei eines der schwersten Projekte, das er
       mit Kollegen und Kolleginnen betreut habe. Die Terminologie heute ist in
       Teilen eine andere also vor 150 Jahren, vieles heißt heute anders. Außerdem
       vermischte Miklucho die Sprachen, notierte mal etwas auf Deutsch, mal auf
       Französisch oder Russisch. Hinzu kommen noch teils individuelle
       Abkürzungen.
       
       Um die Mitschriften auflösen und verständlich machen zu können, war einiges
       an Fachkompetenz nötig. Für die Schriften zu Gegenbaur über die
       vergleichende Anatomie stand Rosemarie Fröber, Prosektorin der Anatomie,
       dem Projekt zur Seite. „Die Zoologiesachen haben wir uns zu viert, zu fünft
       angeguckt. Immer wieder, Tausende Stunden“, beschreibt Hoßfeld den
       Arbeitsaufwand, der sich gelohnt hat. Das Ergebnis erschien Anfang des
       Jahres in Form zweier Bücher, in denen die Mitschriften nebst lesbarer
       Übersetzung abgebildet sind, beim THK-Verlag. Tatsächlich folgt zeitnah ein
       dritter Band mit den Mitschriften zu Haeckels Paläontologievorlesung.
       
       Dabei findet sich auch in Haeckels Zoologievorlesung bereits der eine oder
       andere Hinweis auf vergangene Lebewesen wie den Archaeopteryx. Denn der
       Professor schweifte während seiner Vorlesung immer mal in die Botanik oder
       Paläontologie ab. Das ist einer der Unterschiede und auch das
       bemerkenswerte an den Vorlesungen von Haeckel und Gegenbaur. „Sie lesen
       wirklich das ganze Fach.“ Dazu gehören neben dem eigentlichen Fachwissen
       Wissenschaftsgeschichte, wissenschaftstheoretische Elemente und
       Wissenschaftsphilosophie. Hoßfeld meint dazu: „Heute schaffen wir das bei
       der Datenflut nicht mehr, die waren damals mit festen Beinen verankert in
       ihrem Fach.“
       
       Didaktisch ist wohl davon auszugehen, dass, obwohl die Studenten damals
       sicherlich weniger abgelenkt waren und sich daher auf das Mitschreiben und
       Zeichnen besser konzentrieren konnten, inhaltlich immer etwa gleich viel
       hängen blieb. Hoßfeld verweist hier auf Untersuchungen, nach denen, egal ob
       mit Lehrbuch, Schulbuch oder Tablet gelernt wurde, sich der erlernte Stoff
       nicht ändert. Beim Zeichnen sieht Hoßfeld heute allerdings einen wirklichen
       Mangel.
       
       Neben den detailgetreuen Zeichnungen ist auch der schriftliche Teil der
       Mitschriften sehr umfangreich. „Die Scorpionen nähern sich den Crustaceen.
       Färbung der Haut unansehnlich.“ Stilistisch könnte sich dieser Satz
       Mikluchos in einer studentischen Mitschrift von heute finden, die Wortwahl
       hingegen weniger.
       
       Manche Sätze wie „Peritoneum ist eine seröse Haut“, mögen in unseren Ohren
       heute nicht wissenschaftlich und zu wertend klingen. Doch es war eine
       andere Zeit und mit der Wissenschaft selbst ändert sich auch ihre Sprache.
       
       Nachdem Miklucho die Vorlesung 1865 bei Haeckel besucht hatte, arbeitete er
       mit diesem zusammen, machte eine Forschungsreise zu den Kanaren mit.
       Gegenüber Thomas Henry Huxley beschrieb Haeckel Miklucho als „talentvollen
       jungen Russen aus Kiev“, der [3][Darwinist] sei. Doch trennten sich die
       Wege der beiden früh.
       
       Nach 1869/70 widmet Miklucho alle Bücher und Studien Gegenbaur. Aufgrund
       der Beobachtungen von seiner Forschungsreise nach Papua-Neuguinea
       widersprach er Haeckels System der Menschenarten und erklärte, die Papua
       hätten eine eigene Sprache und Kultur und seien genauso Menschen wie die
       Europäer und auf keiner niederen Stufe.
       
       „Er war wissenschaftlicherseits der erste Antirassist“, sagt Hoßfeld.
       Haeckel wollte dem offensichtlich nicht zustimmen, obwohl Miklucho nach
       dessen Grundsatz handelte, Organismen möglichst in ihrem natürlichen
       Lebensumfeld zu beobachten. „Er hatte ja keine Möglichkeiten. Eine Reise in
       die Tropen dauerte ein halbes bis dreiviertel Jahr und nicht jeder ist
       wiedergekommen“, verteidigt Hoßfeld Haeckel wissenschaftlicherseits, „nur
       würde man heute sagen: Das, was nicht geht, einfach liegen lassen.“ Trotz
       Haeckels bestehender Rassentheorie handele es sich wirklich um eine
       ideologie- und weltanschauungsfreie Vorlesung, erklärt Hoßfeld: „Es ist
       richtige spezielle Zoologie.“
       
       Die Mitschriften Nikolai Nikolajewitsch Miklucho-Maclays sind ein Stück
       Zeitgeschichte.
       
       5 Jun 2022
       
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