# taz.de -- Abzug aus Afghanistan: Zivile Opfer auf den letzten Metern
       
       > Um ihren Rückzug zu sichern, haben die USA wohl Zivilisten getötet. Wer
       > waren sie? Indes äußern sich die Taliban zum Lehrplan an Universitäten.
       
 (IMG) Bild: Rückzug unter Raketenhagel: Ausgebranntes Auto in Kabul am Montag, 30. August
       
       „Jene, die diesen Angriff ausführten, sollen wissen: Wir werden nicht
       vergeben. Wir werden nicht vergessen. Wir werden euch jagen, und ihr werdet
       dafür bezahlen.“ Das waren die [1][Worte von US-Präsident Joe Biden],
       nachdem am vorigen Donnerstag ein Selbstmordattentäter am Kabuler
       Flughafen mindestens 182 Menschen umgebracht hatte, die Mehrzahl
       ausreisewillige Afghan:innen, aber auch 13 US-amerikanische Soldaten.
       
       Nun kommen allerdings Zweifel daran auf, dass bei zwei US-Drohnenanschlägen
       am Freitag in der ostafghanischen Stadt Dschalalabad und am Sonntag nahe
       dem Kabuler Flughafen tatsächlich die Beteiligten oder weitere Attentäter
       getroffen wurden.
       
       Zum Angriff in Dschalalabad erklärte Generalmajor Hank Taylor, Vizechef des
       Vereinigten Generalstabs für Regionale Operationen, am Sonntag, dass dabei
       „zwei hochrangige ISIS-Ziele“ getötet und ein weiteres verletzt worden
       seien. Pentagon-Sprecher John Kirby präzisierte später, dass es sich um
       „ISIS-K-Planer und Verbindungsleute“ gehandelt habe.
       
       Keiner der Sprecher sagte allerdings, dass es sich um den Planer des
       Flughafenanschlags gehandelt habe. Taylor fügte hinzu: „Wir wissen, dass es
       null zivile Opfer gab.“ ISIS und ISIS-K sind US-Abkürzungen für den
       „Islamischen Staat“ in Irak und Syrien und dessen afghanischen Ableger, „IS
       Provinz Chorasan“.
       
       ## Kinder unter den Opfern
       
       In Afghanistan wird das anders gesehen. Das auch unter den Taliban
       [2][weiterarbeitende unabhängige Nachrichtenportal Ariana] berichtete unter
       Berufung auf Anwohner, dass in Dschalalabad „ein Mann, eine Frau und ein
       Kind“ einer Familie getötet worden seien. Es ist bekannt, dass auch
       Familien von IS-Mitgliedern im Land sind. Schon unter Präsident Barack
       Obama hatte das Weiße Haus festgelegt, dass Personen, die sich mit
       „Terroristen“ unter einem Dach aufhalten, nicht als zivile Opfer geführt
       werden müssen.
       
       Große Zweifel gibt es auch an einer zweiten Operation am Sonntag in Kabul,
       die als Präventivschlag gegen weitere Attentäter deklariert wurde, die sich
       dem Flughafen in einem „sprengstoffbeladenen Fahrzeug“ genähert hätten.
       Dabei sei laut Sprecher des Zentralkommandos des US-Militärs, Hauptmann
       Bill Urban, „mindestens eine mit dem afghanischen ISIS-Ableger assoziierte
       Person“ getötet worden. „Wir sind davon überzeugt, dass wir das Ziel
       getroffen haben“, sagte er.
       
       Muslim Shirzad, ein offenbar in London lebender früherer afghanischer
       Universitätsdozent und Fernsehsprecher, [3][behauptete auf Twitter], der
       Drohnenangriff habe neun Mitglieder einer Großfamilie getötet, drei
       Erwachsene und sechs Kinder im Alter zwischen zwei und zehn Jahren, und
       veröffentlichte ihre Namen.
       
       Eines der Opfer sei ein afghanischer Armeeoffizier, der 30-jährige
       [4][Naseer Nejrabi,] ein weiteres ein früherer Dolmetscher des US-Militärs
       gewesen, der 40-jährige Zamaray Ahmadi. Die Familie stamme aus dem
       Pandschirtal und der Provinz Kapisa, die Anti-Taliban- und
       Anti-IS-Hochburgen sind. „Wir sind nicht ISIS-K, sondern gewöhnliche Leute“
       habe ihm ein anderes Mitglied der Familie gesagt.
       
       ## Geschosse in Wohnviertel umgeleitet
       
       Am Montag konzedierte Urban, dass der Drohnenangriff mehrere Explosionen
       ausgelöst habe, die zu weiteren Todesopfern geführt haben könnten. Man
       prüfe Berichte über zivile Opfer.
       
       Ebenfalls am Montag wurden wieder Raketen aus dem Kabuler Stadtgebiet auf
       den Flughafen abgefeuert. Sie schlugen in dem nahe gelegenen Stadtteil
       Salim Karwan ein. Afghanische Medien sprechen von mindestens sechs
       getöteten Zivilisten. Nach dem Bericht von Sicherheitsanalysten in Kabul
       habe das Raketenabwehrsystem die Geschosse abgewehrt und sie, oder
       Bestandteile, offenbar in ein ziviles Wohngebiet abgelenkt. Der Anschlag
       entspricht dem Muster früherer IS-Attacken.
       
       [5][Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid drückte am Wochenende] seine
       Hoffnung aus, dass „vom IS beeinflusste Afghanen ihre Aktionen aufgeben
       werden, wenn sie sehen, dass eine islamische Regierung ganz ohne die
       Präsenz von Ausländern gebildet wird“.
       
       Am Dienstag endet der fast 20 Jahre dauernde Militäreinsatz in Afghanistan.
       Über die von den USA koordinierte Luftbrücke konnten seit dem 14. August,
       kurz vor der Machtübernahme der Taliban, gut 116.000 Menschen evakuiert
       werden. Noch immer warten Tausende auf ihre Evakuierung.
       
       ## Wider die „moralische Korruption“
       
       Mehr Einzelheiten gibt es inzwischen über die am Sonntag von den Taliban
       angeordnete Aufhebung der Koedukation an Afghanistans Universitäten. Bei
       einer Konferenz im Kabuler Hochschulministerium, zu der nur Männer
       zugelassen waren, kündigte der neue Taliban-Fachminister, der Geistliche
       Maulawi Abdul Baki Hakkani, zunächst an, dass „Jungen und Mädchen“ weiter
       die Universitäten besuchen dürften, jedoch nicht mehr in gemeinsamen
       Klassen, und dass „moralische Korruption“ an den Campussen eliminiert
       werde.
       
       Es solle einen neuen, „vernünftigen islamischen Lehrplan in Übereinstimmung
       mit unseren islamischen, nationalen und historischen Werten“ geben, der
       gleichzeitig wettbewerbsfähig mit anderen Ländern sei. Auch in der Grund-
       und Oberschule sollen Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet werden.
       Hakkani warf „einigen Ländern“ vor, dass sie Akademiker absichtlich aus dem
       Land brächten. Ausländische Unterstützung sei indes willkommen.
       
       Hochschullehrer Sami Mahdi befürchte auf Twitter, dass seinen Studentinnen
       mangels genügend Dozentinnen „das Recht auf Bildung vorenthalten“ wird. Es
       gehe aber nicht nur um fehlende Lehrkräfte, sondern um „die Idee dahinter“.
       
       30 Aug 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=CkgAZuUeAus
 (DIR) [2] https://ariananews.af/
 (DIR) [3] https://twitter.com/MuslimShirzad/status/1432233682098601984?s=20
 (DIR) [4] https://twitter.com/MuslimShirzad/status/1432261845126111233?s=20
 (DIR) [5] https://www.ndtv.com/world-news/exit-of-foreign-forces-will-stop-isis-attacks-in-afghanistan-taliban-2523944
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Ruttig
       
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