# taz.de -- Neues Buch von Historiker Jürgen Kocka: Im Vorgefundenen Geschichte machen
       
       > Die Moderne hat Konflikte mit sich gebracht, die noch nachwirken. Jürgen
       > Kocka beschreibt Deutschland im langen 19. Jahrhundert extrem kurzweilig.
       
 (IMG) Bild: Grundsteinlegung für das Reichstagsgebäude durch Kaiser Wilhelm I. am 9.6.1884
       
       Auf den ersten Blick würde man es nicht glauben: dass sich eine
       Strukturgeschichte ebenso unterhaltsam und flüssig lesen lässt wie eine
       Ereignisgeschichte, ebenso spannend wie eine Novelle oder ein Roman.
       
       Indes: Einer der Doyens der neueren deutschen Geschichtswissenschaft,
       Jürgen Kocka, dem nicht nur eine Geschichte des Kapitalismus, sondern auch
       höchst erhellende Arbeiten zur Geschichte der (deutschen) Arbeiterklasse zu
       verdanken sind, hat soeben einen eher schmalen Band zum Thema „Kampf um die
       Moderne. Das lange 19. Jahrhundert in Deutschland“ vorgelegt, einen Band,
       in dem mit Ausnahme weniger namentlicher Erwähnungen so gut wie keine
       menschlichen Akteure vorkommen.
       
       Am Rande erwähnt werden immerhin gelegentlich Napoleon, hie und da auch
       Wilhelm II. sowie – last, but not least – Bismarck. Wenn überhaupt
       Personennamen vorkommen, dann die Namen von ganz unterschiedlichen Autoren
       – nicht zuletzt der Name Max Webers.
       
       Gleichwohl: Die von Kocka erzählte Strukturgeschichte macht neugierig, vor
       allem angesichts seiner Ankündigung im ersten Kapitel, in dem zwar die
       These vom [1][„deutschen Sonderweg“] zur Disposition gestellt wird, aber
       gleichwohl „Eigenarten der deutschen Entwicklung“ unter Bezug auf ebendiese
       Sonderwegsdebatte behauptet werden.
       
       ## Beispielloser zivilisatorischer Zusammenbruch
       
       So will Kocka nicht ausblenden, „daß es in Deutschland härter und
       geschichtsmächtiger als anderswo, schon wenige Jahre nach dem Ende des
       langen 19. Jahrhunderts, durch Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg und
       Holocaust, zu einem beispiellosen zivilisatorischen Zusammenbruch kam, der
       auch durch langfristig wirkende Bedingungen ermöglicht worden ist.“ Man
       bemerke das in diesen Satz so unauffällig vorkommende „auch“.
       
       Diese langfristigen Bedingungen sind die des [2][„langen 19.
       Jahrhunderts“,] das 1789 mit der Französischen Revolution begann und 1914
       mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sein Ende nahm. Die wesentlichen
       strukturellen Faktoren dieses langen Jahrhunderts waren Industrialisierung,
       Kapitalismus, Bevölkerungszunahme, Verstädterung, Binnenwanderung und
       Auswanderung sowie der Aufstieg des Bürgertums als Klasse.
       
       Auf der Ebene der gesellschaftsbildenden Deutungsmuster verzeichneten –
       zumal in Deutschland – das Konzept der Nation und die darauf beruhende
       massenwirksame Ideologie des Nationalismus womöglich noch stärkere Erfolge
       als in anderen (west)europäischen Staaten, wenngleich die herkömmliche
       Unterscheidung von Herkunftsnation und Staatsbürgernation durch neuere
       Forschung relativiert worden ist.
       
       Jedoch: „Insgesamt“ – so Kocka – „scheint die bürgerliche Durchdringung der
       Gesellschaft im Deutschland des 19. Jahrhunderts weniger weit
       fortgeschritten zu sein als in den westeuropäischen Nachbarländern.“
       
       ## Die Sonderwegsthese
       
       Damit bekräftigt er wesentliche Annahmen der derzeit außer Mode geratenen
       Sonderwegsthese. Entsprechend behauptet Kocka – auch unter Bezug auf Hegel
       und Marx – dass die Ausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft
       widersprüchlich verlief und „Klasse“ sowie „Geschlecht“ die
       Verallgemeinerung eines zivilgesellschaftlichen Projekts begrenzten.
       
       Was freilich keine Besonderheit Deutschlands gewesen sein dürfte. In
       Deutschland jedenfalls entsprach das Bürgertum für Kocka weitgehend dem,
       was Karl Marx als „Bourgeoisie“ im Unterschied zur Gemeinschaft der
       „Citoyens“ kennzeichnete. Das führte schließlich dazu, dass der 1871
       gegründete deutsche Nationalstaat minder mit den Prinzipien von
       Volkssouveränität und Befreiung verknüpft war – im Unterschied zu anderen
       europäischen Staaten, die sich „auf erfolgreiche Akte des Aufstandes gegen
       traditionelle Obrigkeit oder fremde Oberherrschaft […] zurückführen
       konnten“.
       
       Mit Blick auf die politischen Institutionen unterschied sich Deutschland
       damit von anderen west-, nord- und südeuropäischen Ländern durch eine
       massive Blockade der Parlamentarisierung – ohne dass damit das deutsche
       Bürgertum als solches schwächer als in anderen Ländern gewesen wäre.
       
       Damit rückt für Kocka das Bürgertum und seine Geschichte ins Zentrum der
       Betrachtung – vor allem der strukturellen Erklärung des
       Zivilisationsbruches – und dauerte es von 1914 an keine zwei Jahrzehnte,
       „bis sich diese Zivilgesellschaft in einem Prozeß der inneren und nach
       außen gerichteten Barbarisierung befand, gegen den sie wenig Gegenwehr
       aufzubieten wußte: ein Extremfall sondergleichen im europäischen Rahmen.“
       
       ## Grenzen der Strukturgeschichte
       
       Zu dieser Behauptung hätte man nun gerne mehr gelesen als lediglich
       Fußnotenverweise, indes: Womöglich finden an genau diesem Punkt struktur-
       und gesellschaftsgeschichtliche Ansätze ihre Grenze. Spätestens hier wäre
       dann auf eine mindestens gruppen-, wenn nicht personenbezogene
       Ereignisgeschichte zurückzukommen.
       
       Auf jeden Fall lassen sich an Kockas bestens lesbarer Studie Vor- und
       Nachteile strukturbezogener Historiografie luzide nachvollziehen: Am Ende
       kann eine strukturgeschichtliche Perspektive denn doch nicht mehr liefern
       als eine Entfaltung der notwendigen Bedingungen von Geschichte, so schon
       Karl Marx: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie
       nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter
       unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“.
       
       8 Jan 2022
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Kolumne-Leuchten-der-Menschheit/!5426750
       
       ## AUTOREN
       
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