# taz.de -- Coronakrise in Österreich: Mit Trotteln reden bringt nichts
       
       > Muss man mit Impfskeptikern einen herrschaftsfreien Dialog führen? Eher
       > nicht. Österreich zeigt, dass klare Ansagen eher zum Ziel führen.
       
 (IMG) Bild: Viele begrüßen die klaren Regeln: Impfaktion in einem Wiener Bordell am 8. November
       
       In die Fernsehsendungen wurden jetzt monatelang Leute eingeladen, die die
       Anti-Pandemie-Maßnahmen anprangern durften, die erklärten, warum sie sich
       nicht impfen lassen, die irgendwelches Voodoo-Zeug verbreiteten, und
       gelegentlich wurde auch der eine oder die andere völlig übergeschnappte
       Querdenker*in hofiert. In denselben Fernsehsendungen wird jetzt ob der
       explodierenden Infektionszahlen gefragt: Wie konnte das nur passieren? Na,
       warum wohl?
       
       Mit traurigen Augen wird auch gerne die Frage in den Raum gestellt, wie wir
       denn die böse Polarisierung wegbekommen könnten. Da wird dann für das
       große, empathische Gespräch plädiert, dass man sich doch bestimmt auf
       einen Mittelweg einigen könnte, wenn nur alle lieb miteinander ins
       Gespräch kommen, und so ein Mittelweg zwischen Vernunft und
       Vertrotteltheit, zwischen Wahrheit und Irrsinn, das müsste doch eine
       kuschelige Sache sein.
       
       Die österreichische Psychiaterin Heidi Kastner, die gerade ein Buch über
       „Dummheit“ geschrieben hat, antwortete etwas unpopulär auf die Frage, wie
       denn die beiden verhärteten Seiten miteinander „ins Gespräch“ kommen
       könnten: „Das muss man ja auch nicht.“ Entgeistert erwiderten die
       Interviewer des Schweizer Tages-Anzeigers mit der Frage: „Wie bitte?“
       Kastner: „Zweckbefreite und absehbar ergebnislose Kombinationen zweier
       Monologe“ spare man sich besser.
       
       In Österreich haben wir in einigen Bundesländern mittlerweile Inzidenzen
       von um die 1.000 (!), eine Katastrophe „droht“ nicht mehr, wir sind
       mittendrin. Der Kollaps des Gesundheitssystems kann sich in einigen
       Regionen nicht mehr abwenden lassen. Menschen werden sterben, weil sie kein
       Krankenhausbett mehr bekommen, sie werden in Notzelten und am
       Krankenhausflur liegen oder unnötig sterben, weil ihr Krebs nicht behandelt
       werden kann.
       
       Das Bergamo des Herbst 2021 heißt Salzburg und Oberösterreich. Aber noch
       immer verweigern die zuständigen Politiker*innen ihre Arbeit und
       „beobachten“ die Zahlen, so wie die Wildhüter im Nationalpark Geparde
       beobachten – ohne viel zu stören.
       
       Die Illusion, dass doch [1][jeder Irrsinn noch mit Dialog und Vernunft
       bearbeitbar sei], führt zwangsläufig zu Mutlosigkeit und
       Entscheidungsschwäche, und die implizite Annahme, dass notwendige Maßnahmen
       die „Polarisierten“ noch mehr reizen würden, hat als logische Folge, dass
       das Nötige nicht getan wird, was aber komischerweise nicht zur Beruhigung
       der Erregten beiträgt.
       
       Eine allgemeine Impfpflicht hat man nicht gewagt, aus Angst, dies würde die
       Impfunwilligen nur weiter aufbringen. Zu den seltsamen Eigenschaften der
       menschlichen Psychologie zählt aber auch, dass die Menschen offenbar klare
       Maßnahmen ewigen Hängepartien vorziehen. Als jetzt verordnet wurde,
       [2][dass Ungeimpfte praktisch keinen Zutritt zu Freizeit- und
       Kulturangeboten mehr haben], ließen sich viele Menschen einfach impfen und
       in TV-Interviews sagten nicht wenige, sie begrüßten, dass es jetzt eine
       klare Regel gibt. Man fragt sich zwar, warum sie es nicht ohne diese Regeln
       getan haben, aber was weiß man schon.
       
       Teil dieser mirakulösen Psychologie ist wohl auch, dass Menschen sich
       vergaloppieren, quasi auf Bäume raufklettern und nicht mehr wissen, wie sie
       da runterkommen sollen, ohne das Gesicht vor den anderen und sich selbst zu
       verlieren. Wenn ihnen eine klare Regelung eine Räuberleiter baut und statt
       – wie angenommen – erbost, sind sie dann erstaunlicherweise dankbar.
       
       Womöglich zeigt sich in dieser Pandemie nur eine generelle Pathologie
       demokratischer Politik, die in den letzten dreißig Jahren um sich griff.
       Die Akteure am „Feld Politik“ haben verlernt, markant zu handeln. Vor den
       Populisten und Extremisten hat diese Mitte vornehmlich Angst, versucht zu
       beschwichtigen. Herumbalancieren auf irgendeinem Mittelweg.
       
       Die Unentschiedenheit der Normalen trifft auf die Besessenheit der Spinner,
       schlechte Kombi. Die „Unentschiedenheit“ ist aber vielleicht sowieso – ganz
       generell – eine Pathologie unseres Zeitalters.
       
       14 Nov 2021
       
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 (DIR) [1] https://www.deutschlandfunkkultur.de/diskussionskultur-mit-rechten-reden-nur-wie.976.de.html?dram%3Aarticle_id=467750
 (DIR) [2] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/2g-oesterreich-101.html
       
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