# taz.de -- Neue SPD-Generation im Bundestag: Politik als Backrezept
       
       > Rasha Nasr sitzt als eine der jungen Hoffnungsträger*innen der SPD
       > im Bundestag. Wie hat sie das geschafft? Und was will sie erreichen?
       
 (IMG) Bild: Vorteil Social Media: Bei Instagram und Twitter ist Rasha Nasr bestens vernetzt
       
       Gleich an ihrem ersten Tag in Berlin sitzt Rasha Nasr neben Olaf Scholz.
       Ein Foto davon, beim Treffen der Landesgruppe Ost der SPD-Fraktion, landet
       auf Twitter. Einen Tag später ist Nasr in der Tagesschau zu sehen,
       stellvertretend für die gesamte 206-köpfige Fraktion der SPD, insbesondere
       für die neue, jüngere Generation in der Partei. Das mit Scholz sei Zufall
       gewesen, sagt die Dresdnerin später am Telefon. Aber: Rasha Nasr hat ein
       Talent für den guten Moment.
       
       Nach nur vier Jahren Mitgliedschaft in der SPD wird sie im März dieses
       Jahres Direktkandidatin für den Wahlkreis Dresden I, landet im Mai auf der
       sächsischen Landesliste auf Platz 4 – und ist im September Mitglied des
       Bundestags. Ein Bundestag, in dem die [1][SPD-Fraktion jünger, diverser und
       ostdeutscher] ist als je zuvor. Mittendrin: Rasha Nasr, in Sakko und weißem
       T-Shirt, auf dem ein großes, buntes Frauenzeichen mit Faust drin prankt,
       das Symbol für Feminismus. Die Inszenierung sitzt.
       
       Am Dienstag, zwei Tage nach der Bundestagswahl, steigt die 29-Jährige um 5
       Uhr 40 in Dresden in den Zug nach Berlin. Das erste von vielen Bildern für
       ihre Follower* bei Instagram entsteht. Nach elf Monaten Eigenwahlkampf
       innerhalb der SPD und über 160 Straßenveranstaltungen ist sie da
       angekommen, wo sie hin wollte: dort, wo Entscheidungen getroffen werden.
       
       Eine Woche zuvor ist Berlin noch ziemlich weit weg. Es ist Mittwoch, der
       22. September, als Rasha Nasr mit drei Genoss*innen vom Ortsverband
       Leuben in Dresden vor der alten Staatsoperette ihren kleinen Wahlkampfstand
       aufbaut. Aufbruch liegt nicht gerade in der Luft. Das Gebäude in
       bröckelndem Altrosa steht seit Jahren leer, das Interesse der
       Passant*innen ist gering, viele haben schon per Brief gewählt. Eine
       Gruppe aus vier kantigen Männern zieht vorbei, einer raunt: „Als ob hier
       jemand SPD wählen würde.“ Am Wahltag wird sich zeigen: Genau hier, im
       Wahlkreis Dresden I, hat die SPD die meisten Zweitstimmen bekommen.
       
       ## Um Gerechtigkeit geht es ihr, besonders für den Osten
       
       Ein bisschen Neugier weckt die Wahlkämpferin aber doch. Ein junger
       Erstwähler, der in der Pflege arbeitet, will wissen, was die SPD für ihn
       tut. Nasr nennt den Mindestlohn und sagt, dass sie sich für eine gerechtere
       Gesellschaft einsetzt. Jemand geht vorbei und ruft, er würde ohnehin AfD
       wählen. Nasr und ihr potenzieller Erstwähler drehen sich kurz um, dann
       greift sie die Situation indirekt gleich auf: „Wir haben eine starke
       Zivilgesellschaft in Dresden. Aber damit diese Strukturen stabil sind,
       brauchen wir das Demokratiefördergesetz.“
       
       Nicht nur um ihre politischen Forderungen geht es ihr – die gebürtige
       Dresdnerin möchte auch den Ruf ihrer Stadt aufpolieren: „Ich bin hier
       geboren, ich liebe diese Stadt und bin auch stolz drauf, Dresdnerin zu
       sein. Das ist mein Zuhause, meine Heimat. Aber manchmal kann diese Stadt
       auch hässlich sein“, sagt sie später, nachdem der Wahlstand für diesen Tag
       wieder eingeklappt ist.
       
       Für frustrierte Mitbürger*innen hat Nasr Verständnis. Sie sagt, sie
       will den [2][Ostdeutschen ihren Stolz] zurückgeben. Gerade die
       arbeitsmarktpolitischen Themen der SPD sind ihr deshalb wichtig. „12 Euro
       Mindestlohn würde hier in Sachsen 600.000 Menschen zugutekommen. Auch ein
       Bundestariftreuegesetz, eine Kindergrundsicherung und natürlich eine Rente,
       die sicher ist.“ Für diese Themen brennt sie, für die will sie kämpfen.
       
       „Du kannst meckern, wie blöd alles ist, oder du versuchst, selbstbewusst
       deinen Hut in den Ring zu werfen“, sagt sie rauchend. Also bewirbt sie sich
       im Oktober 2020 als Direktkandidatin der SPD. Im Mai 2021 wird sie
       zusätzlich auf die Landesliste gewählt. Platz 4. Zu diesem Zeitpunkt
       rechnet sich die Partei nicht mehr als drei Mandate aus.
       
       „Damals war das der Hoffnungsplatz“, sagt [3][Martin Dulig] am Wahlabend.
       Wohlgelaunt ist der sächsische Wirtschaftsminister und Nochvorsitzende der
       SPD Sachsen gerade aus einem Fernsehstudio zur Wahlfeier im Dresdner
       Elbegarten gestoßen, unterhalb des Blauen Wunders. Die Ergebnisse sehen gut
       aus, es herrscht allseits Partystimmung. Die SPD ist zurück, die
       Genoss*innen können ihr Glück selbst kaum fassen. Mit 24,6 Prozent der
       Zweitstimmen ist die AfD in Sachsen der Wahlsieger, das haben hier alle
       erwartet. Aber die 19,3 Prozent für die SPD im Gegensatz zu 17,2 Prozent
       für die CDU – das ist eine Sensation.
       
       ## Plötzlich tat sich Raum für junge „Rookies“ auf
       
       Noch bei der Bundestagswahl 2017 erreichte die SPD in Sachsen gerade mal
       10,5 Prozent. Zur Landtagswahl 2019 waren es mickrige 7,7. Dass die
       Bundestagsfraktion der SPD nun jünger ist, hat womöglich damit zu tun, dass
       niemand die hinteren Listenplätze ganz ernst genommen hat und plötzlich
       Platz für ein paar Rookies, für Neulinge, war.
       
       Rasha Nasr wird 1992 in Dresden geboren. Ihre Eltern sind 1986 aus Syrien
       in die DDR eingewandert, nach der Friedlichen Revolution zieht die Familie
       in ein Dorf im Landkreis Meißen. Als 2015 viele Geflüchtete aus der Heimat
       ihrer Eltern nach Deutschland kommen, ist Nasr gerade mit dem Politik- und
       Philosophiestudium an der TU Dresden fertig und arbeitet dort in der
       Pressestelle.
       
       2016 wird sie Asylkoordinatorin in der Bergarbeiterstadt Freiberg. Dort
       lernt sie im selben Jahr Martin Dulig kennen. Ein Jahr später tritt sie in
       die SPD ein und arbeitet als Pressesprecherin beim Landesverband der
       Partei, also bei Martin Dulig. Was hat der mit der Karriere von Rasha Nasr
       zu tun? „Erfolg hat viele Mütter und Väter“, meint er.
       
       Nasr selbst sagt: „Martin Dulig hat mich in die SPD geholt.“ Seine Art, mit
       Menschen zu sprechen, habe sie mitgerissen. Dulig wiederum sagt, Nasr
       begeistere ihn, weil bei ihr Herz und Kopf zusammenkämen. Sie ist das, was
       viele so gerne wären: authentisch.
       
       ## Ihr politisches Idol: Alexandria Ocasio-Cortez
       
       Rasha Nasr ist eine leidenschaftliche [4][Sozialdemokratin auf Sächsisch].
       Sie sagt Sachen wie „übelst krass“ oder „das geeht ni“. In diesem weichen
       sächsischen Hochdeutsch erklärt sie, wie sie ihre Heimat gestalten will.
       Den Drang, die Welt um sich herum zu verändern, hat Rasha Nasr wohl von
       ihren Eltern. „Sie haben mir beigebracht: Setz dich für deine Mitmenschen
       ein. Begegne ihnen mit Respekt und Liebe, und du wirst es zurückbekommen.
       Das hat mich sehr geprägt.“
       
       Ausgiebig könnte Nasr über Ausgrenzung, rassistische Übergriffe und
       verdachtsunabhängige Polizeikontrollen sprechen. Über die Frau, die sie
       einmal vom Fahrrad zerren wollte. Über die drei Männer, die ihr nach dem
       Einkaufen Prügel androhten. Über Hass in sozialen Netzwerken. Sie spricht
       darüber – aber dosiert. Sie will lieber das Positive betonen und zunächst
       einmal an das Gute im Menschen glauben. „Wie willste sonst weitermachen?“
       
       Kraft gibt ihr neben ihrer Familie und ihrer Partei auch die Initiative
       Brand New Bundestag, kurz: BNB. Vorbild dafür ist die Initiative Brand New
       Congress, über die die mittlerweile weltweit bekannte demokratische
       Abgeordnete [5][Alexandria Ocasio-Cortez] ins US-amerikanische
       Repräsentantenhaus gekommen ist.
       
       Rasha Nasr hat die Dokumentation „Knock Down the House“ über Brand New
       Congress gesehen, der Aufstieg von Ocasio-Cortez inspiriert sie: „Das war
       für mich ein sehr empowernder Moment. Als diese junge Frau mit 28 in dieses
       Haus eingezogen ist, aufgeräumt hat und den Männers dieser Welt, die
       dickeirig durch den Kongress gelaufen sind, selbstbewusst die Stirn geboten
       hat. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Deshalb habe ich mich dann bei
       Brand New Bundestag beworben.“
       
       Von der Initiative wird Nasr seit Dezember 2020 gefördert. Mit Workshops zu
       Social-Media-Auftritten, zum Umgang mit Hate Speech und mit einer
       Einführung ins Leben als Bundestagsabgeordnete. Von BNB erhält sie auch
       eine finanzielle Unterstützung von 2.000 Euro. Damit lässt Rasha Nasr ein
       Backbuch drucken: „Cupcake Politics“. Darin erklärt sie ihre politischen
       Ziele mithilfe von Backrezepten.
       
       Tatsächlich liebt Nasr das Backen. Bis 2017 waren auf ihrem Instagram-Kanal
       fast ausschließlich üppige Torten zu sehen. Für den Wahlkampf hat sie ein
       handlicheres Format gewählt: kleine Tassenkuchen, Cupcakes. Sie macht auch
       Videos für die sozialen Medien, will politische Inhalte einfach erzählen.
       In einem Bundesland, in dem Politik einen großen Teil der Menschen nicht
       mehr erreicht, ist die Frage nach Verständlichkeit womöglich zentral.
       
       „Dass sie gewinnen würde, war mir vollkommen klar“, sagt Friedrich Jung in
       Dresden auf der Wahlparty der SPD. Gegen ihn hat Nasr sich im März als
       Direktkandidatin ihres Wahlkreises durchgesetzt. Der 57-Jährige ist ein
       freundlicher Mann aus der Eifel, der seit 1993 in Dresden lebt – ein eher
       klassischer Genosse, wie er selbst sagt: erst Diplomvolkswirt, dann
       Gewerkschafter, dann Genosse. Schon Jungs Vater und Großvater waren
       Sozialdemokraten. Eine solche Art der Verwurzelung der SPD in der
       Gesellschaft sehe er in Sachsen leider nicht.
       
       „Wenn ich heute junge Leute ansprechen will, muss ich auch junge Leute
       anbieten. Wir brauchen einen anderen Blickwinkel als nur von den bekannten
       Gesichtern“, sagt Jung. Genau dafür steht Rasha Nasr, und eben dafür wird
       sie an jenem Abend mit Applaus und „Rasha, Rasha“-Rufen gefeiert.
       
       ## Ein Genosse warnt: Sie darf sich nicht verheizen lassen
       
       Rasha Nasr strahlt geradezu als Sinnbild für den jungen, diversen und
       ostdeutschen Nachwuchs an diesem Abend. Was ihr noch fehlt, das ist
       praktische Erfahrung in einem politischen Amt. Sie will gerne in den
       Ausschuss für Arbeit und Soziales oder den Innenausschuss. Bei harten
       politischen Diskussionen wird sich dann zeigen, wie viel Gehör ihre
       Expertise finden wird. Ein Genosse auf der Dresdner SPD-Party meint, sie
       müsse aufpassen, sich nicht verheizen zu lassen.
       
       An diesem Jubelabend nach der Wahl traut man ihr in Dresden aber erst
       einmal sehr viel zu. Allen auf der Party leuchten die Augen, wenn man sie
       auf Rasha Nasr anspricht. Das neue Selbstbewusstsein der SPD – es beruht
       auch auf Kandidatinnen wie ihr. Einer, die begeistern kann.
       
       Rasha Nasr, die sich von Alexandria Ocasio-Cortez beeindrucken ließ, ist
       selbst zum Vorbild geworden. Eine Dokumentation über sie und die anderen
       brandneuen Bundestagsmitglieder ist bereits in Arbeit.
       
       3 Oct 2021
       
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