# taz.de -- Ausstellung „Klasse Gesellschaft“: Der lange Arm der Alten Meister
       
       > In der Ausstellung „Klasse Gesellschaft“ kombiniert die Hamburger
       > Kunsthalle Alte Meister mit heutigen Promis. Das ist mitunter verblüffend
       > plausibel.
       
 (IMG) Bild: „Klasse Gesellschaft“ für die Alten Meister: Lars Eidinger (l.) und Stefan Marx
       
       Aus der Not eine Tugend machen: Ist das eigentlich typisch flämisch? In der
       [1][Hamburger Kunsthalle], beinahe schon traditionell unterfinanziert durch
       die öffentliche, also lange Zeit Kaufleute-Hand, kennen die
       Verantwortlichen sich damit jedenfalls aus. Und setzen seit Jahren, wo
       immer es geht, auf die eigenen Bestände beim Konzipieren von Ausstellungen.
       Was aber heißen kann, dass sie trotzdem beträchtlichen Aufwand betreiben,
       um kuratorisch gebotene Leihgaben zu beschaffen in Nah oder auch mal Fern:
       Die dann nahezu komplett [2][von der Pandemie und ihrer Bekämpfung
       torpedierte De-Chirico-Ausstellung] im ersten Halbjahr 2021 war so ein
       Fall.
       
       „Gemälde des holländischen und flämischen 17. Jahrhunderts bilden einen,
       wenn nicht den Schwerpunkt innerhalb des Sammlungsbereichs Alter Meister“,
       schreibt nun Kunsthallendirektor Alexander Klar im Katalog zur Ausstellung
       „Klasse Gesellschaft“, die noch bis Ende März am Glockengießerwall zu sehen
       ist. Aber um rund 180 Gemälde, Zeichnungen und Druckgraphiken des 17.
       Jahrhunderts zeigen zu können, waren eben trotzdem auch die Kontakte zu
       anderen Häusern zu bemühen.
       
       Allein: Die Laufzeit in Hamburg überschnitt sich mit der einer anderen,
       thematisch verwandten Ausstellung ein ganzes Stück die Elbe rauf, in
       Dresden: Dort wurden seit September und bis zum Jahresanfang Johannes – Jan
       – Vermeers „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ gezeigt, mithin
       „eines der weltweit bekanntesten Werke der holländischen Malerei des
       Goldenen Zeitalters“; dazu neun weitere Arbeiten Vermeers sowie etwa „50
       Werke der holländischen Genremalerei“.
       
       Und diese – ein letztes Mal in eigenen Worten – [3][„bislang größte
       Vermeer-Ausstellung in Deutschland“] machte es nicht einfacher,
       einschlägige Stücke auszuleihen. So hängt nun in Hamburg nicht ein einziger
       Vermeer. Aber das schmälert die von Sandra Pisot kuratierte Ausstellung nur
       dann, wenn eine*n nur möglichst große Namen ins Museum locken. Und in der
       üppigen Begleitpublikation hat er dann sehr wohl auch seinen Auftritt.
       
       Zugegeben: Ganz auf große Namen, aber andere, verzichtet auch die
       Kunsthalle nun nicht. Aber es ist nun gerade keine bloß zur Tugend
       umgelabelte Not, wenn „Klasse Gesellschaft“ dieses Problem durch eine
       Öffnung umgeht: hin zur Gegenwart, hin zu anderen Techniken als der einst
       in Flandern und umzu so verfeinerten Ölmalerei – und hin auch zu Leuten,
       die streng genommen, talentierte Laien sind in dem, was sie nun da
       ausstellen.
       
       Denn in Beziehung gesetzt werden die Adriaen Brouwers und Pieter de Hoochs
       und David Teniers (der Jüngere) mit Arbeiten zweier heute noch höchst
       lebendiger Kollegen im sehr weiten Sinne: Stefan Marx und Lars Eidinger.
       
       Marx, Jahrgang 1979, ist dabei nicht der Quereinsteiger in die Bildenden
       Künste. Er [4][arbeitet gerne mit Schrift] und interessiert sich für die
       Gestaltung von Gebrauchsgütern, das waren früher etwa die [5][Plattencover
       des Hamburger House-Labels Smallville] oder auch Plakate und Flyer für den
       [6][Golden Pudel Club]. Inzwischen lebt er in Berlin und gestaltet auch mal
       Produkte für die Königliche Porzellan-Manufaktur.
       
       Im Wunsch, „fast ein Abbild der Zeit zu schaffen, in der ich und wir
       leben“, so Marx im Gespräch mit Kuratorin Pisot, erkenne er das Verbindende
       mit den Alten Meistern. Bloß wohnt seinen Arbeiten mindestens ein Schritt
       mehr Übersetzung inne als den zwar inszenierten, aber eben immer auch dem
       Realismus verbundenen Alltags-Ölbildern daneben.
       
       Aber – Eidinger? Der Schauspieler? Aus dem Tatort? Ja (und nicht nur
       einem), auch von der Salzburger Festspiel-Bühne, im „Jedermann“. Er
       fotografiere schon viel länger, als er Schauspieler sei, ließ der
       46-Jährige [7][zur Ausstellungseröffnung die ungewöhnlich zahlreich
       erschienene Presse wissen].
       
       Und natürlich haben zumindest im globalen Norden und Westen heute viele
       Menschen derart leistungsfähige Kameras bei sich, dass wenigstens rein
       technisch etwas Brauchbares herauskommt, wenn sie irgendwo draufhalten.
       [8][Das hat, ein wenig verkürzt gesagt, Eidinger getan], und weil er
       ziemlich herumkommt, hängen da nun Fotos – etwas Bewegtbild gibt es auch –
       aus Baden-Baden und Berlin, Berkeley und Mexiko-Stadt: Menschen in zumeist
       ganz alltäglichen Situationen, wartend, irgendwas auf ihrem Handy machend,
       schlafend oder auch bettelnd.
       
       Die Ethik des Zustandekommens ist eine genauere Betrachtung wert: Gefragt
       hat er die Gezeigten nicht, auch das ließ Eidinger wissen, mit einer
       einzigen Ausnahme. Aber zu erkennen sind sie eben auch nicht in ihren so
       trivialen, mitunter ja auch sehr verletzlichen Situationen.
       
       Eben das Alltägliche an den Motiven, sagen die Verantwortlichen, verbindet
       diese so heutigen Momentaufnahmen im charakteristischen Hochformat mit den
       Jahrhunderte alten Bildern aus den nördlichen Niederlanden – bei allen und
       nicht ganz wenigen Unterschieden, versteht sich: Die Gemälde waren
       Auftragsarbeiten, deren bloße Existenz etwas erzählt über den sozialen
       Wandel in der Region, über Kunden, die zu Geld gekommen waren, zu einem
       eigenen Stolz entwickelnden Bürgertum; im Übergang von einer Stände- zu
       einer Klassengesellschaft begründet sich ja auch eine Lesart des Hamburger
       Ausstellungstitels; die andere will hinaus aufs Zusammentreffen nicht ohne
       Weiteres zueinander Gehöriger, also der Alten Meister und der beiden
       jungen.
       
       Aber eine Folge war eben: Gemalt wurden nun auch ganz normale Menschen,
       Dinge tuend, die zuvor kaum für kunstwürdig erachtet wurden. Neben solchen
       inhaltlichen Qualitäten zeichnet sich diese niederländische Malerei im
       „Goldenen Zeitalter“ – grob gesagt dem 17. Jahrhundert – auch aus durch ein
       Interesse am Spiel mit den Techniken, an der Verschachtelung von
       Bildebenen, am Einbau auch von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.
       
       Das wiederzufinden in den – im Kern ja doch Schnappschüssen – aus Berliner
       Kaufhaus-Umkleiden oder ostasiatischen Flughäfen, dazu braucht es schon
       etwas Fantasie seitens der Betrachtenden. „Viele meiner Motive sind
       unerklärlich“, so Eidinger nun [9][im Katalog], und dass ihn „das
       Unsichtbare“ interessiere. Aber dann wieder ist es doch verblüffend, wie
       kurz nur der Weg zu sein scheint, wie leicht zu überbrücken der mehrere
       Jahrhunderte währende Abstand zwischen [10][den roten Stühlen] auf mehreren
       niederländischen Gemälden und, eben, [11][einem Eidinger’schen Bild aus dem
       KaDeWe].
       
       10 Feb 2022
       
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 (DIR) [11] https://www.hamburger-kunsthalle.de/sites/default/files/styles/hkh_lightbox_full_wide_x2/public/l._eidinger_stuhl.jpg?itok=vgG95h9d
       
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