# taz.de -- Ex-Vize-Außenministerin zu Afghanistan: „Ich habe Hoffnung für das Land“
       
       > Naheed Esar war bis 2020 stellvertretende Außenministerin Afghanistans.
       > Ein Gespräch zwischen Schock, Enttäuschung und etwas Zuversicht.
       
 (IMG) Bild: Viele auf dem Land sind für die Verschleierung: Mädchenschule im Nordosten von Afghanistan 2008
       
       Naheed Esar, 33, arbeitete von 2014 bis 2020 für die afghanische Regierung,
       als stellvertretende Außenministerin. Zuvor war sie als politische
       Aktivistin und Analystin tätig. Derzeit studiert sie in den USA
       Kulturanthropologie. Esar hegt mittelfristig Hoffnung, vor allem wegen der
       jungen Generation, die in den letzten 20 Jahren herangewachsen ist und für
       die Selbstbestimmung wichtig ist. Sie beobachtet aber auch den
       Schockzustand, in dem sich viele Menschen gerade befinden, und sieht einen
       enormen Vertrauensverlust gegenüber westlichen Organisationen. 
       
       taz: Naheed Esar, haben Sie die Ereignisse, der schnelle Vormarsch der
       Taliban, der geringe Widerstand von Armee und Regierung, so überrascht wie
       offenbar die Regierungen in Europa und Nordamerika? Oder war es eine
       logische Entwicklung? 
       
       Naheed Esar: Was geschah, konnte man schon voraussehen. Aber nicht, dass es
       so schnell geschehen würde. Die Geschwindigkeit ist unglaublich. Ich bin
       immer noch schockiert. Es ist wie ein Albtraum.
       
       Was vor allem verblüffte, war, wie schnell die Taliban lokale Kommandeure
       und Governeure gewinnen konnten, ihre Gebiete aufzugeben. Welche Logik,
       welche Motivation steckte dahinter? 
       
       Die Taliban haben das Land niemals verlassen. Sie arbeiteten auf einem
       Graswurzelniveau und waren immer da. Die Lage wurde so plötzlich so
       chaotisch, dass jedermann in Angst versetzt war. Viele dachten nur noch an
       das eigene Überleben und das der unmittelbaren Familie. Man kann sie
       deswegen auch nicht verurteilen. Wir hören jetzt sehr schlimme Geschichten,
       wie die Dinge sich geändert haben, Familien wurden gefangen genommen. Es
       herrscht große Unsicherheit.
       
       Welche Entwicklung erwarten Sie für junge Frauen, wie Sie selbst es sind,
       mit einem Universitätsabschluss, mit beruflicher Erfahrung in Verwaltung,
       Politik oder dem Bildungsektor, mit einer Leitungsposition vielleicht oder
       auch mit eigenen Unternehmen? 
       
       Das ist schwer zu sagen. Ich selbst habe einige Wechsel in meinem Leben
       durchgemacht. Ich war selbst Ziel von Angriffen. Aber was ich damals stets
       hatte, war Hoffnung. Der größte Unterschied jetzt ist der Verlust jedweder
       Hoffnung, für mich persönlich und für viele Frauen wie mich. Ich wünsche
       mir wirklich sehr, dass das neue Regime all die Errungenschaften für Frauen
       in den letzten 20 Jahren bestehen lässt, ja dass diese Entwicklung sogar
       weitergeht.
       
       Denn Frauen haben in ganz vielen Sektoren, sei es Bildung, sei es
       Wirtschaft, sei es Kultur, unglaublich viel beigetragen. In der Universität
       von Herat gab es zum allerersten Mal in unserer Geschichte überhaupt eine
       Mehrheit von 60 Prozent Studentinnen. Diese Generation hat sich selbst
       gebildet, sie hat viele Hürden dabei überwunden. Das darf nicht aufhören.
       Die größte Sorge ist, dass sie all das verlieren werden, was sie erreicht
       haben. Der wichtigste Kampf besteht darin, das nicht zuzulassen.
       
       Was genau muss dafür getan werden? 
       
       Auf internationaler Ebene ist das Aufgabe von Politik, Diplomatie und
       Debatten. Man muss Druck auf das neue Regime ausüben. Es hat sich ja noch
       nicht richtig etabliert. Aber jede Regierung, die kommt, muss dazu
       verpflichtet werden, die Erfolge der letzten 20 Jahre nicht aufzugeben. Es
       geht um Menschenrechte, Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht für
       Frauen. Es geht auch darum, dass sie zur Wirtschaft beitragen, dass sie
       arbeiten können. Und auf lokalem Level geht es für Frauen, die bereits
       gearbeitet haben, darum, nicht die Hoffnung zu verlieren.
       
       Ihre Mutter organisierte während der ersten Herrschaft der Taliban eine
       Untergrundschule, um Mädchen und Frauen zu unterrichten. Müssen Frauen und
       Mädchen so etwas jetzt wieder tun, im Geheimen Schulen gründen? 
       
       Ich war eines der Kinder, die einfach Glück hatten. Ich wuchs in einer
       Familie auf, in der die Mutter politisch aktiv war. Während der
       Taliban-Herrschaft betrieb sie eine illegale Schule. Ich war dort
       Schülerin. Jetzt in den USA zu studieren, ein Fulbright-Stipendium zu haben
       – all das ist nur deshalb möglich. Aber es ist schwierig, immer wieder
       diese Kraft aufzubringen, die eigenen Kinder zu unterrichten und die Kinder
       der Nachbarn.
       
       Und die Risiken waren groß. Hätte jemand von dieser Schule gewusst, die
       meine Mutter betrieb, ihr Leben wäre in Gefahr gewesen. Ich merke selbst,
       dass ich weiter Hoffnung hege, denn die heutige Generation ist nicht die
       Generation von vor 20, 30 Jahren. Wir sind eine Generation, für die
       Kommunikation national wie international sehr einfach, sehr
       selbstverständlich ist. Wenn es Übergriffe gibt, ist es heute viel
       einfacher, die Stimme zu erheben auf den sozialen Plattformen.
       
       Wie wird diese jüngere Generation auf die Taliban reagieren? Wird sie
       versuchen, ihre Art zu leben zu verteidigen? Oder ist bei manchen die
       Enttäuschung so groß, sind vielleicht auch die sozialen und ökonomischen
       Probleme so eklatant, dass für sie die Taliban attraktiv werden? 
       
       Man kann das nicht generalisieren. Die Gesellschaft ist noch immer stark
       nach Stämmen organisiert. Es gibt große Unterschiede zwischen Stadt und
       Land. In den Städten ist die junge Generation mehr demokratischen Ideen
       zugewandt. In den ländlichen Regionen gibt es auch viele Menschen, die
       Demokratie für wichtig halten. Aber es gibt auch viele junge Leute dort,
       die ganz und gar nicht an Demokratie glauben, die meinen, Verschleierung
       für Frauen sollte wieder Pflicht werden.
       
       Sie wollen Frauen nicht in der öffentlichen Sphäre haben, sondern nur in
       der privaten, und sehen sie als Eigentum der Männer an. Aber das Wichtige
       ist, dass es inzwischen eine ganze Welle von Jüngeren gibt, die in den
       letzten 20 Jahren Bildung genossen haben, Männer wie Frauen, die erfahren
       haben, wie schön es ist, für sich selbst entscheiden zu können. Ich habe
       deshalb auch Hoffnung für das Land. Und ich möchte, dass auch der neuen
       Regierung klar ist, dass die Bevölkerung von Afghanistan nicht die gleiche
       ist wie vor 20 Jahren. Auch die Taliban sollten Menschenrechte und
       Frauenrechte achten.
       
       Welche Rolle spielten bei den Veränderungsprozessen in den letzten zwei
       Jahrzehnten Kunst und Kultur? Was sind die wichtigsten Errungenschaften der
       Kulturpoilitik? 
       
       Das Wichtigste ist meiner Meinung nach der Austausch, vor allem über
       Internet und soziale Medien. Afghanínnen und Afghanen hatten auf diese Art
       Zugang zur globalen Community. Das war natürlich eher eine Einbahnstraße,
       Afghaninnen und Afghanen rezipierten, was von außen kam. Eine wichtige
       Rolle spielt bei uns das Singen.
       
       Halb im Scherz kann man sagen, dass es in Afghanistan mehr Sänger gibt als
       Publikum. Theater spielt auch eine Rolle. Ich habe selbst ein Theaterstück
       geschrieben, es aber nur in den USA aufgeführt. Wichtig waren
       Theaterproduktionen, die auch einen psychologischen Effekt hatten, mit
       Kriegswitwen zum Beispiel. Um tiefgreifende Effekte zu haben, müsste dies
       aber länger gehen.
       
       In Deutschland wird gerade sehr intensiv diskutiert, was mit den
       Ortskräften geschieht, den Menschen also, die für das westliche Militär
       oder die verschiedensten NGOs gearbeitet haben und die derzeit versuchen,
       das Land zu verlassen. Was man über die Situation am Flughafen Kabul
       erfährt, ist allerdings beängstigend. Sehr irritierend ist, dass vor allem
       deutsche Institutionen sich als weitgehend unfähig erweisen, ihre früheren
       Mitarbeiter*innen auszufliegen. Welche Signale sendet das aus? Werden
       Afghaninnen und Afghanen in Zukunft überhaupt noch gewillt sein, mit den
       internationalen Organisationen zusammenzuarbeiten, die sie jetzt
       offenkundig weitgehend im Stich lassen?
       
       Momentan sehe ich eher, dass frühere Regierungsmitarbeiter in Gefahr sind.
       Aber die Menschen, die für NGOs gearbeitet haben, fühlen sich tatsächlich
       im Stich gelassen. Sie haben Vertrauen verloren. Ich bin mit vielen von
       ihnen in Kontakt. Und was sie mir sagen, ist, dass die meisten von ihnen
       sich verraten fühlen von den Ländern, zu denen sie loyal waren. Ich glaube
       nicht, dass sie in naher Zukunft ihr Leben oder das ihrer Kinder riskieren
       wollen, indem sie erneut für diese Organisationen arbeiten, die jetzt ihr
       Leben nicht gerettet haben.
       
       24 Aug 2021
       
       ## AUTOREN
       
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