# taz.de -- Talibanherrschaft in Afghanistan: Ungeklärte Zustände
       
       > Die Taliban kontrollieren Afghanistan. Regional werden Berufsverbote für
       > Frauen ausgesprochen. Von einer Regierung kann noch keine Rede sein.
       
 (IMG) Bild: Frauen haben von der Talibanherrschaft am meisten zu befürchten. Kabul am 22. August 2021
       
       Berlin dpa/rtr/taz | [1][Die Taliban] haben keine Eile, eine neue Regierung
       für Afghanistan zu bilden. Bislang haben sie erst zwei provisorische
       Minister ernannt. Ihr bisheriger Sprecher Sabihullah Mudschahed ist nun für
       Information und Kultur und damit auch für die Medien verantwortlich.
       Offenbar versuchen die Taliban, ihre Außenkommunikation in den Griff zu
       bekommen. In den vergangenen Tagen waren angeblich hochrangige „Vertreter“
       aufgetaucht, von denen unklar ist, ob sie wirklich für die Taliban-Führung
       sprechen.
       
       Zudem ernannten die Taliban den Geistlichen Mullah Bacht-ur-Rahman
       Scharafat zum Minister für öffentliche Arbeiten. Er soll nach Angaben einer
       afghanischen Nachrichtenagentur, die weiterhin online aktiv ist, bereits am
       Samstag mit den Abteilungsleitern des Ministeriums zusammengetroffen sein,
       um deren Weiterarbeit zu organisieren. Zuvor hatten sich die Taliban auch
       an den Gesundheitsminister der vorherigen Regierung gewandt, um die
       Weiterarbeit mit dessen Ministerium in dem [2][coronageplagten Land]
       sicherzustellen.
       
       Die Taliban verfügen mit der „Rahbari Schura“, ihrem Führungsrat, durchaus
       über eine Entscheidungsstruktur. Dem Rat unterstehen mehrere
       Ressortkommissionen, von Politik und Finanzen bis zur Zusammenarbeit mit
       NGOs, auch auf Provinz- und Distriktebene. Mullah Abdul Ghani, besser
       bekannt unter seinem Kampfnamen Mullah Baradar, führte als Vorgesetzter der
       Politischen Kommission der Taliban in Kabul weitere Gespräche mit führenden
       Politikern des alten Systems über deren etwaige Einbeziehung in eine
       künftige „inklusive islamische Regierung“, darunter mit Ex-Präsident Hamed
       Karsai und dem Chef des Nationalen Versöhnungsrats, Abdullah Abdullah.
       
       Zudem setzten die Taliban eine Kommission ein, die das Bankwesen wieder in
       Gang bringen soll. Die [3][Banken sind geschlossen], denn die Nationalbank
       hat kaum noch Bargeldreserven. Die US-Regierung fror afghanische
       Guthaben ein. Amir Khan Mutaki, Mitglied des Taliban-Führungsrats,
       bezeichnete dies als „moralisches Verbrechen und unfair“. Da die
       Geberländer die afghanische Regierung sowie Hilfsorganisationen gezwungen
       hatten, ihre Mitarbeiter:innen nur noch über Bankkonten zu bezahlen,
       um Korruption zu bekämpfen, haben viele keinen Zugang mehr zu ihren
       Rücklagen. Auch Überweisungen von Verwandten sind derzeit nicht möglich,
       denn Geldüberweisungsdienste wie Western Union haben ihre Tätigkeit
       unterbrochen. Gleichzeitig steigen bereits die Preise für Waren des
       täglichen Bedarfs.
       
       ## Zu Tode getrampelte Menschen
       
       Unterdessen schaffen regionale Taliban-Vertreter offenbar Tatsachen, ohne
       dass klar ist, ob in Eigeninitiative oder in Abstimmung mit der zentralen
       Führung. In der Westprovinz Herat „beschlossen“ örtliche Taliban und Leiter
       staatlicher und privater Universitäten, dass Studentinnen und Studenten
       künftig nicht mehr gemeinsam studieren dürfen. Dozentinnen dürften nur noch
       Frauen unterrichten. Der Taliban-Provinzchef für das Hochschulwesen, Mullah
       Farid, führte als Begründung an, Koedukation sei „die Wurzel allen Übels in
       der Gesellschaft“. In der Provinz Ghasni untersagte der Chef der örtlichen
       Informations- und Kulturkommission Frauen, weiter bei lokalen Radiosendern
       zu arbeiten sowie die Ausstrahlung von Musikprogrammen.
       
       Berichte, dass die Taliban die Verantwortung für die Sicherheit am
       Flughafen Kabul, übernommen haben, sind bisher nicht bestätigt. Es hieß,
       die Sondereinheit der Taliban-Polizei Badri 313 habe die Menschen dort „in
       ordentliche Warteschlangen“ eingereiht. Die Tore zum Flughafen waren in den
       vergangenen Tagen von Ausreisewilligen belagert worden. Bei Tumulten kamen
       nach Nato-Angaben 20 Menschen ums Leben; viele wurden zu Tode getrampelt.
       Vom Flughafengelände wurde auf Menschen geschossen, die die Umfassungsmauer
       überklettern wollten. Nach wie vor kontrolliert US-Militär den Flughafen
       zusammen mit Angehörigen der bewaffneten Einheit 01 des bisherigen
       afghanischen Geheimdienstes NDS. Für zusätzliche Angst sorgen Gerüchte über
       einen geplanten Selbstmordanschlag durch den afghanischen Ableger des
       Islamischen Staats, der mit den Taliban verfeindet ist.
       
       Die Wiederherstellung eines geordneten Zutritts zum Flughafen wäre die
       Voraussetzung für eine Wiederaufnahme der [4][internationalen
       Evakuierungsflüge]. Es ist aber nicht klar, ob die Taliban und das
       ausländische Militär in Kabul in dieser Angelegenheit miteinander
       kommunizieren.
       
       Großbritannien teilte jedoch am Sonntag mit, dass der britische
       Evakuierungseinsatz in Kabul an Fahrt aufgenommen habe. Innerhalb von 24
       Stunden seien 1.721 Menschen in acht Maschinen der Royal Air Force
       ausgeflogen worden. Anders als am Vortag gelinge es nun besser, geordnete
       Schlangen zu bilden und die Wartenden auf den Flughafen zu bringen. Das
       liege auch daran, dass die Taliban dies nicht blockierten.
       
       ## G7 berät über Afghanistan
       
       EU-Kommissionschefin Ursula [5][von der Leyen schloss derweil eine
       Anerkennung der Taliban] als Regierung sowie „politische“ Gespräche mit
       ihnen aus, nicht aber humanitäre oder technische.
       
       Die Bundeswehr hat am Sonntag weitere 196 Menschen ausgeflogen, am Sonntag
       verließ eine Maschine Kabul in Richtung Usbekistan. Insgesamt hat die
       Bundeswehr wohl mehr als 2.300 Menschen evakuiert. Seit Samstag verfügt sie
       zudem über zwei Hubschrauber, die für Evakuierungen in Kabul genutzt werden
       können.
       
       Am Dienstag wollen die Staats- und Regierungschefs der [6][G7 über
       Afghanistan beraten]. Dies teilte der britische Premierminister Boris
       Johnson mit. Es sei von „entscheidender Bedeutung, dass die internationale
       Gemeinschaft zusammenarbeitet, um sichere Evakuierungen zu gewährleisten,
       eine humanitäre Krise zu verhindern und dem afghanischen Volk zu helfen,
       die Fortschritte der letzten 20 Jahre zu schützen“.
       
       22 Aug 2021
       
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