# taz.de -- Wölfe im Norden: Ein Abschuss ist möglich
       
       > Niedersachsens Umweltminister reist höchstpersönlich in den Landkreis
       > Cuxhaven um mit Deichschäfern zu sprechen, die Wolfsrisse beklagen.
       
 (IMG) Bild: Im Gehege ist es sicher: ein Europäischer Grauwolf im Wolfcenter Dörverden
       
       Hannover taz | Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) wolle sich
       selbst ein Bild machen und mit [1][betroffenen Schäfer*innen] sprechen,
       heißt es am Donnerstag aus der Pressestelle seines Ministeriums. Am Samstag
       wird er im Landkreis Cuxhaven erwartet.
       
       Und man sieht ihn sofort vor sich: Wie er über den Deich stiefelt, jedem
       die Faust oder den Ellenbogen hinstreckt, weil er keine Hände mehr
       schütteln darf, zuhört und nickt und Sätze sagt wie „Ich verstehe Sie,
       absolut.“ und: „Da bin ich ganz bei Ihnen.“ Er kann das wirklich gut, der
       Herr Lies, freundlich und zugewandt sein, selbst wenn seinem Gegenüber vor
       Frust und Wut schon sichtbar die Halsschlagader pocht.
       
       Anlass sind wieder einmal Wolfsrisse. In der Region gab es in kurzem
       Abstand zwei Angriffe auf Schafherden auf dem Deich, die für großes
       Aufsehen gesorgt haben. Das lag zum einen daran, dass viele Tiere starben,
       darunter zahlreiche trächtige Mutterschafe. Mehr als 30 waren es insgesamt,
       die Föten nicht mitgerechnet. Die Zahl klettert noch, weil es oft Tage
       dauert, bis alle Tiere gefunden sind. Die meisten sterben nicht unbedingt
       an Bissverletzungen, sondern weil sie sich auf ihrer panischen Flucht
       verletzen oder ins Wasser fallen.
       
       Dass der von Niedersachsen im Rahmen eines Pilotprojekts gesponserte
       Elektro-Schutzzaun nichts half, ist der zweite Grund für das Entsetzen.
       Passive Herdenschutzmaßnahmen gelten vielen Naturschützern als das A und O
       und zwar von Anfang an: Die Zahl der Risse steigt, wenn die Wölfe neu im
       Revier sind. Wenn sie von Anfang an lernen, dass die Jagd auf Weidetiere
       mühsam und riskant ist, konzentrieren sie sich auf andere Beutetiere. Wenn
       sie auf der Weide zu oft Erfolgserlebnisse haben, wird es schwierig.
       
       Am Deich sind allerdings die Möglichkeiten begrenzt: Zum Beispiel können
       oft keine Schutzhunde eingesetzt werden, weil zu viele Touristen die Weiden
       passieren. Gleichzeitig ist die Beweidung durch die Schafe für die
       Stabilität der Deiche wichtig.
       
       ## Stimmung droht zu kippen
       
       In der Region droht die Stimmung in Sachen Wolf schon länger zu kippen:
       Erst vor zwei Wochen warf dort einer der zuständigen Wolfsberater hin, weil
       er meinte, die Probleme würden nicht ernst genug genommen. Hermann Kück,
       der das Amt seit 2012 ehrenamtlich ausübte, erklärte in lokalen Medien, die
       zunehmenden Wolfssichtungen in Dorfnähe und zwei Ponyrisse machten ihm
       Sorgen. Er habe früher sehr für die Rückkehr des Wolfs geworben, aber
       mittlerweile hält er die Zahl im Cuxland für zu hoch.
       
       Die Analyse der DNA-Spuren ist bei den beiden aktuellen Fällen noch nicht
       abgeschlossen, aber wenn sich beide Ereignisse dem gleichen Wolf zuordnen
       lassen, wird dort vermutlich die nächste Ausnahmegenehmigung zum Abschuss
       eines Problemwolfs fällig. Mit allen Problemen, die das dann wieder mit
       sich bringt: Klagen, vergebliche Jagden, Fehlabschüsse.
       
       Lies wirbt deshalb schon seit ein paar Jahren für einen anderen Ansatz. Er
       wünscht sich regionale Ober- und Untergrenzen für den Bestand. Auch für die
       Forderung der Deichverbände nach „wolfsfreien Zonen“ zeigte er sich
       aufgeschlossen.
       
       ## EU geht gegen Niedersächsische Wolfsverordnung vor
       
       Bisher war das durch die Bundesgesetzgebung allerdings ausgeschlossen.
       Unter der Ampel könnte sich das ändern. Im Koalitionsvertrag, den Lies
       mitverhandelt hat, steht nun, man wolle „europarechtskonform ein regional
       differenziertes Bestandsmanagement ermöglichen“. In dem Wort
       „europarechtskonform“ steckt aber die nächste Tücke: Experten streiten
       noch, wie viel Spielraum das EU-Recht überhaupt lässt.
       
       Erst im Juni war bekannt geworden, dass die EU-Kommission auch die
       [2][niedersächsische Wolfsverordnung] in [3][ein sogenanntes
       Pilotverfahren] einbezogen hat, das ist die Vorstufe zu einem
       Vertragsverletzungsverfahren.
       
       11 Dec 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Diskussion-uebers-Abschiessen/!5810062
 (DIR) [2] https://www.voris.niedersachsen.de/jportal/?quelle=jlink&query=WolfsV+ND&psml=bsvorisprod.psml&max=true&aiz=true#jlr-WolfsVNDrahmen
 (DIR) [3] /Deutschland-muss-Wolfspolitik-erklaeren/!5782773
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nadine Conti
       
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