# taz.de -- Nach der Hochwasserkatastrophe: Das Flut-Licht im Ahrtal
       
       > Ein halbes Jahr nach der Flut kämpfen die Betroffenen noch immer mit den
       > Folgen – und helfen sich gegenseitig.
       
 (IMG) Bild: Elfriede und Gerd Gasper in ihrem entkernten Haus in Altenahr. Die Flut ließ nicht viel davon übrig
       
       Das Ahrtal. Mehr als fünf Monate ist die Nacht jetzt her, in der die Ahr
       über die Ufer, Wiesen und Straßen trat. Von vielen Hauswänden wurde der
       Verputz abgenommen, damit die Häuser trocknen können. Sie sehen aus wie
       Häuser ohne Haut. Doch darin ist immer wieder Licht. Man sieht Menschen,
       die in Küchen hantieren. Immer noch riecht das Wasser beim Duschen nach dem
       hinzugefügten Chlor. [1][Die Flut ist fort. Doch sie ist nicht vorbe]i.
       
       Es ist wie bei einem Trauerfall. Wenn zur Beerdigung viele Menschen
       zusammenkommen, gibt es viele Worte, viel Beileid. Und dann sind alle fort.
       Es bleibt denen, die zurückbleiben, die Aufgabe, etwas zu bewältigen. Jetzt
       heißt es „alleine weitermachen“. Im Ahrtal haben nicht wenige Menschen
       alles verloren. Ihre Angehörigen und das Haus.
       
       Meine gute Freundin und ich wollen zur Ahr laufen. Wir wollen sehen, was
       mit dem großen Brückenpfeiler passiert ist, der in der Flutnacht einfach
       eingeknickt ist. Auf dem Weg dorthin treffen wir am Zaun einen Mann, dem
       wir kurz nach der Flut im Garten geholfen haben. Er sortiert Ziegel und
       zeigt zum Haus nebenan. Es ist eigentlich ganz neu, doch es muss abgerissen
       werden. Denn es ist in sogenannter Leichtbauweise erbaut, die Außenwände
       sind vollgesogen mit Wasser. Wie ein Schwamm.
       
       Es beginnt zu tröpfeln. Der Nachbar erzählt, wie sie die Ziegel vom
       Nachbarhaus geholt haben. „Wir durften sie vom Dach nehmen, bevor das Haus
       abgerissen wird. Bis drei Uhr morgens am zweiten Weihnachtsfeiertag haben
       wir gearbeitet. Ein großes Flutlicht hat geleuchtet“, sagt er. „Flut-Licht“
       denke ich, wie passend. Eine Flut aus Licht, die etwas möglich macht.
       Ziegel sind teuer. Die vom Haus sind noch fast neu. Jetzt können sie
       wiederverwertet werden. „Alle haben mitgemacht“, sagt der Mann. Selbst die
       Kinder haben geholfen und eine Kette gebildet mit den Ziegeln. [2][Das
       Helfen ist nötig geblieben]. Nicht nur, weil jede Hand einen Unterschied
       macht. Auch deswegen, weil es wichtig ist, mit all dem Verlorenen nicht
       allein zu sein.
       
       „Wir sind hier alle zu Bauherren geworden. Ob wir das wollten oder nicht“,
       sagt der Mann. Der Regen wird stärker. Tropfen laufen ihm über den Kopf. Er
       reagiert nicht darauf, so als wäre er eine Statue, an der alles abperlt.
       Warum zieht er die Kapuze von seinem Pullover nicht hoch, denke ich, er
       erkältet sich doch.
       
       Der Nachbar erzählt jetzt von den Handwerkern aus Oldenburg, die damals
       direkt nach der Flut gekommen sind. Sie haben den weiten Weg auf sich
       genommen, um zu helfen. Jetzt waren sie wieder da, ohne Bezahlung. Sie
       haben ihren Urlaub dafür genommen. Endlich zieht der Mann die Kapuze über.
       
       Vor Kurzem lief im Fernsehen eine Dokumentation über die Flutnacht. In
       einer Szene steht eine Frau auf ihrer Terrasse. Sie filmt mit ihrem Handy
       das Wasser, das immer höher steigt. „Ich bereue jetzt, dass ich noch die
       Sachen hochgestellt habe und nicht in die Weinberge gegangen bin“, sagt sie
       da. Jetzt ist das Wasser zu hoch, sie ist gefangen auf der Terrasse. Viele
       Menschen sind hoch zu den Weinreben geflüchtet, um sich in Sicherheit zu
       bringen. Es hat etwas Großes, fast Biblisches. Wie die Flut kam und die
       Menschen in die Weinberge liefen. Die Frau auf der Terrasse hat überlebt.
       Ihr Haus kann sie nicht mehr bewohnen.
       
       Ich schaue zu dem Mann und den Ziegeln. Ein Haus wird für ein anderes
       abgedeckt, bevor es fallen wird. Die Hilfe hier ist weniger geworden. Aber
       es gibt sie.
       
       15 Jan 2022
       
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 (DIR) Christa Pfafferott
       
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